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Apr

Die Schwetzinger SWR Festspiele

Aufgebot an großen Namen

Nicht nur das Land Baden-Württemberg feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen, auch die Schwetzinger SWR Festspiele finden in diesem Jahr zum 60. Mal statt. Schwerpunkte der vom 27. April bis zum 16. Juni dauernden Veranstaltungsreihe bilden wie immer Opernproduktionen und Konzerte.

Dass dabei die Crème der Klassikszene in Schwetzingen gastiert, ist eigentlich nichts Neues. Ein derartig dichtes Aufgebot an internationalen Spitzenkräften wie in diesem Jahr ist aber auch für dieses renommierte Festival ungewöhnlich. Egal, welche Disziplin man betrachtet, ob Gesang, Klavier, Cello oder Streichquartett: viele der im Moment führenden Künstler ihres Fachs kommen im Frühling nach Schwetzingen. Der besseren Übersicht wegen hat man die Konzerte thematisch gebündelt. „Klavierissimo“ heißt etwa der Klavierzyklus, bei dem neben Nikolai Demidenko und Radu Lupu auch der charismatische Piano-Individualist Grigory Sokolov spielen wird. Allein um ihn zu hören dürften manche Fans von weit anreisen. In dieselbe Liga gehört auch der Ungar András Schiff, der ein reines Schubertprogramm spielen wird, ebenso wie der kanadische Hypervirtuose Marc-André Hamelin. Dessen Konzert mit eigenen Werken neben solchen von Ives und Gershwin steht im Kontext des sogenannten „Panamericana“-Zyklus. Analog zur gleichnamigen Straßenverbindung zwischen Feuerland und Alaska soll diese Reihe die Musikkulturen zwischen Nord- und Südamerika erschließen. Eine schöne, die musikalische Mittelmeerexploration vor zwei Jahren aufgreifende Idee, bei der neben Hamelin noch bekannte Solisten und Formationen wie Giora Feidman, Jordi Savall, das Emerson String Quartet und das Ensemble Al Ayre Espanol mitwirken werden.

Ursprünglich hätte auch Heinrich Schiff innerhalb des sogenannten Cello-Gipfels ein Konzert spielen sollen. Doch ließ der Österreicher vor kurzem vermelden, dass er seine Konzertkarriere beendet hat, weshalb die Veranstalter als Ersatz kurzerhand Gautier Capuçon verpflichtet haben. Der 31-jährige Franzose zählt ebenso zu den herausragenden jüngeren Cellisten wie der ein Jahr jüngere Nicolas Altstaedt, den man im Kontext der sonntäglichen Schwetzinger Matineen im Jagdschloss hören kann. Innerhalb dieser Reihe werden Nachwuchskünstler vorgestellt, die auf dem Sprung zur internationalen Karriere sind. Wie die Pianistin Khatia Buniatishvili. Ihr im vergangenen Jahr auf den Markt gekommene Debutalbum mit Werken von Liszt erregte großes Aufsehen in der Musikwelt, manche fühlen sich angesichts der Technik und des Temperaments der Georgierin sogar an die große Martha Argerich erinnert.

Noch illustrer ist der Zyklus Schwetzingen Vokal besetzt. In jeder Stimmlage treten hier einige der weltweit führenden Sängerinnen und Sänger auf. Dazu zählen die Sopranistinnen Dorothea Röschmann und Magdalena Kozená ebenso wie die große bulgarische Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, die Liedsängerlegende Christophe Prégardien und die beiden deutschen Baritone Christian Gerhaher und Matthias Goerne. Auch das Aufgebot an Vokalensembles ist erstklassig: es gastieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, das Hilliard Ensemble und das Ensemble Stile Antico.

Traditionell gehört der Auftrag zur Komposition einer neuen Oper zum Kern der Schwetzinger Festspiele. Mehr als 40 Werke zählt die Liste der hier im Lauf der sechs Jahrzehnte uraufgeführten Werke, unter den Komponisten sind fast alle großen Namen der zeitgenössischen Musik wie Hans Werner Henze, Salvatore Sciarrino, Adriana Hölszky oder Wolfgang Rihm.

2012 ist diese Ehre dem 42-jährigen Enno Poppe zuteil geworden, der für Schwetzingen ein Werk mit dem Titel „IQ“ nach einem Text von Marcel Beyer geschrieben hat. Der Titel ist Programm: das Libretto basiert auf Originaltönen von Menschen, die bei Intelligenztests mitgewirkt haben. Die Instrumentalisten sollen dabei, so Poppe, zu „integralen Bestandteilen eines hermetischen Versuchssystems“ werden. Inszenieren wird das Stück die wohl bedeutendste Bühnenbildnerin unserer Zeit, Anna Viebrock, die seit einigen Jahren auch selber Regie führt. Die musikalische Umsetzung übernimmt eines der besten Ensembles für neue Musik, das Klangforum Wien.

Ebenfalls zur Schwetzinger Operntradition zählt die Wiederbelebung eines (zu Unrecht) wenig bekannten historischen Werks. In diesem Jahr wird es „Rosamunde“ sein, eine Oper des Komponisten Anton Schweizer nach dem Libretto von Christoph Martin Wieland. Der im 12. Jahrhundert angesiedelte Plot dreht sich um Liebe, Eifersucht und Hass: Eleonore, die ehemalige Königin von Aquitanien verübt einen Giftanschlag auf Rosamunde, die Geliebte ihres Gatten, Heinrichs II.. In Szene gesetzt wird die Oper, eine Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Weimarer Nationaltheater, (Anton Schweizer war einst am Weimarer Hoftheater engagiert) von Jan Willem de Vriend.

Eine weitere Veranstaltungsreihe ist die dem 76-jährigen Komponisten Aribert Reimann gewidmet, der im letzten Jahr mit dem Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet wurde. Auch für die Aufführung seiner Werke wurden namhafte Solisten und Ensembles verpflichtet: Unter anderem die Sopranistinnen Christine Schäfer und Mojca Erdmann sowie den Klarinettisten Jörg Widmann.

Der Schwerpunkt der Konzerte liegt zwar auf Kammermusik, aber auch die Liebhaber von Orchestermusik gehen nicht leer aus. Natürlich ist das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR mit von der Partie, Freunde alter Musik dürften sich aber besonders auf das Gastspiel des Freiburger Barockorchesters freuen, das mit dem Hammerklaviersolisten Kristian Bezuidenhout Mozartkonzerte spielen wird. Mozarts berühmtes Requiem werden das Ensemble Anima Eterna zusammen mit dem Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Jos van Immerseel aufführen.

Dazu gibt es diverse Einzelveranstaltungen. Literarisch-musikalische (u.a. mit Bruno Ganz), Lesungen (mit Alfred Brendel), es gibt aber auch Angebote für kulinarisch Interessierte. Im Mittelpunkt steht dabei: Spargel.

Veröffentlich mit vielen Fotos auf http://www.kulturfinder-bw.de/index.php?id=255

 

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