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Feb

Anna Netrebko und Erwin Schrott in Stuttgart

Das gibt es eher selten in Stuttgart, dass Leute mit einem „Suche Karte“-Schild im Foyer des Beethovensaals herumstehen. Man ist ja nicht in Bayreuth oder Salzburg. Aber an diesem Abend war der Glamourfaktor ziemlich hoch, hatte sich mit Anna Netrebko und Erwin Schrott doch das neue „Traumpaar der Oper“ angekündigt. Dabei ist das mit dem alten Traumpaar noch gar nicht so lange her, doch seit Rolando Villazon Stimmbandprobleme hat, blieb die männliche Rolle einige Zeit vakant oder wurde übergangsweise mit wechselnden Partnern besetzt, Tenören natürlich. Genau das ist nun ein bisschen das Problem mit Erwin Schrott, selbst wenn der im richtigen Leben Netrebkos Traumparter ist: er ist halt ein Bassbariton, und Liebesduette mit Sopranistinnen sind für die in der Opernliteratur kaum vorgesehen.
So gibt es an diesem Abend insgesamt nur drei Duette: neben „Lippen schweigen“ aus Lehárs „Lustiger Witwe“ eines aus Donizettis „Liebestrank“ und als Schlussstück „Bess, You is my woman“ aus George Gershwins „Porgy and Bess“, an dessen Ende Schrott seiner Flamme einen sanften Kuss auf die rosigen Wangen drückt, was allgemeines Entzücken im restlos ausverkauften Saal zur Folge hat. Nun sind die beiden aber auch ein hinreißendes Paar: Der in offenem Hemd und Samtjacke auftretende Schrott ist ein Charmeur von nachgerade entwaffnender Virilität, der real zudem wesentlich netter aussieht als auf den Plakaten; die etwas fülliger gewordene Netrebko bezirzt nach wie vor nicht nur mit schönen Kleidern – an diesem Abend trägt sie zwei schulterfreie Roben in violett und schwarz – sondern auch mit Anmut und Bühnenpräsenz. Und natürlich mit ihrer Stimme. Im Vergleich zu früher ist die deutlich voluminöser geworden, besitzt aber immer noch dieses goldene Timbre, das sie, wenn nötig, mit einer leichten Schärfe aufhellen kann. Wie in der Juwelenarie aus Gounods „Faust“, bei der ihre Vokalisen ebenso luxuriös schimmern wie das Armband, über das sie sich versonnen streicht. Oder im „Lied an den Mond“ aus Dvoráks „Rusalka“, bei dem sie mit einer verschatteten Mittellage punkten, aber auch die Melodiebögen weit ausschwingen lassen kann.
Trotzdem kann man natürlich fragen, was sie für die Rolle als „Superstar der Klassik“ nun eigentlich qualifiziert. Ist sie wirklich die beste Opernsängerin der Gegenwart? Oder passt die schöne Russin einfach ins Anforderungsraster von Agenturen und Konzertveranstaltern, die sie geschickt vermarkten? Dass Anna Netrebko eine ernstzunehmende Künstlerin ist, die in Opernproduktionen zu überzeugen weiß, dürfte außer Frage stehen. Aber sicher gibt es wenige Operndiven, die sich derart bereitwillig auch für fragwürdige Events zur Verfügung stellen wie etwa das Open-Air-Konzert, das sie im letzten Jahr auf der Berliner Waldbühne gegeben hat. Auf alle Fälle aber ist Anna Netrebko ein Premium-Produkt: rar, hochpreisig und imageträchtig: Die besten Plätze im Beethovensaal kosten an diesem Abend deutlich über 400 Euro. Wer sich das leisten kann, legt auch sonst Wert auf Qualität. Und so kann es auch kaum verwundern, dass im Liederhallenfoyer gleichzeitig die neue Siebenerlimousine von BMW präsentiert wird.
Und wie passt da Erwin Schrott dazu? Der Uruguayer würde wohl nicht an Netrebkos Seite singen, wäre er nicht mit ihr liiert – nicht nur, weil er kein Tenor ist. Ein sehr guter Sänger ist er gleichwohl. Sein kernig-maskuliner Bariton ist von nachgerade imponierender Kraftentfaltung, in der Mephistoarie aus Gounods „Faust“ übertönt er fast provozierend lässig die von Claudio Vandelli geleitete Prager Philharmonie samt dem Männerchor der Stuttgarter Choristen.  Die Registerarie des Leporello aus „Don Giovanni“ gestaltet er als keckes Parlando, die Aufzählung der Frauengeschichten seines Herrn entnimmt er dabei nicht wie üblich einem handgeschriebenen Verzeichnis, sondern einer Ausgabe der „Vogue“. Dass der Diener dabei erotischer rüberkommt, als es sein Herr Don Giovanni je sein könnte – sei´s drum. In der Auftrittsarie des Quacksalbers Dulcamara aus Donizettis „L’elisir d’amore“ luchst Schrott einem Herrn aus dem Publikum gar die Brieftasche im Tausch gegen eine Flasche Hochprozentiges ab. Das Publikum nahm solcherlei Späße mit Vergnügen, und das passte auch gut zur Dramaturgie dieses Abends, der nicht mehr sein wollte als eine abwechslungsreiche Aneinanderreihung beliebter Arien, aufgelockert durch drei routiniert und schwungvoll gespielte Orchesterintermezzi. Am Ende, nach einem von Anna Netrebko herzzerreissend schön gesungenen puccinischen „O mio babbino caro“  darf Schrott dann gar noch den bandoneonbegleiteten Tangosänger geben. Das kann er auch. Wenngleich sein Tango eher nach Konzertsaal denn nach Spelunke  klingt.      (Stuttgarter Zeitung)

 

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