22
Feb

Grigorij Sokolow

Grigorij Sokolow

Wie macht er das bloß? Bei vielen Pianisten klingt ein Steinway wie ein Schlaginstrument, doch wenn Grigorij Sokolow die Tasten anschlägt, dann beginnt das mächtige Instrument zu singen. Der Ton blüht auf, fast wie eine Glocke, und selbst wenn er leise spielt – und Sokolow kann sehr, sehr leise spielen – trägt dieser Ton bis in die hintersten Reihen des Beethovensaals. Der ist an diesem Abend sehr gut gefüllt, denn allmählich hat sich nicht nur in Stuttgart herumgesprochen, dass die Konzerte dieses Pianisten aus St.Petersburg etwas ganz Besonderes sind. Und das, obwohl – oder vielleicht gerade weil? – sich Grigorij Sokolow den Marketingstrategien der Klassikbranche komplett verweigert: es gibt nur wenige Plattenaufnahmen von ihm, und auch an renommeefördernden Tourneen mit Orchestern ist er kaum interessiert. Die Probenzeiten, so sagt er, seien ihm da einfach zu kurz. Was er spielen will, bestimmt er selbst, und anstatt, wie andere Kollegen, diese Woche einen Beethovenabend hier und in der nächsten ein Tschaikowskykonzert da zu geben, erarbeitet er für seine Solotourneen immer ein bestimmtes Programm, das er dann in der Regel ohne jede Änderung spielt. In dieser Saison ist es ein rein deutsches: mit Bachs Italienischem Konzert und der Französischen Ouvertüre h-Moll BWV 831 in der ersten Hälfte, Schumanns Humoreske B-Dur op.20 und die Klavierstücke op. 32 in der zweiten.

Nun hat Sokolow schon Bachs Kunst der Fuge aufgenommen (eine seiner wenigen Einspielungen) und ist auch als Rameau-Interpret berühmt. Man kennt seine unglaubliche Verzierungskunst, die Qualität seiner ebenmäßigen Triller, die Plastizität seiner Stimmtrennung. Und trotzdem war es schier unfassbar, wie er das Gewebe von Bachs Klavierpiècen offenlegte: jede einzelne Stimme ließ sich mit Leichtigkeit verfolgen, so als würde sie von einem jeweils eigenen Instrument gespielt – das gern zitierte Bild vom Klavier als Orchester, hier wurde es klangliche Realität. Ja, die klavieristische Technik ist bei Sokolow in einem Maße transzendiert, dass die stilisierten Sätze, die Gavotten und Bourrées als klangliche Manifestationen einer reinen Idee erschienen – als könne es nur so und nicht anders sein. Wie einem Bergführer folgte man Sokolow auf die Höhen seiner Imagination, wo die Luft dünn wird und das Denken schwer fällt, man aber Eindrücke mitnimmt, die man nicht mehr vergessen wird.

Anstelle der perfekten Form setzte Schumann in seiner überhaupt nicht lustigen Humoreske das Fragmentarische. Sokolow spielte hier die Kontraste, das unvermittelt Gegensätzliche heraus, getragen von der poetischen Idee der romantischen Weltverzauberung. Und mit der Gigue und der Fughetta in den vier Klavierstücken op.32 schlug Sokolow am Ende wieder den Bogen zu Bach. Stehende Ovationen und sechs Zugaben: zweimal Rameau, dann Brahms und dreimal Chopin.(Stuttgarter Zeitung)

 

Angefügt sei noch ein Zitat von Jan Brachmann, der über Sokolow schrieb: „Bei anderen guten Pianisten begreift man oft, wie ein Stück gemacht ist. Bei ihm spürt man, warum es überhaupt da ist.“

Da hat er, wie ich finde, Entscheidendes getroffen.

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