Beiträge im Archiv Juni 2011

14
Jun

Joe Cocker, Jan Delay und David Garrett beim SWR-Sommerfestival

Ein Hauch von Woodstock

„Rock ist die Zukunft“ sagt Jan Delay, und es ist nicht so ganz klar, wie er das meint. Denn was er und seine Band Disko No.1 bei ihrem Konzert innerhalb des SWR-Sommerfestivals gespielt haben, war vor allem Funk, dazu ein bisschen Soul und Rap, aber Rock? Vielleicht versteht Jan Delay all diese Ingredienzen ja als einzelne Münzen in einem großen Klingelbeutel, auf dem „Rockmusik“ steht. Vielleicht liefert er aber auch einen diskreten Hinweis auf das, was musikalisch als nächstes von ihm zu erwarten ist. Schließlich kann Delay Stile wechseln wie Maßanzüge: neben Funk hat er es ja unter anderem schon mit Reggae und Hip-Hop probiert. Ja, mit ein bisschen Spitzfindigkeit lässt sich sogar sein Künstlername als künstlerisches Credo interpretieren: Delay,ein Begriff aus der Tontechnik, heißt übersetzt “Nachhall“.

Und in der Tat hallt da am Samstag abend vor 5500 Zuhörern im Ehrenhof des Neuen Schlosses einiges nach aus den goldenen Zeiten von Soul und Funk. Delay singt Stücke aus seinen CDs „Mercedes Dance“ und „Die Kinder vom Bahnhof Soul“; über treibenden Bassgrooves, die sich wie bei Tower of Power durchs Gedärm wühlen, setzen die drei Bläser ihre Licks mit messerscharfer Präzision, getrieben von einem Hochleistungsdrummer, der knochentrockenen Punch mit atemberaubender Präzision verbindet. Das ist aber nicht nur musikalisch allererste Sahne, Delay versteht es auch, mächtig Party zu machen. Er begrüßt das überwiegend sehr junge Publikum in „Stuggitown“ mit coolen Sprüchen, macht ein paar Bemerkungen über Stuttgart 21, gratuliert zur neuen grünen Regierung und lässt ein paar Sottisen über Mappus und Oettinger ab. Dazu gibt es kleine Mitmachspiele wie in der Kita. Man macht Winke-Winke, hüpft von einem Bein aufs andere: Regression kann lustig sein. Mit seinem bonbonfarbenen Anzug samt Schnöselkrawatte, in dem er von einer Bühnenecke in die andere tänzelt, könnte Jan Delay fast Florian Silbereisen Konkurrenz machen – wären da nicht sein helles Hütchen und die Retro-Sonnenbrille, die die entscheidenden ironischen Anführungszeichen setzen. Delay ist der Prototyp eines postmodernen Künstlers, der mit Stilen und Zitaten spielt: in „Vergiftet“ nölt er im Stil der großen Reggae-Ikonen, in „Everbody & Yeah“ erweist er en passant den Backstreet Boys und Montell Jordan Reverenz, und wenn nicht alles täuscht, kann man sogar einen Songschnipsel der Fantastischen Vier heraushören.

Solcherart Stiljonglage hatte der Protagonist am Abend zuvor nicht nötig. Denn Joe Cocker ist selber eine oft zitierte Ikone, und Rock bedeutet für den 67-Jährigen vielleicht auch Zukunft, vor allem aber eine große Vergangenheit. Seit den 60er Jahren ist der Mann aus Sheffield mit der Löwenstimme unterwegs, sein Auftritt in Woodstock ist Legende, Songs wie „You are so beautiful“, „Up where we belong“ oder „When the night comes“ stehen längst im goldenen Buch der Rockgeschichte.

Cocker betritt die Bühne vor 5000 Zuschauern im Jackett, das er nach der zweiten Nummer auszieht, darunter trägt er eine dunkle Hose und ein lila Hemd. Show zu machen ist nicht sein Ding, war es nie. Seine oft persiflierten Armruderbewegungen sind noch in Ansätzen da, sehen aber eher aus wie Luftgitarrespielen. Auf den an beiden Seiten installierten Videomonitoren kann man man deutlich erkennen, dass ihn das Leben gezeichnet hat, aber stimmlich ist Joe Cocker in erstaunlich guter Verfassung. Er singt „Feelin´alright“, und das überwiegend zur Generation 40plus zählende Publikum ist sofort elektrisiert. Einige stehen schon auf, tanzen, man blickt in glückliche Gesichter im weiten Rund. Die sechsköpfige Band ist erlesen, ein Saxofonist lockert die raue Rocktextur auf, der Gitarrist darf immer wieder ausgiebig seine diversen Bretter quälen, dazu kreischen die beiden Backgroundsängerinnen nach Kräften. In „You are so beautiful“ legt Cocker sein ganzes Herzblut, man meint Rockgeschichte zu atmen. Der Beatlesklassiker „Come together“ dröhnt als schwerblütige Bombastversion, gegen Ende schließlich, als sich nach ein paar Minuten Orgelintro die berühmten Harmonien von „With a little help from my friends“ herausschälen, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Stuttgart ist an diesem Abend ein kleines bisschen Woodstock.

Für den Absturz in die Niederungen des musikalischen Mainstreams sorgte nach diesen beiden grandiosen Höhenflügen am Sonntagabend der Geiger David Garrett. An die 10000 Hörer wollten sein „Rock Symphonies“- Programm hören, bei dem ein gut geölter, aus kleinem Sinfonieorchester und Rockband bestehender Musikmähdrescher gut 90 Minuten lang all jene Themen aus Klassik- und Rockgeschichte unterpflügt, die sich vermeintlich zur Wiedererkennung eignen. Das Motto aus Beethovens fünfter Sinfonie und Nirvanas „Smells like teen spirit“, ein Ungarischer Tanz von Brahms und ein Song von Led Zeppelin, dazu die unvermeidlichen „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi: alles wird ohne großes Federlesens derart zurechtarrangiert, dass es entweder in die Kategorie „rockig-virtuos“ oder „gefühlvoll-romantisch“ passt. Das wirkt, trotz Garretts unbestreitbarer geigerischer Klasse, mit zunehmender Dauer immer öder, und zu der Wurstigkeit, mit der hier alles gleichgemacht wird, passt irgendwie, dass Garrett ein Werk des nicht ganz unbekannten spanischen Komponisten Isaac Albéniz als eines von „Aisäck Älbenais“ ankündigt. Was soll man da noch sagen? Vielleicht, dass es ein Witz ist, dass dieses Beispiel musikalischer Totalverwertung ausgerechnet von unserem geschätzten Kultursender SWR2 präsentiert wurde, dem doch sonst daran gelegen ist, die Sinne zu schärfen für das Spezifische der Kunst?

(Stuttgarter Zeitung)

8
Jun

Khatia Buniatishvilis Debutalbum mit Werken von Franz Liszt

Noch eine Lisztplatte zum Lisztjahr, eingespielt von einem hübschen jungen Klaviergirl, clever eingefädelt von ihrer Plattenfirma. Doch so einfach ist es im Fall der 23-jährigen Khatia Buniatishvili nicht. Schon die Programmatik ihrer Debut-CD lässt aufhorchen, denn die Georgierin bündelt Liszts Sonate h-Moll mit dem „Liebestraum As-Dur“, dem „Mephistowalzer No.1“, „La Lugubre Gondola“ und einer Bach-Paraphrase zu einer konsistenten, um die Faust-Thematik kreisenden Dramaturgie. Doch auch pianistisch lässt sie einen Großteil nicht nur der weiblichen Klavierkonkurrenz ziemlich alt aussehen. Kein Wunder, dass gerade Martha Argerich sich begeistert über sie geäußert hat, denn auch Khatia Buniatishvilis Spiel nimmt mit einer funkensprühenden, niemals äußerlichen Virtuosität gefangen, die keine technischen Grenzen zu kennen scheint. Dazu kommt ein eminentes Klangbewusstsein und eine musikalische Hypersensibilität, die etwa in „La Lugubre Gondola“ auch die melancholisch verschatteten Seiten von Liszts Spätstil in überwältigender Manier zum Ausdruck bringt. Grandios.

Sony Classical.

(Stuttgarter Zeitung)