14
Mai

Das Eröffnungskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele

Eigentlich sollte ja Stéphane Hessel persönlich die Rede zur Eröffnung der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele halten, aber ein gerade überstandener Herzinfarkt machte ihm die Reise unmöglich. Was sollte Thomas Wördehoff, der Intendant der Schlossfestspiele, also tun? Es war Hessel selbst, der ihm den Vorschlag machte, nach Paris zu fliegen, damit er dort wenigstens ein Grußwort zum 80-jährigen Bestehen der Schlossfestspiele aufzeichnen könne. Er, Hessel, komme dann eben im nächsten Jahr. Eine bemerkenswerte Aussage für einen 94-Jährigen, die auch Wördehoff, wie er in seiner kurzen Ansprache betonte, tief beeindruckte. Beeindruckend auch die Ausführungen Hessels, die zu Beginn des Eröffnungsabends auf eine Leinwand des Theaters im Forum projiziert wurden. „Wir müssen uns empören – aber nicht nur!“ – so nahm Hessel das Motto seines berühmten Essays auf und wendete es, ausgehend von der aktuellen europäischen Situation in eine Vision um, die um die Begriffe Hoffnung, Entwicklung und Fantasie kreiste und auch die Programmatik des Eröffnungskonzerts geschickt mit aufnahm.
Soweit das Positive dieses Abends. Nun zählen ja die vom Festspielorchester gestalteten Eröffnungskonzerte traditionell nicht immer zu den künstlerischen Höhepunkten des Festivals. Und dass Orchesterkonzerte in Wördehoffs Festspielkonzept kaum noch eine Rolle spielen, macht die Suche nach einer sinnvollen Programmatik für eine solche Veranstaltung – die ja auch Mottocharakter besitzt – nicht einfacher. Das Überschreiten von Genregrenzen gehört dabei zu Wördehoffs bevorzugten und erfolgreichen Methoden, wenn es darum geht, künstlerische Funken zu schlagen. Jazz spielt(e) dabei eine wichtige Rolle, und so könnte es zu der Idee gekommen sein, die Gil Evans-Bearbeitung des Adagios aus dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquin Rodrigo mit Mitgliedern des Festspielorchesters und einem Jazztrio aufzuführen. Zumal die Platte „Sketches of Spain“ nicht nur eine legendäre, millionenfach verbreitete Aufnahme ist, das Resultat einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Trompetengenius Miles Davis und dem Arrangeur Gil Evans. Sie ist auch ein frühes und überaus gelungenes Beispiel für stilistischen Crossover, ja, Weltmusik. Wer möchte das nicht gerne einmal live hören?

Aber Miles Davis ist tot, und gerade weil diese Platte eine Jazz-Ikone ist, man jeden Ton davon kennt, muss sich eine Aufführung am Original messen lassen. Und davon war man in Ludwigsburg weit entfernt. Nicht nur, dass Ron Miles zwar ein guter Trompeter, aber eben kein Miles Davis ist. Vor allem der Versuch, die Festspielbläser zu einer Gil-Evans-Revivalbigband zusammenzuschließen, mutet fast naiv an. Im Gegensatz zur gebändigten Energie des Originals plätscherte die Musik klanglich amorph und bar jeder rhythmischen Innenspannung dahin, und dass Dieter Ilg (Bass), Patrice Héral (Drums) und Ron Miles dazwischen gelegentliche Trioausflüge unternahmen, machte das Trauerspiel nicht besser.

Da half auch das Taktschlagen des Dirigenten Christian Muthspiel nicht viel, der ja im übrigen auch ein Grenzgänger zwischen Jazz, E- und Weltmusik ist und anschließend die anspruchsvolle Aufgabe hatte, Hector Berlioz´ Symphonie fantastique aufzuführen. Vielleicht war dieses hochvirtuose Stück als musikalische Entsprechung zu Hessels Aufbruchsemphase gedacht – und tatsächlich ist die fünfsätzige „Episode aus dem Leben eines Künstlers“ ein revolutionäres Werk, das drei Jahre nach Beethovens Tod der Sinfonie neue Wege eröffnete und der romantischen Programmmusik den Weg ebnete. Es sind die Seelenwirrungen eines Künstlers, die im Mittelpunkt des Werkes stehen. Für deren Darstellung hat Berlioz auch instrumentatorisch die Grenzen des damals Üblichen ausgedehnt: Vier Harfen (in Ludwigsburg waren es nur zwei), vier Pauken und zwei Glocken fordert er neben einer großen Bläserbesetzung. Doch vor allem ging es ihm um das Entfesseln jener Leidenschaften und Sehnsüchte, die der Künstler im Ringen um seine Geliebte durchlebt.

In Ludwigsburg aber hörte man wenig von diesem Fieber, stattdessen einen zwar sauber durchgespielten, aber lauwarmen Berlioz. Die Ballszene, wo sich der Held in einen Rausch tanzt, klang hier wie ein braver Walzer, die katastrophischen Ausbrüche beim Gang zum Richtplatz oder beim Hexensabbat blieben nur angedeutet. Gleiches gilt für die Klangfarben-Raffinesse der Landszene mit ihrem bukolischen Zauber. Das war ebensowenig überzeugend wie das Stück, das den Auftakt des Abends markierte: die Orchesterbearbeitungen zweier Gymnopédien von Erik Satie. Dass es der große Debussy war, der die ätherisch-keuschen Klavierstücke in ein derart süßlich aufgeplustertes Klanggewand gekleidet hat, macht die Arrangements nicht besser: Sowas hört man sonst allenfalls im Klassikradio. In Wördehoffs Sinn kann das nicht sein. Es kann nur besser werden bei den Schlossfestspielen. (Stuttgarter Zeitung)

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