27
Okt

Zunehmend uncool: Gutmenschen

Noch bis vor 20 Jahren begriffen sich Ökoaktivisten und Umweltschützer gern als Opposition zum herrschenden System. Man war gegen Atomkraft und die Macht der Großkonzerne, aß Müsli statt Burger und trug Jute statt Plastik: Mit dem Image des Revoluzzers konnte man sich gut schmücken. Heute ist Grünsein in, viele der einstigen Forderungen sind gesellschaftliches Allgemeingut geworden: auch Spießer trennen heute Müll und lesen Ökotest. Deshalb gelten umweltschonendes Verhalten und das Eintreten für benachteiligte Randgruppen plötzlich vielen als uncool: Gutmenschen schimpft man zunehmend jene Ewiggestrigen, die angeblich noch nicht kapiert haben, dass der raue Wind der Globalisierung solcherart Weicheiverhalten längst ins gesellschaftliche Abseits geblasen hat. Wer heute was auf sich hält, versucht sich als abgebrühter Zyniker zu profilieren: fährt Jaguar wie Harald Schmidt und watscht wie Henryk M. Broder jene ab, die nicht die großen Zusammenhänge kapieren, sondern die Welt erst mal im Kleinen verbessern wollen. Mir drängt sich da freilich ein Verdacht auf: könnte es vielleicht sein, dass jene politisch Unkorrekten im Gutmenschenbashing nun genau jenen Distinktionsgewinn finden, den ihnen das Weltverbessern nicht mehr bieten kann? Robert Gernhardt ahnte es: die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. (Stuttgarter Zeitung, Wochenendbeilage)

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