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Mrz

Das City of Birmingham Symphony Orchestra mit Andris Nelsons und Rudolf Buchbinder

Es gibt Stellen in der Musik, die sind vor Glück kaum auszuhalten. Wie der Beginn des Rondo in Beethovens viertem Klavierkonzert, wenn mit dem Orchestereinsatz die ganze Welt zu tanzen beginnt. Da kann auch der Dirigent Andris Nelsons kaum mehr an sich halten: ballt die Fäuste, hüpft auf dem Podium und freut sich wie ein Kind. Und das wirkt kein bisschen aufgesetzt bei dem 33-jährigen Letten, der bei seinem Landsmann Mariss Jansons in die Lehre gegangen ist und sich als Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra aufmacht, in die Weltliga der Dirigenten aufzusteigen. Anders als der einstiger Leiter des Orchesters, Simon Rattle, ist Nelsons ein Emphatiker, der sich völlig verausgabt in dem Bemühen, noch das letzte Quentchen Ausdruck aus der Partitur zu holen. Spannung, Schwung, Fluss, innere Bewegtheit lauten lauten die Maximen seines Musizierens – auch bei Beethovens viertem Klavierkonzert. Zwar drohte ihm die Themenexposition im ersten Satz formal etwas aus den Fugen zu geraten, aber das änderte sich mit dem Einsatz des Pianisten Rudolf Buchbinder. Man konnte sich ja im Vorfeld fragen, wie der Hitzkopf Nelsons sich mit der sonst eher bedächtigen Art Buchbinders arrangieren würde. Aber so wie der Dirigent den technisch absolut brillant spielenden Pianisten zu einigen ungewohnten Keckheiten animierte, so bewahrte der souverän disponierende Buchbinder Nelsons immer wieder vor der Gefahr des Überphrasierens.
Schon beim Auftaktstück, Benjamin Brittens „Four Sea-Interludes“ aus der Oper Peter Grimes, konnte das Orchester bei seinem Gastspiel in der Meisterkonzertreihe mit seiner ausgeprägten Fähigkeit zu klanglicher Suggestion überzeugen: dräuend der dunkel-verhangene Beginn in „Dawn“, festlich gestimmt der „Sunday Morning“, mysteriös das „Moonlight“. Im finalen „Storm“ schließlich ließ Nelsons die Elemente nach Kräften toben.
Doch auch wenn das Orchester aus Birmingham sehr diszipliniert spielt – klanglich ist es von einem wirklichen Spitzenorchester noch ein gutes Stück entfernt. Das gilt weniger für das strahlend-satte Blech als vielmehr für die mitunter etwas scharf klingenden Holzbläser, auch der Streichersektion fehlt in der Höhe jener goldene Glanz, den etwa die Konkurrenz aus London oder Berlin aufzuweisen hat.
Freilich beeinträchtigte das die großartige Wirkung von Sibelius´ zweiter Sinfonie nur wenig. Nelsons malte das Stück als pessimistisch getöntes Erlösungsdrama, als schlingernden Psychotrip einer zerrissenen Seele, mit schimärenhaft aufscheinenden Inseln der Seligkeit inmitten des orchestralen Strudels. Sogar die triumphale Schlussapotheose, die vom Publikum im voll besetzten Beethovensaal bejubelt wurde, wirkte nach all den durchlebten Abgründen fast schon mahlerhaft gebrochen. Ein Leonard Bernstein hätte das kaum eindringlicher zeigen können.  (Stuttgarter Zeitung)

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