28
Jan

Ernst Mantel

Der Komiker Ernst Mantel tanzt auf verschiedenen Hochzeiten – doch zuhause ist er auf der Ostalb.

Die meisten dürften ihn als Mitglied der „Kleinen Tierschau“ kennen, seit über 25 Jahren eine Institution in Sachen Comedy zwischen Stuttgart und Bodensee. Doch mittlerweilse tourt er auch in anderen Besetzungen durchs Ländle. Der Weg zu ihm führt auf die Ostalb.

Wer ihn dort aufspüren will braucht, sofern er kein Navigationssystem besitzt, wenigstens gute Landkarten. Grobrichtung Aalen, das findet man noch, aber wo es dann ab geht nach Heuchlingen und Holzleuten wissen sonst nur Ortskundige. Zwischen Aalen und Abtsgmünd liegt das 150-Seelen-Dorf Laubach, der Weg dahin führt über enge, gewundene, von Bauernhöfen gesäumte Landstraßen. Eine Gegend, in der der sprichwörtliche Hund begraben liegt. Aber dann, kurz hinter dem Ortsschild von Mögglingen, fällt der Blick auf ein Plakat. Ein typisches Dorf-Event wird angekündigt, eine „Kleintierschau“. Und schlagartig wird einem klar, wie die Comedytruppe „Die kleine Tierschau“, als deren Mitglied Ernst Mantel bekannt geworden ist, auf ihren Namen gestoßen sein muss.

Gemütlich ist es in Ernst Mantels Küche, die Zimmerdecke ist tief, das Mobiliar rustikal, typisch Bauernhaus eben. Das einzig auffallend Moderne ist die chromblitzende Espressomaschine, denn Ernst Mantel trinkt gerne Cappuccino. Vor zwölf Jahren hat er das Haus gekauft. Es sei schon immer sein großer Traum gewesen, irgendwann ein altes Bauernhaus zu haben, erzählt Mantel, obwohl das Haus ein „Sparkässle“ ist: Ständig müsse man was reinstecken. Jetzt wird grade das Dach saniert, das bedeutete nochmal einen Kredit in Höhe eines kleinen Einfamilienhauses, denn das Haus ist groß. Und das Dach erst recht. Eigentlich wollte er nicht nach Laubach ziehen. Liegt das Dorf doch nur drei Kilometer weg von seinem Heimatort Heuchlingen, „zu dicht drauf“ war ihm das zunächst. Aber das Haus wollten sie haben, und an das Leben im Dorf war Ernst Mantel gewohnt. „Ein bekennendes Landei“ sei er. Natürlich hat er als Künstler eine Sonderrolle. Aber wenn man sich an die Gepflogenheiten des Dorflebens halte, sei das kein Problem. Man müsse die Leute eben grüßen, Kontaktpflege sei wichtig, sonst habe man es schwer. Vor allem aber genießt er die Nähe zur Natur. Wenn er mit seinem Hund Wenzel, einem Airdale-Terrier, aus dem Haus geht, ist er sofort im Grünen.

Freilich ist er nicht so oft zuhause. An die 170 Auftritte hat er im Jahr, davon mittlerweile die meisten mit seinem Duo Ernst & Heinrich, der Rest mit der kleinen Tierschau, dazu kommen ein paar Soloauftritte. Wenn es geht, fährt er abends nach den Konzerten wieder nach Hause, aber oft geht es halt nicht. Dann müssen seine Frau und seine vier Kinder ohne ihn klarkommen. Mit seiner Frau Irene ist er seit 19 Jahren verheiratet, kennengelernt haben sich die beiden schon in der Schule. Nach dem Abitur folgte Ernst ihr nach München, wo sie beide Kunstgeschichte studierten, dann wechselten sie nach Tübingen. 1986 brachen sie das Studium ab, kurz vor dem Examen. Denn damals ging es plötzlich steil aufwärts mit der Kleinen Tierschau. Fernsehauftritte bei Alfred Biolek und eine Eurovisionssendung („am Wörthersee“) brachten bundesweite Aufmerksamkeit, die Kleine Tierschau füllte plötzlich große Hallen. Dabei hatte bis dahin keiner an eine Profikarriere als Bühnenkünstler gedacht.

Die Kleine Tierschau, das sind Michael Schulig, Michael Gaedt und Ernst Mantel. Die drückten auf dem Gymnasium in Heubach gemeinsam die Schulbank und verkehrten in der gleichen Clique. Musik machten sie auch zusammen: zunächst nur aus Spaß, dann folgten erste kleine Auftritte in Kneipen mit Songs aus den 30er- und 40er Jahren, „im Stil der Comedian Harmonists“ – ziemlich skurril sei das damals gewesen, meint Ernst Mantel. 1981 nannten sie sich dann „Die kleine Tierschau“: ein spontaner Einfall von Michael Gaedt, nachdem ein Veranstalter gedroht hatte, sie auf dem Plakat als „Die Grashoppers“ anzukündigen, wenn sie keinen eigenen Namen hätten. Mit dem neuen Namen zogen sie dann durch regionale Jugendzentren und Clubs, ein Highlight war ein selbst organisierter Auftritt im evangelischen Gemeindehaus Heubach. „Da hatten wir schon ein echtes Programm mit Abläufen“, sagt Mantel mit ironischem Unterton, wobei das Repertoire noch überwiegend aus Covernummern bestand – Selbstkomponiertes war die Ausnahme. Es sei damals ohnehin eine ganz andere Zeit gewesen, erzählt Mantel, die ganze Comedyszene steckte noch in den Kinderschuhen; Schobert & Black, Insterburg & Co., das war so die Konkurrenz. Mit ihrer anarchischen Mischung aus Musik und Blödeltheater war die Kleine Tierschau damals fast allein auf weiter Flur.

Freilich stiegen mit den Gagen auch die Ansprüche an Qualität. Irgendwann merkten die Drei, dass sie professioneller werden mussten, charmanter Dilettantismus reichte auf Dauer nicht. Also nahmen sie Stepunterricht und lernten weitere Instrumente, sogar nach New York jetteten sie regelmäßig, zur „innerbetrieblichen Weiterbildung“: „Wir wohnten 14 Tage im YMCA, guckten uns abends am Broadway die großen Shows an und gingen tagsüber in die Tanzschulen. Da gehst du rein, zahlst 10 Dollar und darfst bei den größten Cracks mitmachen.“

Wer die Kleine Tierschau kennt, der kennt auch deren Arbeitsteilung: Michael Gaedt ist die Rampensau, Michael Schulig der Multiinstrumentalist und Ernst Mantel der Wortkünstler – zuständig für die Zwischentöne im ansonsten auch mal recht derben Tierschau-Humor.

Eine Aufteilung, die bis heute bestens funktioniert, die aber bei Ernst Mantel irgendwann den Wunsch aufkommen ließ, seine eigenen Ideen stärker verwirklichen zu können – gerade auch was schwäbische Stücke anbelangt, die ihm leichter aus der Feder fließen. Außerdem wollte er wirtschaftlich nicht völlig von der kleinen Tierschau abhängig bleiben, zumal er eine wachsende Familie zu ernähren hatte. Ein Soloprogramm auf schwäbisch, das bot sich an. Dass es dann ein Duoprogramm wurde, war mehr oder weniger Zufall. Den Musiker Heiner Reiff hatte Mantel zunächst nur als Produzenten engagiert, doch schon bei den Proben für die Premiere seines Soloprogramms im Tübinger Zimmertheater, das war 1998, hatte sich das ganze zum Duo entwickelt.

Dabei bedeutete es durchaus ein Wagnis, ein rein schwäbisches Programm zu machen, besaß das Schwäbische als Humorträger doch nicht gerade den besten Ruf. Umso erstaunlicher, wie es Ernst und Heinrich gelungen ist, dem als provinziell verschrieenen Idiom neue humoristische Aspekte abzutrotzen. Da wird internationales Liedgut gnadenlos eingeschwäbelt wie bei dem Türkpopverschnitt „Dürdsu“ oder der Zeitgeist aufs Korn genommen („Feng shui“). Am eindrücklichsten zeigt sich der spezifisch mantelsche Humor aber in den Szenen, bei denen er mittels Videoeinspielungen mit sich selber in Dialog tritt. Wie bei „Knoschpt´s?“: als kittelschürzbewehrte Hausfrau untersucht Mantel hier den Vorgarten auf erste Frühlingszeichen, dabei dient ihm eine signifikante schwäbische Lautbildung als Ausgangsmaterial für zwerchfellerschütternde Satzkonstruktionen.

Heute hat er mehr Auftritte mit Ernst und Heinrich als mit der Kleinen Tierschau. Auch über mangelnde öffentliche Anerkennung können sich die beiden nicht beklagen. 2006 erhielten sie den Sebastian Blau-Preis für Schwäbische Mundart, 2007 den renommierten Deutschen Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Der Laden brummt, wenngleich sie keine großen Hallen füllen. Aber das war von vornherein auch nicht geplant, lebt der Ernst und Heinrich-Humor doch auch von der Nähe zum Publikum. Der intelligente Witz ist den beiden wichtiger als die brachiale Pointe.

Seit über 25 Jahren ist Ernst Mantel mittlerweile im Geschäft, diverse CDs sind auf dem Markt, und ständig müssen neue Programm erarbeitet werden. Ob einem da nicht irgendwann mal einfach nichts mehr einfällt? Nein, sagt Mantel, an mangelnder Inspiration leide er definitiv nicht. Oft kommen ihm bei langen Autofahrten gute Ideen, das kann zunächst eine Textzeile oder ein Melodieschnipsel sein. Wichtigstes Utensil ist ihm ein Diktiergerät, das er überall mit dabei hat. „Ich darf eher mein Handy vergessen, als mein Diktiergerät“, sagt Mantel, „das darf auch nie jemand in die Hände bekommen, denn da ist soviel Kruschd drauf“. Kruschd bedeutet soviel wie unbrauchbares Zeug. Was kein Kruschd ist, wird dann zuhause weiterentwickelt, wobei das Urteil seiner Familie die erste Messlatte dafür ist, ob etwas ins Programm aufgenommen wird oder nicht.

Ernst Mantel ist ein Familienmensch. Seine Töchter sind 8, 13 und 17, sein Sohn ist 15, da ist eigentlich immer was los im Bauernhaus, auch wenn Papa nicht zuhause ist. Es gibt Zeiten, da hat er wenig von seinen Kindern: wenn er nachts nach Hause kommt, sind sie schon im Bett, wenn er morgens aufsteht, in der Schule. Nur beim Mittagessen, das er meistens kocht, findet die Familie zusammen. Allerdings gebe es auch Zeiten, wo er spielfrei hat, dann ist er mehrere Tage am Stück zuhause. Früher, so Mantel, hätte er immer gedacht, dass er ja jederzeit aufhören könnte mit der Bühne, als Beruf habe er das lange nicht gesehen.Aber mit vier Kindern ist eben alles ganz anders, zumal, wenn man eine Immobilie am Hals hat. Einfach aufhören kann Ernst Mantel also längst nicht mehr, und das will er auch gar nicht. Gibt es doch noch viele Projekte, die er verwirklichen möchte. Sein Soloprogramm „Ernst-Unernst“ etwa, das er weiter voranbringen will. Das ist ihm auch deshalb wichtig ist, weil er es als eine persönliche Herausforderung begreift: denn eigentlich, so Mantel, sei er eher ein zurückhaltender Typ. In der Schule sei er komplett ruhig und verschwiegen gewesen, „man musste alles aus mir rauskitzeln“.

Doch Menschen entwickeln sich. Heute steht Ernst Mantel auch regelmäßig solo auf der Bühne und bestreitet die Moderationen alleine. Dabei legt er Wert auf eine gute Vorbereitung. Praktisch, dass er vor einem wichtigen Auftritt seine neuen Programme im geschützten Umfeld seiner Hausbühne erstmal ausprobieren kann. „Käser´s Stall“ nennt er den ausgebauten ehemaligen Stall, mit immerhin 70 Sitzplätzen eine richtige Kleinkunstbühne, die auch der „Kleinen Tierschau“ als Probebühne dient. Bald ist in der heimeligen Lokalität wieder was los: vom 15. bis zum 17. Februar tritt dort Ernst Mantel mit seinem Soloprogramm auf, bevor er damit im Stuttgarter Renitenztheater zu Gast sein wird. Auch eine kleine Bewirtung gibt´s dazu in Laubach, und zwar so, wie es sich für richtige Schwaben gehört: mit Schmalzbroten und belegten Seelen.

(Stuttgarter Zeitung)

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