30
Mai

Christine Schäfer und Julien Salemkour bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Schönberg als Seelenmusik

Vor elf Jahren hatte der Dirigent Michael Gielen mit dem SWR Sinfonieorchester die Sätze von Schuberts Schauspielmusik zu „Rosamunde“ alternierend mit Weberns sechs Orchesterstücken op. 6 aufgeführt und auf CD eingespielt. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen wurde nun eine ähnliche Versuchsanordnung probiert: neben zwei Rosamunde-Sätzen schob man noch die Orchesterbearbeitung von Schuberts dreisätzigem „Divertissement hongroise“ zwischen die Webern-Sätze. Verbindendes (und Trennendes) der beiden Wiener Großmeister sollte damit wohl aufgezeigt werden: Beim Hören überwog dann aber doch der Eindruck von Zusammenhanglosigkeit – gerade Weberns Miniaturen bekommt das Herauslösen aus dem dramaturgischen Kontext nicht.

Freilich muss man froh sein, wenn diese Marksteine der klassischen Moderne überhaupt einmal programmiert werden, das gilt auch für die ebenfalls 1909 entstandenen Orchesterstücke op. 16 von Arnold Schönberg: beide Werke zählen zu den ersten Vorstößen in die Welt der Atonalität. Umso schöner, wenn sie derart kompetent gespielt werden wie nun in Ludwigsburg. Das technische Potential des Festspielorchesters ist bekannt – wie gut es aber spielen kann, wenn es von einem erstklassigen Dirigenten geführt wird, das überraschte dann doch. Julien Salemkour ist (noch) Assistent von Daniel Barenboim an der Deutschen Staatsoper Berlin und längst ein auch technisch brillanter Orchesterleiter. Bergs Stücke zeichnete er detailreich wie klangsinnlich: als zunehmende expressive Verdichtung, die sich im Trauermarsch in einem heftigen Ausbruch entlud. Instrumentalen Gesten hauchte er dabei mittels eines atmenden Phrasierens quasi vokale Lebendigkeit ein. Das galt auch für Schönberg: die fünf Orchesterstücke dirigierte Salemkour als Seelenmusik von existentieller Dringlichkeit.

Die leeren Reihen im Forum-Theater freilich dürften genau diesen Programmpunkten geschuldet gewesen sein: noch immer hat die zweite Wiener Schule keinen festen Platz im Repertoire. Dabei kann man auch die Interpretationen einiger Lieder von Anton Webern durch die Sopranistin Christine Schäfer als Plädoyer für deren Qualität nehmen. Die versierte Liedsängerin bewältigte deren heikle Intervallik souverän, immer die Balance haltend zwischen textgenauer Deklamation und Kantabilität. Imponierend aber auch, mit welcher Sensibilität Salemkour hier das Orchester im Zaum hielt – einem Umstand, dem sich letztlich auch das Gelingen von Richard Strauss´„Vier letzten Liedern“ verdankte. Einige mochten der Sopranistin die Bewältigung dieses vokal-sinfonischen Schwergewichts nicht zugetraut haben: doch Schäfers Stimme hat an Fülle und Dynamik zugelegt – und gestalten kann sie ohnehin. Ein beseeltes, milde verklärtes Abschiednehmen waren diese späten Gesänge. Berührend. (Stuttgarter Zeitung)

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