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Mrz

Vivaldis Vier Jahreszeiten vom spanischen Ensemble Forma Antiqva

Orkan im Frühling

Vor 25 Jahren hätte man eine solche Aufnahme noch als das Werk von Verrückten abgetan. Der Beginn des Winters in dieser Neuaufnahme von Vivaldis „4 Jahreszeiten“ durch das spanische Ensemble Forma Antiqva etwa klingt in der Geräuschhaftigkeit, mit der die Streicher hier mehr auf als am Steg spielend die vor Kälte klirrende Landschaft evozieren, eher wie ein Stück neuer Musik als wie ein barockes Concerto grosso, der Frühlingssturm bläst gar als veritabler Orkan aus den Boxen. Man kann die Interpretationsgeschichte dieses Dauerbrenners unter den Vorzeichen historischer Aufführungspraxis durchaus als eine der Steigerung betrachten – mit immer extremeren Tempi und einer zunehmend naturalistischer werdenden Darstellung von Außermusikalischem wie Hundegebell oder Vogelrufen. Unter diesem Aspekt könnte diese Aufnahme nun das vorerst letzte Kapitel dieser Entwicklung sein, denn mehr Virtuosität und klangfarbliche Zuspitzung lässt sich dem Instrumentarium kaum noch abtrotzen. Auch was Agogik und Phrasierung anbelangt, dehnt das Ensemble um das spanische Brüdertrio Aarón, Daniel und Pablo Zapico hier die Partitur bis an die Grenzen aus – mitunter scheint sich der Rhythmus fast in freie, fast improvisatorisch wirkende Passagen aufzulösen. Eine in ihrer Radikalität und theaterhaft plastischen Darstellung nachhaltig faszinierende Einspielung. Möglich wurde sie durch eine extrem reduzierte Streicherbesetzung , kontrastiert von einem vergleichsweise üppig besetzten Continuo und gekrönt vom wie entfesselt spielenden Solisten Aitor Hevia. Streiten kann man sich über die musikalischen Einrichtungen der Sonette, die Vivaldi den einzelnen Sätzen vorangestellt hat und die von Uri Caine unter Zuhilfenahme elektronischer Klangerzeuger vertont wurden. Originell ist diese Aufnahme ohnehin.

Antonio Vivaldi: Die vier Jahreszeiten. Winter & Winter.

 

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