Beiträge im Archiv März 2011

29
Mrz

Besuchsbericht „High End on tour“ im Stuttgarter SI-Centrum am 13.März 2011

Hatte leider nur 3 Stunden Zeit, um die Minimesse zu besuchen, hier ein kurzer Bericht.

Der Besucherandrang am Sonntag nachmittag war erheblich, die zum Teil winzigen Vorführräume dementsprechend meist überfüllt (Hotelzimmer!), überall wuselten Leute mit Firmenanstickern rum.

Aber der Reihe nach:

Zunächst kurz in die Cantonvorführung eines „Reference“-Modells, das nicht nur atemberaubend hässlich aussieht, sondern auch so klingt. Die klangliche Abstimmung scheint vorwiegend auf Effekt ausgelegt (wie bei den meisten der gehörten LS, aber dazu gleich mehr..),  Canton ist offenbar immer noch ein Anhänger von Loudnessfrequenzgängen. Bei den Hifizeitschriften kriegt man dafür offenbar immer noch Höchstbewertungen. Also schnell wieder raus und rein zu meiner geliebten Firma

Dynaudio, die die Confidence 4 mit Chord-Elektronik in der Vorführung hatte.  Dynaudio ist für mich ja der Inbegriff authentischer Audiophilie insofern, als auch die kleinsten Regalboxen in der Regel dem Anspruch größtmöglicher Neutralität verpflichtet sind (die Car-Hifi-LS übrigens auch, ich erfreue mich jeden Tag daran). Meine ersten echten Highendboxen waren ein Paar Contour 3.3, immer noch ein Vorbild an Natürlichkeit.  Aber dann das! Die Confidence 4 klang, den Beteuerungen des Vorführers zum Trotz, befremdlich harsch und merkwürdig dünn. Die Bühnenabbildung war ordentlich, aber die Klangfarben unnatürlich, auch an Auflösung bin ich von Dynaudio Besseres gewohnt. Ob sich die Firma, was ein Desaster für jeden echten Audiophilen wäre, dem Zeitgeist angepasst hat?

Dazu würde passen, was ich in der Vorführung von Audio Components erlebt habe. Hier stand eine extrem aufwendige und teure Anlage mit  Spectral Elektronik (CD: Spectral SDR400 / Pre: Spectral DMC 300SS / End: Spectral DMA 260 ) und dem Lautsprecher Magico V3, eine Box, die immerhin an die 30 000 Euro kostet und die von etlichen Fachmagazinen Referenzstatus bescheinigt bekommen hat.
Tja, und was soll man sagen? Spektakulär klang das schon irgendwie. Extrem weite und tiefe Bühne, detailreich, dynamisch, zunächst konnte man beeindruckt sein. Aber nach kurzer Zeit nervte die Überpräsenz im Hochton, die gesungene S-Laute zischen ließ. Alles war um eine Nuance übertrieben: die Höhen zu hell, die Bässe zu fett. Eine typische Angeberbox auf, zugegeben, hohem Niveau.
Dass das die meisten offenbar nicht merken, lässt sich wohl nur damit erklären, dass das Gros der Menschen Musik nur noch technisch vermittelt zu hören gewohnt ist. Im Zeitalter der technisch produzierten Musik scheint das Empfinden für natürlichen Klang weitgehend abhanden gekommen zu sein –  wer keine echte Geige gehört hat, weiß auch nicht, wie sie klingen muss.

Lindemann "Dixie"

Lindemann BL-10

Eine positive Überraschung gab es aber dann doch noch: eher aus Zufall geriet ich in der Vorführraum des kleinen deutschen Herstellers  Lindemann Audiotechnik. Hier spielte eine bescheiden aussehende Kette mit Lindemann-Elektronik und den kompakten Monitorlautsprechern BL-10. Und siehe da: endlich hörte man Musik, wie sie klingen muss. Sensationell, was diese Minilautsprecher (Paarpreis allerdings auch an die 10000 €, wenn ich es recht in Erinnerung habe) an Auflösung und Körper in den Raum stellten, impulsiv, präzise, ohne jede Schärfe. Ein kleiner Trost.

25
Mrz

Über die Schönheit in der Musik

Von der Schönheit in der Musik

In der Klassikszene bestimmt zunehmend das Aussehen die Karrierechancen

Sie sind jung, sie sind erfolgreich und sie sehen gut aus. Ja, manche der aktuellen Klassikstars sehen sogar derart gut aus, dass man beim Betrachten ihrer Fotos eher an Hollywood denken würde als an Bach oder Beethoven. Am auffälligsten ist es bei den Geigerinnen, wo seit einigen Jahren ein attraktives Geigenwunderfräulein nach dem anderen die Szene betritt. Jüngstes Beispiel ist die Norwegerin Vilde Frang, die vor zwei Jahren bei dem Ludwigsburger Festspielen und unlängst auch im Festspielhaus Baden-Baden debütierte. Längst etabliert sind Schönheiten wie Julia Fischer oder Arabella Steinbacher, die auch auch als Models durchgehen könnten. Auch mit der blonden Cellistin Sol Gabetta lässt sich trefflich werben.

Doch das Phänomen ist nicht auf die Frauen beschränkt. Auch was die Nachwuchspianisten anbelangt, so sind darunter auffällig viele attraktive Exemplare: etwa die Franzosen Alexandre Tharaud, David Fray oder auch der Deutsche Martin Stadtfeld.

Wie kommt es, dass musikalische Hochbegabung anscheinend immer häufiger mit physischer Attraktivität einhergeht? Und wo bleiben jene Musiker und Musikerinnen, die körperliche Makel haben?

Wenn  nicht alles täuscht, befinden wir uns längst im Prozess eines tief greifenden Paradigmenwechsels innerhalb der klassischen Musik. Die bildete bis vor einigen Jahren noch eine Gegenwelt zum schnöden Kommerz. Statt um Glamour ging es um Wahrhaftigkeit, künstlerischen Ausdruck und authentisches Gefühl. Mit dem Schwund des Bildungsbürgertums freilich schrumpfte allmählich jene Schicht, die überhaupt in der Lage war, interpretatorische Unterschiede  einzuschätzen. Gleichzeitig wurde der musikalische Nachwuchs immer besser – die Musikhochschulen und Konservatorien stoßen heute Jahr für Jahr viel mehr technisch perfekte Hochbegabungen aus, als der Markt aufnehmen kann.

Die Auswahl für die Plattenfirmen ist also groß. Doch womit sollen sich die aufstrebenden Talente profilieren, wenn das klassische Repertoire bereits in unzähligen Aufnahmen vorliegt und kaum neues hinzukommt?  Da lag es nahe, weniger auf interpretatorische denn auf optische Distinktion zu setzen. Das passt schließlich zum Zeitgeist: Wer hört sich heute im Plattenladen (sofern es überhaupt noch einen in der Nähe gibt) verschiedene Aufnahmen eines Werks an? Da greift man lieber zu der CD mit dem schönsten Gesicht auf dem Cover.

Der Zeitpunkt, zu dem die Vermarktungsmechanismen des Pop begonnen haben, langsam in die Welt der Klassik einzusickern, lässt sich im Rückblick – zumindest in Deutschland – an dem Auftauchen von Anne-Sophie Mutter festmachen. Mit der jungen, attraktiven, von Herbert von Karajan, einem anderen Medienstar, nachhaltig protegierten Geigerin setzte die Plattenindustrie auf eine  Werbekonzept, das Image und Optik in den Vordergrund stellte. Legendär das Cover der „Vier Jahreszeiten“-CD mit der 21-jährigen Mutter als Waldnymphe, unzählig die Fotos im langen, schulterfreien Kleid. Den vorläufigen Höhepunkt von Mutters ästhetischer Stilisierung markiert ihre jüngste CD mit  Klaviertrios von Mozart. Das Cover zeigt ein madonnenhaft verklärtes, faltenlose weißes Antlitz wie aus einer Lancome-Reklame, „Mutter-Mozart“ prangt daneben in Großlettern.

So was stellt man sich gerne ins Regal.

Nun sind die meisten der Klassikjungstar tatsächlich exzellente Musiker, Julia Fischer oder Hilary Hahn zählen ohne Zweifel zu den besten Geigern unserer Zeit. Bei manchen aber kann man Zweifel anmelden. Wie bei der Pianistin Hélène Grimaud, der zarten Französin, die mit den Wölfen tanzt, pianistisch aber zu wünschen übrig lässt. Oder bei Nikolai Tokarew, einem anderen Pianojungstar, der  zwar ein cooles Image besitzt, aber nur wenige Ausdruckskategorien zu kennen scheint.

Auf der anderen Seite gibt es Musiker, die seit Jahren zur internationalen Elite zählen, aber Schwierigkeiten haben, eine gute Plattenfirma zu finden. Wie der deutsche Pianist und Supertechniker Bernd Glemser, der jahrelang seine CDs für das Billiglabel Naxos einspielte. Oder sein Kollege Michael Korstick, der seinen hoch gelobten Zyklus mit Beethovensonaten für Oehms-Classic produziert. Beide sehen eher durchschmittlich aus, spektakuläre Hobbys sind von ihnen nicht bekannt. Für BUNTE-Homestories taugen sie nicht.

Zum Glück gibt es noch einzelne Plattenfirmen wie die Münchner ECM, die sich sich in ihrer Künstlerauswahl nach wie vor kompromisslos an Qualität orientieren. Und auch, wenn die Podien immer mehr von jungen Geigenschönheiten besetzt werden: einen Großteil der Klavierabende bestreiten nach wie vor gesetzte ältere Herren und Damen. Die sechsundsechzigjährige Elisabeth Leonskaja wird vom Publikum so geliebt wie der kommerzielle Totalverweigerer Grigory Sokolow. Auch Alfred Brendel lag auf seiner Abschiedstournee vor drei Jahren das Publikum zu Füßen.

Trotzdem fragt man sich: würde der Charakterkopf Brendel, wäre er heute ein junger Pianist, noch einen Plattenvertrag bekommen? Hätte er eine Chance gegen die adretten Stadtfelds und Tharauds? Wer wird dieses grandiose kulturelle Erbe, das die klassische Musik darstellt, in Zukunft weiter pflegen? Wen wollen wir hören in den Konzertsälen? Die Besten oder die Schönsten?

Mit vielen Beispielfotos veröffentlicht im Kulturfinder-BW.

 

25
Mrz

Trio Müller-Schott im Mozartsaal

Maurice Ravels Klaviertrio führt ein wenig ein Schattendasein auf den Konzertpodien, was insofern schade ist, als es eines der klangsinnlichsten Werke  dieser Gattung überhaupt ist. Aber vielleicht liegt gerade hierin der Grund für die Zurückhaltung: das Stück ist nicht nur technisch anspruchsvoll, man benötigt zur adäquaten Realisierung auch eine klangliche Palette, die deutlich über das hinausgeht, was vor allem von Streichern normalerweise gefordert wird.

Insofern ist es ein ideales Werk für das Trio Müller-Schott, das nach dem zurzeit wohl erfolgreichsten (und vielleicht auch besten) deutschen Cellisten, dem 34-jährigen Münchner Daniel Müller-Schott benannt ist und nun im Mozartsaal ein grandioses Konzert gegeben hat. Müller-Schott hat mit der Geigerin Viviane Hagner und dem Pianisten Jonathan Gilad ein Trio gebildet, das in mancherlei Hinsicht neue Maßstäbe setzen dürfte. Alle Vorbehalte, die man haben kann, wenn sich vielbeschäftigte Solisten zur Kammermusik zusammenschließen, lösten sich hier schon nach kurzer Zeit in pures Wohlgefallen auf: denn was die Drei gerade im Trio von Ravel an atmosphärischer Dichte, klangfarblicher Finesse und emotionaler Dringlichkeit offenbarten, verschlug einem fast den Atem. In berückender Manier legte das junge Trio offen, was Ravel diesem klingenden Zaubergarten an Stimmungen eingeschrieben hat: das schwere, exotische Parfum im „Modéré“, das gezügelte Feuer im „Pantoum“, das versonnene Kreisen der „Passacaille“ und schließlich die chinesisch-pentatonischen Assoziationen im Finale, dessen rauschhafte Steigerungen hier in fast orchestral anmutender Klangfülle ausgespielt wurden.

Nun verfügen die Streicher zwar auch über herausragende Instrumente – Viviane Hagner spielt eine Stradivari-Geige, Müller-Schott ein Cello von Matteo Goffriller – doch es ist eben gerade die Sensibiliät, mit der beide ihre Klangfarben immer abhängig vom Gehalt der Musik wählen. Weit entfernt von bloßem Schönklang faszinieren gerade bei Viviane Hagner die manchmal fahl-gedeckten, manchmal spektral schimmernden Töne, die sie in immer neuen Abstufungen mischt. Das passt zu Müller-Schotts seidig-sonorem, ebenfalls ungemein wandlungsfähigem Ton. Der Franzose Jonathan Gilad bildete dabei immer einen sicheren pianistischen Rückhalt für die Streicher – sowohl beim Eröffnungsstück, Beethovens Es-Dur Trio op.1/1, aber auch bei Tschaikowskys groß angelegtem Klaviertrio a-Moll:  großer, sinfonischer Atem, poetische Verinnerlichung und schmerzliche Emphase fanden hier aufs Glücklichste zusammen. (Stuttgarter Zeitung)

11
Mrz

Alice Sara Ott spielte mit den Wiener Symphonikern

 

Wie eine Elfe hüpft sie da herein, im bodenlangen roten Kleid und barfüßig, ihre schwarzen Haare reichen fast bis zur Taille, die schmaler kaum denkbar ist: Die 22-jährige Pianistin Alice Sara Ott ist auf jeden Fall eine Attraktion. Nun wurde mithilfe der großen Plattenfirmen in den letzten Jahren schon mancher smarte Klavierjungstar auf die Konzertbühnen lanciert, und nicht bei allen korrespondierte dann die optische mit der künstlerischen Anziehungskraft. Freilich: Franz Liszts erstes Klavierkonzert Es-Dur und der selten gespielte Totentanz zählen zu jenen Werken, angesichts deren technischer Ansprüche Bluffer wenig Chancen haben. Gerade das erste Klavierkonzert existiert zudem in einigen Referenzaufnahmen – wie etwa die der jungen Martha Argerich, die es, ähnlich wie nun Alice Sara Ott, schon zu Beginn ihrer Karriere eingespielt hat.

Im Vergleich zu Argerichs glutvoller, von pianistischem Furor getragener Deutung legte Ott den Schwerpunkt eher auf die poetischen, lyrischen Aspekte des Werks. Nicht die Konfrontation von Solist und Orchester, sondern ein kammermusikalisch-paritätisches Miteinander stand im Mittelpunkt, das von Dirigent Adam Fischer und den Wiener Symphonikern in jedem Moment mitgetragen wurde. Da blühten, wie von einem Frühlingswind gereinigt, die Farben in immer neuen Abtönungen zwischen Orchester und Soloinstrument auf, man hörte korrespondierende (Bläser-)linien, begriff harmonische Strukturen. So wurde aus dem Schlachtross ein romantisches Einhorn – wobei sich einwenden ließe, dass, bei allem Zauber, den Otts Spiel versprüht, jenes Feuer, das die Argerich so unwiderstehlich zu entfachen wusste (und das auch zu Liszts Musik gehört), hier eher ein Flämmchen war.

Umso erstaunlicher, mit welcher Schwärze Ott dann den kalten Furor des Dies-Irae-Motivs im Totentanz zum Ausdruck brachte, welche kontemplative Ruhe sie in den reflektierenden Solopassagen verströmte. Den Riesenapplaus hatte sie jedenfalls verdient.

Genau wie die Wiener Symphoniker nach ihrer Interpretation von Brahms erster Sinfonie, in der Adam Fischer das Prozesshafte, Organische herausarbeitete, jene Struktur, die Brahms aus wenigen motivischen Keimzellen entwickelt hat. Wie der große Brahmsdirigent Günter Wand ist auch Fischer einer jener uneitlen Kapellmeister, die ihr Heil nicht in großen Gesten, sondern in einer minutiösen Umsetzung der Partitur suchen. Von bezwingender Sogkraft der erste Satz, in dem die wunderbaren Bläsersolisten der Wiener immer wieder für klangliche Glanzpunkte sorgten – die jedoch immer eingebunden waren in eine dramatische Anlage, die die Sinfonie als Entwicklung vom reinen Material bis zur menschheitsumschlingenden Emphase des Finalsatzes begriff. Zwei standesgemäße Zugaben: Johann Strauß´ „Unter Donner und Blitz“ und Brahms´ „Ungarischer Tanz Nr. 5“.

(Stuttgarter Zeitung)

5
Mrz

PUR in der Porsche-Arena

Halt mich fest und drück mich!

Pur spielte zum 30-jährigen Bühnenjubiläum in der Porsche-Arena

Pur hat gerufen, wieder einmal, und alle sind gekommen. Restlos ausverkauft war die Porsche-Arena am Cannstatter Wasen, viereinhalbtausend Menschen, die mit Hartmut Engler und seinen Mannen das 30-jährige Bühnenjubiläum der Band feiern wollten. Zu diesem Anlass haben die Musiker „unplugged“ gespielt: auf ihre elektrisch verstärkten Instrumente verzichtet, statt der E-Gitarre die Westerngitarren und statt dem Keyboard einen Stutzflügel auf die Bühne gebracht, was allerdings nur an wenigen Stellen wirklich auffiel.

Dass eine  Band überhaupt solange existiert wie Pur (und nach wie vor großen Erfolg hat), ist ja alles andere als selbstverständlich, dürfte aber wohl daran liegen, dass sie ein Genre begründet hat, das es vor ihnen in dieser Form noch nicht gab: den Befindlichkeitspop. Der ist mehrheitsfähig, zur Distinktion absolut ungeeignet und beruht auf verschiedenen Elementen: einer Lightversion des Rock mit eingängigen, leicht mitsingbaren Melodien, verbunden mit Texten, die in ihren besten Momenten die Menschen da abholen, wo sie mit ihren Alltagsproblemen stehen: Liebe, Altern, Freundschaft und Kinder statt Sex, Drugs and Rock´n´Roll.

Der Song „Graues Haar“ ist so ein Beispiel für ein Thema, dem sich jeder einmal stellen muss. Man mag die textliche Umsetzung banal finden und ertappt sich doch bei der Zeile „wieder geht ein Jahr“ dabei, dass man für einen Moment nachdenklich wird: stimmt, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Oder „Ruhe“, eine auch musikalisch starke Ballade, in denen Engler schöne Bilder findet für die Sehnsüchte vieler Menschen nach Nähe und Zärtlichkeit.

In seinen schwächeren Momenten können Englers Texte aber auch wie Lebenshilfe  aus dem Poesiealbum klingen. „Wir sind sterblich, sterblich und vergänglich“ heißt es in einem neueren Lied, wer möchte ihm da widersprechen? Doch „der Trick dabei“ sei, „hier und jetzt lebendig den Augenblick auszukosten“. Nun ja.

Die Stimmung im Saal jedenfall ist nach einigen Songs regelrecht aufgekratzt und treibt auf den Höhepunkt zu, als in der zweiten Hälfte die großen Hits angestimmt werden: „Abenteuerland“, „Funkelperlenaugen“, „Lena“. Da singt dann der ganze Saal mit, die Stimmung ist irgendwie wie beim Kirchentag, man hat sich gern oder es zumindest vor. Engler ist Seelsorger und Unterhalter zugleich, spielt mit dem Publikum Armehochwerfen und lässt es einige Strophen alleine singen: auch die Textsicherheit ist frappierend.

Alles wäre gut gewesen, wäre da nicht das Video, in dem die weltgeschichtlichen Höhepunkte der letzten dreißig Jahre zwischen Mauerfall und 9/11 mit den Stationen der Bandgeschichte zusammengeschnitten sind. Immer wieder Engler, in einer Reihe mit Bush, Clinton und Boris Becker. Ob er sich so wirklich sieht? (Stuttgarter Zeitung)