31
Okt

Hector Berlioz´ “La Damnation de Faust“ (Fausts Verdammnis) an der Stuttgarter Staatsoper

Foto: A.T. Schaefer

So viel Spannung war lange nicht vor einer Opernpremiere in Stuttgart: Davon zeugte, neben einer ausführlichen Vorberichterstattung der lokalen Presse,  nicht zuletzt das ausverkaufte Haus – ja, es gab sogar Etliche,  die noch am Abend vergeblich nach Karten anstanden für Hector Berlioz´„La Damnation de Faust“, der ersten Neuproduktion unter der Verantwortung der neuen Hausregisseurin Andreas Moses. Am Ende gab es herzlichen Applaus, viele Bravos und einzelne Buhs für ein alles in allem eindrucksvolles Debüt der gebürtigen Dresdnerin, bei dem auch verständlich wurde, warum der neue Intendant Jossi Wieler die zuletzt am Theater Dessau engagierte Moses nach Stuttgart geholt hat.

Denn wie Wieler steht auch Moses für eine zeitkritische Theaterarbeit, in der auch historische Stoffe schon mal in den Fokus aktueller gesellschaftlicher Verwerfungen gestellt werden. Im Falle Berlioz bedeutete das, den ersten Teil der „dramatischen Legende“ – wie der Komponist sein ursprünglich konzertant angelegtes Werk unterschrieben hat – auf die politisch prekäre Lage des heutigen Ungarn zu beziehen. Bekanntlich werden dort wieder Minderheiten verfolgt, und so treten in der Oper rechtsradikale Schlägertrupps auf, die die Hochzeitsgesellschaft der Sinti und Roma brutal zusammenknüppeln. Dass solches Unrecht nicht nur politisch, sondern auch kirchlich geduldet wird, zeigt Moses im Schlussbild der Oper, wenn der zum Kardinal (?) mutierte Méphistophélès die Schläger sogar segnet und en passant Marguerites Himmelfahrt mittels einer vergifteten Kommunionsgabe verhindert. Der Teufel, mit den Faschisten im Bunde?

Starker Tobak, der aber jederzeit schlüssig herausgearbeitet und vor allem: szenisch beglaubigt wird. Moses erzählt Fausts Geschichte als die eines lebensuntüchtigen, orientierungslosen Künstlers, der sich in die Fänge des zynischen Mephisto begibt und am Ende daran zugrundegeht, nachdem auch seine Liebeswerben um Marguerite nicht von Erfolg gekrönt ist. Die einzelnen Szenen spannt Moses unter einen großen Bogen –  Innen- und Außenwelt, Realität und Fiktion, ja auch Gegenwart und historische Projektionen werden dabei virtuos in- und übereinandergeblendet . Bildmächtiger – und aufwendiger – als hier kann Oper kaum sein: unglaublich, was da vom Bühnenbildner Christian Wiehle während der ständigen Verwandlungen an fantasievollen Kostümen und üppigen Arrangements aufgefahren wird. Und dennoch ist das konzises Musiktheater. Denn bei aller szenischen Fantasie folgt Moses immer dem Puls, den die Musik vorgibt – und entwickelt dazu grandiose Bilder: wie den skurrilen Cancan zur Amen-Fuge oder die von Videosequenzen unterlegten Traumszenen des paralysierten Faust.

Unerklärlich nur, warum es der neuen Opernleitung nicht gelungen ist, eine adäquate Sängerbesetzung zu verpflichten. Außer Mark Munkittrick (Brander) wird keiner den Anforderungen seiner Rolle wirklich gerecht. Pavel Cernoch (Faust) ist ein überzeugender Darsteller mit Potential,  seinem gut geführten Tenor mangelt es aber etwas an (Höhen-)Strahlkraft, zudem zeigt er sich wenig vertraut mit der französischen Prosodie, die das Fundament für den klanglichen Gestus dieser Musik ist. Besser gelingt das Robert Hayward (Méphistophélès), noch besser Maria Riccarda Wesseling (Marguerite), deren etwas eindimensionaler Sopran in der Höhe aber bedenklich zum Flackern neigt. Und auch der grandiose Staatsopernchor kann nicht vergessen machen, dass es dem Dirigenten Kwamé Ryan zu häufig misslingt, Bühne und Orchester zusammenzuhalten. Neben durchaus vorhandener koloristischer Vielfalt vermisst man auch mitunter rhythmischen Drive,  Spannung, Kitzel: es steckt durchaus mehr in dieser zukunftsweisenden Partitur, als in  Stuttgart bei der Premiere  zu hören ist.

Weitere Aufführungen am 05.11., 10.11., 18.11., 27.11.
und viele weitere bis zum 24.01.

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