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Nov

Kit Armstrong spielte in der Meisterpianistenreihe

Kit Armstrong

Selbst wenn man strenge Maßstäbe anlegt, so war Kit Armstrong wohl das, was man gemeinhin als Wunderkind bezeichnet: mit neun Monaten soll der in Los Angeles als Sohn einer taiwanesischen Bankerin aufgewachsene begonnen haben zu sprechen, mit zwei Jahren beherrschte er die Grundrechenarten. Mit fünf begann er Klavier zu spielen, mit sieben kam er an die Chapman University und schrieb seine erste Sinfonie. An der Royal Academy of Music in London traf er den Pianistenguru Alfred Brendel, der den jungen Mann unter seine Fittiche nahm. Brendel war von Armstrongs Talent derart angetan, dass sich der sonst nicht zu Übertreibungen Neigende verkündete, Armstrong sei „die größte Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin“. Wie sieht so eine Extrembegabung aus?

Wenn Kit Armstrong in seinem schwarzen Anzug zum Flügel schreitet – etwas steif, die Hände eng an die Oberschenkel geheftet – dann wirkt er eher wie ein Konfirmand denn wie ein Klaviershootingstar: auf fünfzehn könnte man ihn schätzen, dabei ist er schon neunzehn Jahre alt. Für sein Debut im Stuttgarter Beethovensaal hat sich Armstrong ein so anspruchsvolles wie stringentes Programm ausgesucht: zwei Werke von Johann Sebastian Bach umrahmten in jeder Programmhälfte zwei von Franz Liszt.

Dass Bach zu Armstrongs Lieblingskomponisten zählt, kann nicht verwundern wenn man weiß, dass Mathematik die zweite große Leidenschaft der Amerikaners ist. Und tatsächlich besticht Armstrongs Bachspiel durch eine luzide Offenlegung der polyfonen Strukturen, eine Plastizität des Stimmverlaufs, wie sie sich nur durch perfekte Kontrolle der Anschlagstechnik erreichen lässt. Fast grenzenlos erscheint in den beiden Präludien und Fugen B-Dur und b-Moll aus dem Wohltemperierten Klavier II Armstrongs artikulatorisches Spektrum: die Musik fließt in entspanntem Duktus dahin, und obwohl Armstrong durchaus Pedal einsetzt, wirkt jede Stimme völlig autonom. Auch in der lisztschen Bearbeitung der Fantasie & Fuge g-Moll BWV 542 kann man staunen über Armstrongs stupende Beherrschung der Form: jede Phrase erscheint eingebettet in eine übergeordnete Struktur, und die Intensität, mit der Armstrong auch reine Zweistimmigkeit wie in den Vier Duetten BWV 802-801 von innen heraus zum Sprechen bringt, lässt an große Bachspieler wie Murray Perahia denken – oder auch an Till Fellner, der übrigens – wohl kein Zufall – auch ein Brendelschüler ist.

Wie aber sieht es aus mit der Musik Franz Liszts, die, neben Formbeherrschung auch ein gerüttelt Maß an poetischer Imaginationsfähigkeit und pianistischer Entfesselung verlangt? Letzteres ist vielleicht das einzige, was Armstrong (noch) nicht zu Gebote steht. Anders als etwa beim jungen Jewgeni Kissin wirkt sein Musizieren immer emotional kontrolliert: außer einem leichten Zucken der Unterlippe zeigt er keine Regung, und wo Kissin sich, wie in der zehnten „Étude d´execution transcendante“ in einen regelrechten Rausch spielt, da bleibt Armstrongs Expressivität gezähmt. Dafür findet er für die zarten Dreiklangsmotive am Beginn von „Les Cloches de Genève“ aus den Années de Pélerinage feinste Pianissimoschattierungen, und beim Flirren der Wasserfontänen in „Les Jeux d´eau á l Villa d´Este“ kitzelt er schillernde Farben aus dem Steinway. Doch nachdrücklicher bleibt sein Bach in Erinnerung: Welche Klangräume er in Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge d-Moll eröffnet, mit welch großer Geste er den improvisatorischen Charakter der Fantasie vorführt und dann mit abgeklärter Ruhe die Fuge entwickelt, das hat unzweifelhaft Format.
(Stuttgarter Zeitung)

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