Beiträge im Archiv Oktober 2012

23
Okt

Das Freiburger Barockorchester spielt in Stuttgart Werke von Beethoven

Ohne Dirigenten geht es nicht

18 Jahre ist es jetzt her, dass John Eliot Gardiner seine Gesamtaufnahme aller Beethoven-Sinfonien mit dem Orchestre Révolutionaire et Romantique herausbrachte und damit in der Musikwelt ein Erdbeben auslöste: derart zugespitzt, klanglich entschlackt und von spätromantischem Ballast befreit hatte man diese Stücke noch nie zuvor gehört – es war, als ob man den grenzsprengenden, revolutionären Gestus der beethovenschen Musik zweihundert Jahre nach ihrer Uraufführung noch einmal neu erlebt hätte.

Seitdem gehören Beethoven-Sinfonien zwar zum Standardrepertoire der historischen Aufführungspraxis, im Konzertsaal hört man sie gleichwohl immer noch überwiegend von konventionellen Sinfonieorchestern – und so war man durchaus gespannt auf die Fünfte mit dem Freiburger Barockorchester im Beethovensaal, zumal auch noch das fünfte Klavierkonzert und das Tripelkonzert op.56 auf dem Programm standen. Nun hatte der Konzertmeister des FBO, Gottfried von der Goltz, in einem Interview kürzlich erklärt, dass er im Gegensatz zu denen Haydns die Sinfonien Beethovens nicht ohne Dirigenten aufführen würde – vom ersten Pult aus würde er sich in dieser Rolle „ohnmächtig fühlen“. Was die Beethoven-Konzerte anbelangt, sieht er das offenbar anders: denn das fünfte Klavierkonzert wie auch das Tripelkonzert leitete er aus seiner Funktion als Konzertmeister – mit wenig Erfolg.

Das Bemühen um markante Phrasierung und rhythmische Stringenz seitens des Orchesters war im Klavierkonzert zwar zu merken, doch vor allem bei Tempoübergängen konnte man auch die latente Unsicherheit, wie denn nun verbindlich zu gestalten sei, nicht überhören. Oft mogelte man sich auf dem kleinsten agogischen Nenner irgendwie durch, Routine und Technik verhinderte Schlimmeres. Immer wieder aber irritierten unpräzise Paukeneinsätze, und auch der Solist Kristian Bezuidenhout schien merkwürdig gehemmt: so richtig wollten er und das Orchester nicht zusammenfinden. Bezuidenhout hatte freilich noch mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen, denn sein Hammerklavier war schlichtweg zu leise für den Riesensaal. Schon in der zehnten Reihe klang es, als hätte man Watte in den Ohren, der im Vergleich zum modernen Flügel weitaus größere Farbenreichtum des historischen Instruments kam kaum zur Geltung: aus den hohen Lagen hörte man kaum mehr als ein „Pling“. An Legatogestaltung, in langsamem Tempo zumal, war so kaum zu denken.

Beim Tripelkonzert mit Bezuidenhout, Anne Katharina Schreiber (Violine) und Jean-Guihen Queyras (Cello) wurde das nicht grundsätzlich anders: gegenüber dem dominanten Cello und der forschen Geigerin rückte der Pianist sogar noch weiter in den Hintergrund, und auch die Unsicherheiten im Zusammenspiel mit dem Orchester setzten sich fort, einigen hinreißend ausgespielten Unisonopassagen im Schlussrondo zum Trotz.

Als dann aber Gottfried von der Goltz bei der Fünften als Dirigent vor das Orchester trat, spielte das auch besetzungsmäßig aufgerüstete FBO wieder so, wie man es kennt und schätzt: aus einem Guss, zupackend in der Phrasierung und engagiert bis ins hinterste Pult. In den furiosen Tempi und dem triumphalen Zug des Finales besaß diese Fünfte auch wirklich Format – gleichwohl blieb vieles im Ungefähren: die klangliche Abstimmung vor allem, speziell in der Holzbläsergruppe. Dazu kam diese Fünfte über das brillant Musikantische einfach zu selten wirklich hinaus. Hier haben, Aufführungspraxis hin oder her, Dirigenten schon ganz andere Dimensionen freigelegt.

 

22
Okt

Die Junge Oper Stuttgart präsentierte „Schaf“ im Kammertheater

Von der Schwierigkeit, einen Namen zu finden

Alle haben einen Namen. Sie haben einen, Ihre Kinder, Freunde und Verwandten haben einen, wahrscheinlich auch Ihre Haustiere. Namen verleihen Individualität, und nicht zuletzt drückt sich in der Wahl der Namen auch aus, wie Eltern sich und ihre Kinder sehen. Es dürften also vergleichsweise wenig Kevins und Mandys, dafür wohl einige Maries und Maximilians im Kammertheater gewesen sein bei der Premiere von „Schaf“, einer Produktion der Jungen Oper Stuttgart nach einer Vorlage von Sophie Kassies. Die Hauptfigur in dem Stück ist ein Schaf, und zwar ein ganz normales Herdenschaft, eines das keinen Namen hat. Was für ein Schaf eigentlich kein Problem ist. Was aber, wenn sich plötzlich ein junger Prinz das Schaf als Freund auserkoren hat und es rufen will? Wie soll er es nennen, so ganz namenlos, wie es ist?

Um das Finden eines passenden Namens und die damit verbundenen Schwierigkeiten geht es in dem gut 75-minütigen Stück, und man kann vermuten, dass sich einige der anwesenden Kinder (und vielleicht auch einige Erwachsene) danach die Frage gestellt haben, was es denn so auf sich hat mit dem eigenen Namen. Was er wohl bedeutet und was sich die Eltern gedacht haben, als sie ausgerechnet diesen gewählt haben, und vielleicht basteln sie aus den Vorlagen im liebevoll gemachten Programmbüchlein auch ein Namensschild und eine Schatzkiste, die sie dann füllen mit Sachen, die ihnen wichtig sind. Denn natürlich definiert man sich nicht nur über den Namen, sondern auch über die Dinge, mit denen man sich umgibt, und viel mehr kann man sich eigentlich von einem Theaterstück für Kinder ja nicht wünschen, als dass sich die Kinder solche Fragen stellen. Und vielleicht auch Antworten finden.

Wie das Schaf. Das hat zwar am Ende von einem Engel ein Kistchen bekommen, in dem sich sein Name befindet, es will diesen aber dann doch lieber nicht wissen. Mit einem Namen wäre es nämlich kein normales Schaf mehr und würde bloß geschnitten von den anderen in der Herde. Ein Schaf ist eben ein Schaf und ein Mensch ist ein Mensch. Dabei hat sich das Schaf solche Mühe gegeben, einen Namen zu finden! Hat sich mit Wunibald, dem Torwächter auseinandergesetzt, der es nicht reinlassen wollte ohne Namen, mit einem alten Mütterchen auf dem Friedhof („Ein Toter ohne Namen ist ein Häufchen Knochen!“) und durfte sich auf einem Maskenball mal so richtig als Schaf fühlen, ganz namenlos.

Auch Lorenzo, der Prinz (Thomas Kellner), der aus lauter Angst, beim Regieren etwas falsch zu machen, davongelaufen ist und seine Krone versteckt hat, hat was gelernt. Dass Mut nämlich nicht bedeutet, dass man keine Angst hat, sondern dass es darum geht, die Angst zu überwinden.

Es zählt zu den Stärken des Stücks und der Inszenierung (Regie: Rogier Hardeman), dass es solche Botschaften nicht mit dem erhobenen Zeigefinger vermittelt, sondern dass sie sich ganz selbstverständlich aus der mit allerlei Wortwitz und Situationskomik angereicherten Geschichte ergeben. Denn Kinder wollen unterhalten werden – und das werden sie, wenn man mal von einer etwas langatmig getexteten Szene nach einer Stunde absieht, wo vor allem die Kleinen (das Stück ist ab 5 Jahren) etwas hibbelig werden. Zur Kurzweil trägt auch das Bühnenbild bei (Bühne und Kostüme: Anna Stolze), bietet das drehbare Holzpodium mit all seinen Luken und Klappen doch vielfältigste Möglichkeiten, unter- und an unerwarteten Stellen wieder aufzutauchen. Schön auch die Idee, das Ganze quasi als Barockoper en miniature zu inszenieren (Leitung: Nicholas Kok). So wird aus dem barocken Schäfer- eben ein Schafspiel, und die Kinder bekommen anhand der neu betexteten, von einer kleinen Continuogruppe begleiteten und von Leonardo B. Lafont und Csilla Csövari ganz prima gesungenen Arien und Rezitative von Purcell, Händel und Monteverdi so ganz nebenbei was von der Musikgeschichte mit. Das dürfte auch die Eltern von Marie und Maximilian freuen. (StZ)

Viele weitere Vorstellungen bis zum 11. November

22
Okt

Das Orchestre des Champs Élysées mit Isabelle Faust in Stuttgart

Entdeckungen bei Brahms

Dass ein auf Originalinstrumenten musizierendes Orchester in der Meisterkonzertreihe der SKS Russ auftritt, kommt auch nicht alle Tage vor. Nun hat sich die historische Aufführungspraxis in den letzten Jahrzehnten einen immer größeren Teil des sinfonischen Repertoires angeeignet, das Orchestre des Champs Élysées zählt dabei zu jenen Klangkörpern, die sich am weitesten vorgewagt haben: einige der unter Philippe Herreweghe eingespielten Aufnahmen von Werken Anton Bruckners werden von der Kritik als Referenzeinspielungen gehandelt, sogar Werke von Gustav Mahler gibt es schon im historisch-kritischen Gewand aus Paris. War das Projekt Brahms-Entschlackung dagegen bisher überwiegend in britischen Händen (Gardiner, Norrington), so schickt sich nun der Flame Herreweghe mit seinen fabelhaften französischen Originalklänglern an, auch unser immer noch von Pultheroen wie Günter Wand oder Wilhelm Furtwängler dominiertes Brahms-Bild zu erweitern.

Als erstes Werk stand im voll besetzten Beethovensaal Brahms´ dritte Sinfonie auf dem Programm, und schon der auffahrende Beginn der ersten Satzes putzte nachhaltig die Ohren durch: so bronzen schimmernd im Klang, mit dezent bratzendem Blech hat man das noch nicht gehört. Ist bei einem modernen Orchester der Gesamtklang auf größtmögliche Verblendung angelegt, so sorgt der grundtönigere Klang der historischen Instrumente fast von allein für jene Transparenz, die das Verfolgen des Stimmverlaufs, der vielfältigen Korrespondenzen zwischen Bläsern und Streichern ganz ohne Anstrengung ermöglicht. Und selbst das Prinzip der Klangrede, das noch bei Mozart dominiert, lässt sich für Brahms nutzbar machen: Herreweghe machte es vor, indem er, ohne die große Linie zu vernachlässigen, die Phrasen aus ihren kleinen Elementen heraus aufbaute und dynamisch extrem flexibel modellierte – gerade die Differenzierungen im Pianissimobereich hört man von konventionellen Orchestern auf diese Art kaum.

Und weil die Musiker des Orchestre des Champs Élysées dazu auf der sprichwörtlichen Stuhlkante musizierten, geriet dieser vielgehörte Repertoireklassiker zu einem veritablen Neuentdeckung: Eine Brahms-Sinfonie aus dem Geiste der Kammermusik.

Nach der Pause gesellte sich dann die Geigerin Isabelle Faust dazu, eine stilistisch ebenfalls sehr versierte Künstlerin, die das hoch differenzierte Spiel der Pariser nutzte, um die „Sinfonie mit obligater Geige”, als die nach der Uraufführung ein Kritiker Brahms Violinkonzert bezeichnete, quasi aus sich selbst heraus zum Sprechen zu bringen. Faust ist nicht nur technisch den Schwierigkeiten des Stücks in jeder Phase gewachsen, gerade die Verflechtungen zwischen Geige und Orchester hat man kaum einmal derart subtil herausgearbeitet gehört. Ungemein beseelt in den lyrischen Passagen, herzhaft zupackend in den virtuosen Aufschwüngen geriet dieses Konzert, wie schon die Brahms-Sinfonie, zu einer Entdeckungsreise – nicht zuletzt deshalb, da Faust im ersten Satz nicht die übliche Joachim-Kadenz, sondern die paukenbegleitete von Ferrucio Busoni spielte.

Ungewöhnlich auch die Zugabe: das von Wagner selbst für Violine und Orchester orchestrierte „Träume“ aus dem Wesendonck-Zyklus. (Essslinger Zeitung)

 


 

 

 

11
Okt

Juliette Gréco hat im Literaturhaus Stuttgart ihre Autobiografie vorgestellt

Je suis comme je suis

Ihr Kleid ist schwarz, natürlich. Kein enges Etuikleid, sondern ein etwas weiter geschnittenes, aus Wolle vielleicht. Dazu trägt Juliette Gréco schwarze, gemusterte Strümpfe und Pumps, und wie sie da auf das Podium im Stuttgarter Literaturhaus steigt, sieht sie sehr elegant und sehr zerbrechlich aus: die großen Augen schwarz umrandet, mit weißem Gesicht, eine altersschöne Frau – ja noch immer jene Skulptur aus Elfenbein und Pechkohle“, als die sie der Schriftsteller Francois Mauriac einmal beschrieben hat. Im April dieses Jahres war sie erst im Theaterhaus aufgetreten, nun ist Juliette Gréco wieder nach Stuttgart gekommen, um dort im Gespräch mit der Autorin Carine Debrabandère ihre neue Autobiografie vorzustellen.

„So bin ich eben – Erinnerungen einer Unbezähmbaren“ ist der Titel des 230 Seiten starken Buchs, aus dem die Stuttgarter Schauspielern Gabriele Hintermaier einige Kapitel auf Deutsch liest, im französischen Original heißt es „Je suis fait comme ca“ – eine Zeile aus „Je suis comme je suis“, einem ihrer berühmtesten Chansons, das ihr der Dichter Jacques Prevert geschrieben hat. Die Szene in ihrem Buch, in der beschrieben wird, wie Juliette Gréco den damals schon berühmten Schriftsteller kennengelernt hat, klingt fast ein bisschen wie aus einem Roman: sie lebte damals, im Sommer 1949 auf Einladung einen Monat an der Cote d´Azur. Eines Tags, sie streifte gerade durch das Örtchen Saint-Paul-de-Vence, hörte sie hinter sich eine Stimme: „Na sowas! Das ist doch die Gréco!“ Es war Prévert, der sie daraufhin prompt auf einen Kaffee in sein Haus einlud.

Sie war eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wieder einmal. Freilich muss ihre eigentümliche Mischung aus fragiler Schönheit, Esprit und Eigensinnigkeit gerade berühmte Männer magisch angezogen haben. Die Zahl ihrer Bewunderer war jedenfalls groß, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Boris Vian zählten dazu, mit einigen hatte sie wohl auch Affären. Männer, die längst allesamt tot sind – wie auch die Jazzikone Miles Davis, doch wenn die 85-jährige Gréco davon erzählt, wie sie den Trompeter nach einem Konzert in Paris kennengelernt hat, und wie sie am Morgen danach händchenhaltend am Ufer der Seine spazierten, dann wird diese Sehnsuchtszeit wieder lebendig. Es war eine sagenumwobene Ära des kulturellen Aufbruchs, die man nur noch aus Filmen, Büchern und von Schwarz-Weiß-Postkarten kennt und auf deren Spuren man sich als Tourist begibt, wenn man heute im Café de Flore in Saint-Germain-des-Près einen Kaffee trinkt. Doch damals, 1947, trafen sich im Keller des Nachtclubs „Tabou“ Philosophen, Literaten und Künstler, mit der jungen, ungebändigten, schönen Juliette Gréco im Mittelpunkt. Auf die Frage von Carine Debrabandère, warum sie sich damals ausgerechnet in Schwarz gekleidet hat, gibt Juliette Gréco eine verblüffende Antwort: nun, sie hätte damals einfach kein Geld gehabt und deshalb abgelegte Männerhosen und Pullover getragen, mit aufgekrempelten Ärmeln. Außerdem käme ihre Familie aus der Mittelmeergegend, da trage man viel Schwarz, es sei die Farbe der einfachen Leute: „Noir de travail“. Aus dem Arbeitsschwarz jedenfalls wurde bald eine Mode: 1949 trugen auch schicke junge Frauen an der Cote d´ Azur Schwarz.

Auffallend ist, wie freimütig Juliette Gréco über ihr Leben spricht, dabei spart sie auch die dunklen Kapitel nicht aus. Ihre Verhaftung durch die Gestapo während der deutschen Besatzung zählt dazu – ihre Mutter, die aktiv in der Résistance war und ihre Schwester wurden für 2 Jahre ins KZ Ravensbrück deportiert, sie selbst kam nach 3 Wochen Gefängnis wieder frei. Eine nie verheilende Wunde hat aber die (Nicht-)Beziehung zu ihrer Mutter hinterlassen. „Frucht einer Vergewaltigung“ sei sie von ihr genannt worden, und es wird ganz ruhig wird im voll besetzten Saal des Literaturhauses. Erschütternd die Szene, als sie schildert, wie sie im Hotel Lutetia auf die Rückkehr von Mutter und Schwester aus dem KZ gewartet hat: plötzlich habe sie die Hand ihrer Schwester auf ihrer Schulter gespürt, daraufhin erblickte sie auch ihre Mutter. Doch die, anstatt ihre Tochter zu begrüßen, habe sie überhaupt nicht beachtet. Man sterbe, so Juliette Gréco, mehrmals im Leben.

Daran kann man zugrundegehen, oder man kann den Kampf für ein eigenes Leben aufnehmen. Die Gréco hat letzteres getan. Doch die Narben von damals schmerzen noch immer: dafür spricht auch, was die Sängerin über ihr Lampenfieber erzählt. Sie habe eben immer Angst davor, zu enttäuschen. Um das Angst in den Griff zu bekommen, hat sie vor jedem Konzert ein ausgeklügeltes Ritual entwickelt: Schminkdöschen platzieren, Wimpern aufkleben. Belanglosigkeiten eben, um sich abzulenken. Sie ist, wie sie ist. Und man liebt sie dafür. (StZ)

 

 

 

5
Okt

Jessye Norman singt im Festspielhaus Baden-Baden

Mit einstudierten Posen

Es ist acht Minuten vor 20 Uhr, dem offiziellen Konzertbeginn, und noch immer sind die Saaltüren im Festspielhaus Baden-Baden geschlossen. Das wartende Publikum – für Baden-Badener Verhältnisse von der Altersstruktur recht gemischt – wird langsam unruhig. Erste Befürchtungen keimen auf: Ob es Probleme gibt mit Jessye Norman? Denn die Sopranistin ist so berühmt wie berüchtigt für ihre kurzfristigen Absagen, der Rücken plagt die massige Diva schon seit langem, auch von Ärger mit Veranstaltern ist gelegentlich zu hören. Doch bevor man sich allzu große Sorgen machen kann, es ist fünf vor acht, gehen die Türen auf.
Es gibt wohl kaum eine andere Sängerin, über deren Ausnahmestellung sich Publikum und Kritiker derart einig sind wie über Jessye Norman. Seit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs 1968 und einem sensationellen Tannhäuser-Debüt ein Jahr später an der Deutschen Oper in Berlin gilt sie als eine der führenden Sopranistinnen weltweit, in der Beschreibung ihres Jahrhundertorgans verfallen selbst kritische Stimmspezialisten regelmäßig in Schwärmereien.
Auf der Opernbühne ist Jessye Norman freilich schon sehr lange nicht mehr zu erleben, auch klassische Liederabende gibt die mittlerweile 67-Jährige kaum mehr. Stattdessen hat sich die in Augusta Geborene auf ihre Südstaatenwurzeln besonnen und widmet sich seit einigen Jahren populärem amerikanischem Liedgut: Gospel und Blues, vor allem aber Jazzstandards von Komponisten wie Harold Arlen, Rodgers/Hammerstein oder George Gershwin: Das große American Songbook. Doch auch diese Auftritt sind selten, ja sie hat sich derart rar gemacht, dass mittlerweile jedes ihrer Konzerte ein Ereignis ist: Kein Wunder also, dass das Festspielhaus praktisch ausverkauft ist, zumal man schon ab 30 Euro eine Karte bekommen kann.
Anders als bei „Roots“, ihrem Livemitschnitt eines Konzerts von 2009 mit Band in der Berliner Philharmonie, lässt sie sich an diesem Abend nur von dem Pianisten Mark Markham begleiten, und so steht auf der Bühne in Baden-Baden nur ein einsamer Steinway. Irritierend sind nur die Lautsprecherboxen auf beiden Seiten der Bühne: Sie wird doch wohl nicht mit Mikrofon singen?
Zehn nach Acht betritt Jessye Norman die Bühne – ohne Mikrofon. Sie trägt ein wallendes schwarzes Kleid mit grauem Umhang, das Gehen macht ihr merklich Mühe, aber sie strahlt, und augenblicklich weicht die Unruhe im Saal gespannter Erwartung. Das nennt man wohl Aura. Mark Markham setzt sich an den Flügel und spielt in den Auftrittsapplaus hinein das Intro zu Bernsteins „Somewhere“. „There´s a place for us“ singt die Norman, mit mächtigen, tiefen Töne in gefühlter Baritonlage. Ganz wie früher, könnte man meinen,  doch dann wechselt sie in die Kopfstimme, und das ist fast ein Schock. Wer sie früher gehört hat, ihre Aufnahmen kennt etwa von Strauss´ „Vier letzten Liedern“ und diesen einzigartigen, schimmernden Klang im Ohr hat, der mag kaum glauben, dass diese unrunden, schrillen, gestemmten Töne von Jessye Norman stammen sollen. Warum tut sie sich das an, fragt man sich, zumal sie wissen muss, in welche Fußstapfen sie hier tritt: Ella Fitzgerald, Nina Simone, Sarah Vaughan – die Koryphäen des amerikanischen Jazz. Dazu kommt, dass man kaum einmal das Gefühl hat, dass sie wirklich aus sich herausgeht. Sie singt zwar Jazz, aber mit bis ins kleinste Detail einstudierten Posen und Gebärden: Das hat die abgezirkelte Steifheit eines klassischen Liederabends, und selbst wenn sie versuchsweise scattet wie in „Don´t Get Around Much Anymore“, klingt jeder Ton wie buchstabiert. Nur bei Mackie Messer – dessen Anfang sie in akzentfreiem Deutsch spricht – kommt so etwas wie Jazzfeeling auf – was auch am Pianisten liegt, der es sich hier mal erlaubt, lustvoll danebenzulangen.
Freilich gibt es einige Momente, in denen etwas von dem aufscheint, was Jessye Normans große Kunst einmal ausgemacht hat. Vielleicht hilft ihr das Mikrofon, das sie nach der Pause mitbringt und dass sie sich damit sicherer fühlt: in „Pretty Horses“ oder „Solitude“ lässt sie für kurze Zeit alles Gekünstelte hinter sich, scheint  ganz für sich zu singen, zwar leise, aber rund, berührend, aus dem Herzen. Zum Ende des Programms animiert sie das Publikum in „It don´t mean a thing“ erfolgreich zu kollektivem Doo-ah-doo-ah, für die erwartbaren Ovationen bedankt sie sich mit Gershwins „Summertime“. Ein schöner Song. Selbst wenn es mittlerweile Herbst geworden ist. (StZ)

4
Okt

Herbstfestspiele. Die Bamberger Symphoniker spielen Mahler in Baden-Baden.

Ergreifender Abgesang auf das Leben

Die Aufführung einer Mahler-Sinfonie ist immer noch schwer vereinbar mit dem üblichen Konzertbetrieb: das liegt weniger an ihren technischen Schwierigkeiten als daran, dass es bei Gustav Mahler um alles geht – jede Sinfonie ist ein eigener Weltentwurf, und so ist der Anspruch an den Dirigenten gewaltig, das Ausdrucksspektrum dieser Musik in Klang zu setzen. Dem Engländer Jonathan Nott ist das in den letzten Jahren in bemerkenswerter Weise gelungen. Seit 2000 ist er Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, mit ihnen hat er einige herausragende Aufnahmen von Mahlersinfonien vorgelegt. Die Erwartungen an seine Auftritte im Baden-Badener Festspielhaus waren dementsprechend groß: Am Mittwoch war Nott mit dem Adagio aus der zehnten Sinfonie und dem ‚Lied von der Erde‘ zu Gast.
Und vom ersten Takt an ist man von der Musik existenziell gepackt: das lang gezogene Streicherthema des Adagio-Fragments besitzt jene Qualität des Suchenden, Tastenden, die einen sofort hineinzieht in den Verlauf dieser brüchigen, im Forte des Neuntonakkords kulminierenden Musik, den man derart schneidend kaum je gehört hat. Nott verbindet quasi Boulez mit Bernstein: Akribische Partiturdurchleuchtung geht zusammen mit Emphase. Dazu besitzt er das Empfinden für den spezifischen Tonfall von Mahlers Musik.
Auch im ‚Lied von der Erde‘, wo ihm das Kunststück gelingt, die ständigen Tempomodifikationen als völlig kohärent, aus dem Tonfall der Musik entwickelt erscheinen zu lassen. ‚Das Trinklied vom Jammer der Erde‘ nimmt Nott so, wie es der Komponist vorschreibt: ‚Pesante‘, also schwer, drückend – und nicht mit dem drängenden Furor, wie man ihn von vielen Dirigenten hören kann. Jede Phrase, jedes Motiv ist mit Ausdruck aufgeladen. Die Oboenkantilenen über den sordinierten Violinen im Lied ‚Der Einsame im Herbst‘ evozieren prägnant die Stimmung der Vergänglichkeit, die Ermattung des Lebensmüden. Die Flötengirlanden in ‚Von der Jugend‘ bereiten den Boden für die Feier des Lebens, und mit den einleitenden Schlägen im ‚Abschied‘ wird der Tonfall für den wohl ergreifendsten Abgesang auf das Leben angestimmt, den Mahler komponiert hat.
Die Bamberger spielten fabelhaft und es hätte ein großer Abend werden können, hätte man dazu noch entsprechende Sänger gehabt. Doch Klaus Florian Vogt mag ein fabelhafter Lohengrin sein, die Zerrissenheit des von Weltschmerz gepeinigten Trinkers scheint ihm ebenso fremd wie ein wirkliches Legato. Die Stimme der großen Doris Soffel dagegen hat ihren Zenit einfach überschritten: an stimmlicher Kontrolle blieb sie, trotz Bühnenpräsenz und Ausdruckswillen, einiges schuldig. (StZ)

 

2
Okt

Restaurantkritik „La Bruschetta“ in Feuerbach

Am besten sind die Vorspeisen

Gute Ansätze, aber bei den Hauptgerichten hapert es: Das „La Bruschetta“ in Feuerbach will italienische Küche „alla mamma“ anbieten.

Es ist ein Lokal vom Typ „Italiener um die Ecke“, das Ristorante „La Bruschetta“ in Feuerbach – an der Ecke genauer gesagt, liegt es doch exakt an der Kreuzung von Stuttgarter Straße und Salzburger Straße. Früher war hier eine Kneipe namens „Roseneck“, die die Familie Sammarco nach eingehender Renovierung vor einem guten Jahr als Restaurant neu eröffnet hat. Im dessen vorderem Teil sitzt man gemütlich auf roten Kunstlederbänken an großen Tischen, das schummrige, mit allerhand Nippes vollgestellte Nebenzimmer im hinteren Teil lässt dagegen noch Raum für weitere Verschönerungen.

Neben der gedruckten Karte bekommen wir noch eine kleinere Tageskarte gereicht: die mit Spargel und Mozzarella gefüllten Rouladen klingen verheißungsvoll, sind aber laut Aussage des Kellners schon aus – dabei ist es noch recht früh am Abend und außer unserem ist nur noch ein Tisch besetzt. So lassen wir uns erst mal – ein Muss bei dem Restaurantnamen – als Vorspeise die Bruschetta-Variationen (4,50 Euro) und eine Portion gegrilltes Gemüse (8,50 Euro) bringen. Und wir sind begeistert: die neben der üblichen Tomaten-Variante mit diversen, frisch zubereiteten Pasten belegten Bruschette sind eine Delikatesse, und auch die hauchdünnen marinierten Zucchini- und Auberginenscheiben, zu denen handwarmes Pizzabrot aus dem Ofen gereicht wird, kann man kaum besser machen. Irritierend ist bloß, dass man statt Tellern für die Vorspeisen kleine Untersetzer vorgesetzt bekommt.

Das „La Bruschetta“ ist ein Familienbetrieb. Sohn Pasquale kümmert sich freundlich und aufmerksam um den Service, die Arbeit in der Küche teilen sich Mutter Linda – die schon einige Erfahrung in der Gastronomie hat – und Vater Pino. Der ist an diesem Abend fürs Kochen zuständig, und wir sind einigermaßen überrascht, als wir als Beilage zu den Kalbsschnitzeln in Weißweinsauce (15,50 Euro) exakt die gleichen marinierten Gemüse bekommen, die wir schon als Vorspeise gegessen haben – ein Fauxpas, ganz abgesehen davon, dass die kräftigen Aromen nicht mit den zarten Scaloppine harmonieren, deren Zubereitung obendrein handwerkliche Mängel in der Küche offenbart: die Sauce ist offenbar mit Bindemittel zu einer undelikaten Pampe eingedickt worden und schmeckt leicht bitter nach angebranntem Knoblauch. Der gegrillte Fisch  (16,50 Euro) ist gleichermaßen trocken wie faserig-zerfallen, was auf die Verwendung von Tiefkühlware hindeutet, auch als Beilagensalat könnte man Ansprechenderes erwarten als eine Schüssel mit klein geschnittenem Eissalat und Karotten. Die knusprige Pizza mit Salsiccia (9,50 Euro) ist dagegen auf solidem Niveau, während wir die merkwürdig feste, mit süßlich-klebriger Karamelsauce bedeckte Pannacotta mit Caramel (2,90 Euro) nach dem Probieren lieber stehen lassen. Wirklich überzeugen konnte an diesem Abend neben den Vorspeisen nur der Wein: ein 2011er Sauvignon Blanc vom Weingut Mock (30,50 Euro).

 

 

Frank Armbruster

 

Ristorante La Bruschetta, Stuttgarter Straße 196, 70469 Stuttgart-Feuerbach.

Tel. 411 53 898. Täglich geöffnet von 12.30-14.30 (Mittagstisch) und 17.30 und 23 Uhr.

 

Bewertung

 

Küche **

Service ***

Ambiente **