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Nov

Nigel Kennedy spielt im Stuttgarter Beethovensaal Vivaldi

Irgendwie gaga

Mal ehrlich, ist das witzig? Der Titel „Air“ aus seiner Four Elements Suite, so scherzt Nigel Kennedy, komme von den schönen Haaren seiner Backgroundsängerinnen, also ein Wortspiel mit „Air“ und „Hair“. Dabei guckt er so keck, als hätte ein Neunjähriger vor seinen Erziehungsberechtigten eben irgendeinen verbotenen Fäkalausdruck fallen lassen. An einer anderen Stelle meint Kennedy, er sei ja für die Menschenrechte, weshalb sein Bratscher auch zusammen mit den anderen Musikern zu Abend essen dürfe. Der Angesprochene lacht gequält und muss sich auch noch pflichtschuldig erheben, um dem auf seine Kosten gemachten Witzchen seines Chefs die Reverenz zu erweisen.

Es sind aber nicht nur solche unterirdischen Scherze, die im Verlauf dieses Abends im schwach besetzten Stuttgarter Beethovensaal den Eindruck verfestigen, dass dieser Nigel Kennedy seiner pubertären Phase noch nicht so richtig entwachsen ist. Während seine Mitmusiker – das sogenannte Orchestra of Life – in feinster Abendgarderobe auftreten, trägt Kennedy eine Falten werfende Nietenhose, dazu Springerstiefel und eine viel zu große, glänzende Jacke, in der der mittlerweile knapp 55-Jährige zusammen mit seiner Punkertolle aussieht wie ein britischer Unterschichtler aus sozial prekärem Milieu. Wenn ein Stück zu Ende ist, verbeugt sich Kennedy nicht, sondern reckt entweder wiederholt den gestreckten Daumen ins Publikum oder macht eine Bewegung, als würde er sich Schweiß von der Stirn wischen. Irgendwie ist der Mann ein bisschen gaga.

Aber vielleicht ist das aber alles bloß ein geschickt inszeniertes Image: denn seit seinem Megaerfolg aus den späten 80ern mit Vivaldis 4 Jahreszeiten, dem bis heute meistverkauften Klassikalbum überhaupt, trägt Kennedy das Markenzeichen des Enfant terrible, das die steife Klassikszene mal so richtig aufmischt. In der Praxis sieht das dann so aus, dass er während Vivaldis „Frühling“ einmal im Chor mit seinern Musikern „O yeah“, und kurze Zeit später „O Shit!“ ruft. Oder bei besonders rhythmischen Stellen mit seinen Stiefeln auf den Boden tritt, dass die Bretter des Liederhallenpodiums wackeln. Nun hat Kennedy für seine aktuelle Tournee Vivaldis Erfolgsstück noch einmal neu bearbeitet: neben der Streicherbesetzung spielt nun auch eine kleine Band mit Perkussion, E-Gitarre, Keyboards und Trompete mit, ein vierstimmiger Backgroundchor trällert Vokalisen – wobei sich die Sängerinnen über den Zeitpunkt ihrer Einsätze nicht immer einig zu sein scheinen. Zwischen die einzelnen Sätze hat Kennedy eigene Stücke von äußerst schlichter Faktur eingefügt, die sich problemlos als Fahrstuhlmusik einsetzen ließen. Das gilt allerdings nicht für die Stellen, an denen Kennedy seine Violine gegen die Elektrogeige tauscht.

Was Rockgitarristen anbelangt, so gibt es ja vor allem zwei schlechte Angewohnheiten, mit denen sie das Publikum nerven können: zum einen die Neigung zum selbstverliebten Dauernudeln, zum anderen das Rumspielen mit Effektgeräten. Nun ist Kennedy zwar ein Geiger, aber in der Ausprägung, mit der er beiden genannten Leidenschaften frönt, scheint er im Geiste eher ein Hardrockgitarrist zu sein – zumal er offenbar deren musikalisches Weltbild teilt: für Kennedy gibt es entweder schnelle Stücke – die man dann so fetzig wie möglich spielt – oder Balladen, bei denen es dann „romantisch“ zugehen darf. So macht er Vivaldi platt, und so funktionieren auch die Sätze seiner selbst komponierten „Four Elements“ Suite, mit denen er nach der Pause bis weit nach 23 Uhr das Publikum beschallt. Das Werk klingt wie eine Resteverwertung aus Barock, Rock, Filmmusik und Ethnopop: zuckersüße Melodien über gut abgehangenen Akkordfolgen, endlos wiederholte Leerformeln, in Artrockmanier aufgedonnert, dazwischen klezmert, hendrixt und orientelt es ein bisschen. Ein schwer verdaulicher Stilmix. Und musikalisch so antiquiert, dass der gute alte Vivaldi daneben wie ein Revoluzzer wirkt. (Stuttgarter Zeitung)

Ein Kommentar vorhanden

  • Reinhardt Michel
    4. November 2011 15:38

    Sehr geehrter Herr Armbruster,
    ich finde Ihre Kritik gelinde gesagt „unangemesssen“. Vor allem Ihre Sprachwahl trifft das Genre für das Sie Herrn Kennedy tadeln.
    Ich fand das Konzert ausgezeichnet. Nun, Herr Kennedy ist eben ein „Punk“ – na und. Sein Instrument beherrscht er jedoch perfekt und seine unkonventionellen Ideen in dieser four seasons / four elements performance haben mich sehr aufgewühlt. Zugegeben, ich kam mit anderer Vorstellung in das Konzert, aber ich habe mich eben mitreißen lassen und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich der einzige war. Nichts ist subjektiver als das was wir Realität bezeichnen. So ist es mit Ihrer Kritik und mit meiner Erfahrung am Mittwoch Abend in der Liederhalle. „gaga“ sind wir dann doch alle.

    Mit freundlichen Grüßen
    Reinhardt Michel

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