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Feb

Das Festival für neue Musik ECLAT 2011 in Stuttgart widmete sich dem singenden Menschen

Singt da wer?

Die einen singen unter der Dusche, andere gar nicht, manche dafür vor großem Publikum. Doch warum singt er überhaupt, der Mensch? Man könnte die Tatsache, dass wir von der Evolution ein Sprachorgan bekommen haben, mit dem wir auch Melodien bilden können können, fast als den Urgrund aller Musik bezeichnen – und so liegt es durchaus nahe, dass sich auch ein Festival für neue Musik wie ECLAT in Stuttgart damit beschäftigt. Dafür wurden diverse Komponisten auf das Thema angesetzt, die die Umstände des Singens unter besonderer Berücksichtigung der Beziehung zwischen (singendem) Individuum und (hörender) Gesellschaft unter die Lupe nehmen sollten.

Zu dem groß angelegten Musiktheaterentwurf „geblendet“, der am Freitagabend auf dem Programm stand, hatten fünf Komponisten die Aufgabe erhalten, aus einem festgelegten Setting, das aus einem Streichquartett (Quatuor Diotima), einem Countertenor (Daniel Gloger), einem Sängerknaben (Vincent Frisch) und einem Schauspieler (Christian Brückner) bestand, Szenen zu entwerfen, die dann von Regisseur Thierry Bruehl in einen dramaturgischen Ablauf gebracht wurden. Hätten gebracht werden sollen, muss man anfügen. Denn zum einen erschien der Zugang, den die letzlich dann nur vier Komponisten zu dem Thema gewählt hatten (das geplante Stück von Hans Jürgen Gerung entfiel)als zu heterogen, als dass sich ein übergreifender Bogen darüber hätte spannen lassen. Zum anderen hatten die Komponisten selber merklich Mühe, aus den Ausgangsbedingungen schlüssige Konzeptionen zu entwickeln. Am überzeugendsten erschien da noch das erste, „blinded“ getitelte Stück des gebürtigen Mannheimers Michael Beil. Der konfrontierte in seinem durch Signale in kurze Szenen aufgeteilten Stück Zitate aus der Musikgeschichte mit selbst komponierten Klängen und beleuchtete das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum, hier repräsentiert von einem Konzertsänger und einem Passanten. Eine kurzweilige, gleichwohl etwas kryptisch wirkende Arbeit, die – wie alle anderen – unter anderem daran krankte, dass die gelesenen Texte in keinem nachvollziehbaren Zusammenhang standen. Ja, man gewann während der gut 90-minütigen Performance zunehmend den Eindruck, dass die Komponisten mit ihrer Aufgabe schlicht überfordert waren, Gesang, Instrumentalmusik, Text und Szene jenseits eines narrativen Rahmens zu einem überzeugenden Ganzen zu formen. Mischa Käser versuchte es in seinen „Nachrichten“ mit einer dadaistisch zugespitzten Farce, Manuel Hidalgos „geblendet“ wirkte dagegen wie komplette Sinnverweigerung. Wie dankbar die zum großen Teil aus Fachpublikum bestehende Zuhörerschaft im Stuttgarter Theaterhaus da schon für eine klitzekleine Pointe war, wurde in Filippo Peroccos ansonsten ermüdend langweiligem „occhi, nur noch“ deutlich, als es beim Text mal kurzzeitig etwas zu lachen gab. Neue Musik und Humor – das ist in Deutschland eben noch immer eine schwierige Beziehung. (Mannheimer Morgen)

 

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