28
Jan

Mozarts Cosi fan tutte zur Eröffnung der Winterfestspiele in Baden-Baden

Alles ist bloß ein Spiel

Kennen die Schwestern Dorabella und Fiordiligi von Anfang an die wahre Identität der beiden Herren, die ihnen da den Hof machen, nachdem ihre Liebhaber Guglielmo und Ferrando (angeblich) in den Krieg gezogen sind? Sind sie wissende Mitspielerinnen in einem abgekarteten Spiel um einen Partnertausch unter Freunden?

Einiges deutet darauf hin in Philipp Himmelmanns Neuinszenierung von Mozarts „Cosi fan tutte“, die nun zum Auftakt der Winterfestspiele im Baden-Badener Festspielhaus gegeben wurde. Denn zum einen sind Dorabella und Fiordiligi mit dabei, als Don Alfonso mit Guglielmo und Ferrando seine Wette auf den Treuebruch der beiden Damen aushandelt. Zum anderen symbolisiert auch das Bühnenbild ein solches Spiel im Spiel: im Zentrum des bis auf einen Baum weitgehend leeren Raums, den eine Art Sternenkarte überwölbt, steht als Spielstätte ein rechteckiges Podium. Die wenigen Requisiten und Kostüme werden nach Bedarf vom Schnürboden herabgelassen, was die Künstlichkeit der Situationen betont. Neu ist das freilich nicht: schon im 19. Jahrhundert wurde in zahlreichen Umarbeitungen die Mitwisserschaft der Frauen mit dem Zweck implementiert, die als unmoralisch empfundenen Frivolitäten der Oper erträglicher zu machen: Es ist doch alles bloß ein Spiel. In neueren Inszenierungen, wie etwa 2004 in Salzburg, greifen Regisseure deshalb gerne auf den Trick zurück, um sich die Verkleidungsposse mit angeklebten Bärten und Turbanen zu ersparen.

So tauschen Guglielmo (Stephan Genz) und Ferrando (Steve Davislim) in Baden-Baden einfach ihre weißen Anzüge gegen schwarze, und die Farce kann beginnen. Auch die Rollen von Don Alfonso (Konstantin Wolff) und Despina (Mojca Erdmann) hat Philipp Himmelmann neu definiert. Ersterer ist hier kein alter Philosoph, sondern ein viriler Lebemann, der mit der feschen Despina auf der Bühne erotisch vorlebt, was sich die neu zu bildenden Paare erhoffen. Am Ende finden sich bekanntlich die ursprünglichen Paare wieder zusammen – wenn auch reichlich derangiert, haben sie doch an dem inszenierten Techtelmechtel mehr Gefallen gefunden, als ihnen lieb ist. Dass vor allem die Frauen die Intensität der Gefühle erst in der Untreue erfahren, darin liegt wohl das eigentlich subversive Potential dieser Oper. Das kann die Regie in Baden-Baden aber vor allem deshalb nicht glaubhaft machen, als Charakterisierung durch Ästhetisierung ersetzt wird: so unverbindlich wie das Bühnenbild erscheinen auch die Akteure, von denen allein Véronique Gens als Fiordiligi jene Zerrissenheit spürbar werden lässt, die Mozart in der Musik angelegt hat. Ansonsten hört man mehr oder weniger schöne Stimmen: Mojca Erdmann singt eine quecksilbrig höhensichere Despina, während es Silvia Tro Santafé als Dorabella etwas an Wärme mangelt. Sehr homogen besetzt sind die Männerstimmen, und auch das von Teodor Currentzis geleitete Balthasar-Neumann-Ensemble kann überzeugen: Currentzis hält die Musik wunderbar im Fluss, atmet mit den Sängern und verwirklicht mit den technisch brillanten Musikern das Ideal eines kammermusikalisch-lichten, auf Balance zwischen Streichern und Bläsern angelegten Musizierens. Dass einiges davon in der Weite des Baden-Badener Festspielhauses verloren geht, dafür kann er allerdings nichts.  (Stuttgarter Zeitung)

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