11
Okt

Juliette Gréco hat im Literaturhaus Stuttgart ihre Autobiografie vorgestellt

Je suis comme je suis

Ihr Kleid ist schwarz, natürlich. Kein enges Etuikleid, sondern ein etwas weiter geschnittenes, aus Wolle vielleicht. Dazu trägt Juliette Gréco schwarze, gemusterte Strümpfe und Pumps, und wie sie da auf das Podium im Stuttgarter Literaturhaus steigt, sieht sie sehr elegant und sehr zerbrechlich aus: die großen Augen schwarz umrandet, mit weißem Gesicht, eine altersschöne Frau – ja noch immer jene Skulptur aus Elfenbein und Pechkohle“, als die sie der Schriftsteller Francois Mauriac einmal beschrieben hat. Im April dieses Jahres war sie erst im Theaterhaus aufgetreten, nun ist Juliette Gréco wieder nach Stuttgart gekommen, um dort im Gespräch mit der Autorin Carine Debrabandère ihre neue Autobiografie vorzustellen.

„So bin ich eben – Erinnerungen einer Unbezähmbaren“ ist der Titel des 230 Seiten starken Buchs, aus dem die Stuttgarter Schauspielern Gabriele Hintermaier einige Kapitel auf Deutsch liest, im französischen Original heißt es „Je suis fait comme ca“ – eine Zeile aus „Je suis comme je suis“, einem ihrer berühmtesten Chansons, das ihr der Dichter Jacques Prevert geschrieben hat. Die Szene in ihrem Buch, in der beschrieben wird, wie Juliette Gréco den damals schon berühmten Schriftsteller kennengelernt hat, klingt fast ein bisschen wie aus einem Roman: sie lebte damals, im Sommer 1949 auf Einladung einen Monat an der Cote d´Azur. Eines Tags, sie streifte gerade durch das Örtchen Saint-Paul-de-Vence, hörte sie hinter sich eine Stimme: „Na sowas! Das ist doch die Gréco!“ Es war Prévert, der sie daraufhin prompt auf einen Kaffee in sein Haus einlud.

Sie war eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wieder einmal. Freilich muss ihre eigentümliche Mischung aus fragiler Schönheit, Esprit und Eigensinnigkeit gerade berühmte Männer magisch angezogen haben. Die Zahl ihrer Bewunderer war jedenfalls groß, Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Boris Vian zählten dazu, mit einigen hatte sie wohl auch Affären. Männer, die längst allesamt tot sind – wie auch die Jazzikone Miles Davis, doch wenn die 85-jährige Gréco davon erzählt, wie sie den Trompeter nach einem Konzert in Paris kennengelernt hat, und wie sie am Morgen danach händchenhaltend am Ufer der Seine spazierten, dann wird diese Sehnsuchtszeit wieder lebendig. Es war eine sagenumwobene Ära des kulturellen Aufbruchs, die man nur noch aus Filmen, Büchern und von Schwarz-Weiß-Postkarten kennt und auf deren Spuren man sich als Tourist begibt, wenn man heute im Café de Flore in Saint-Germain-des-Près einen Kaffee trinkt. Doch damals, 1947, trafen sich im Keller des Nachtclubs „Tabou“ Philosophen, Literaten und Künstler, mit der jungen, ungebändigten, schönen Juliette Gréco im Mittelpunkt. Auf die Frage von Carine Debrabandère, warum sie sich damals ausgerechnet in Schwarz gekleidet hat, gibt Juliette Gréco eine verblüffende Antwort: nun, sie hätte damals einfach kein Geld gehabt und deshalb abgelegte Männerhosen und Pullover getragen, mit aufgekrempelten Ärmeln. Außerdem käme ihre Familie aus der Mittelmeergegend, da trage man viel Schwarz, es sei die Farbe der einfachen Leute: „Noir de travail“. Aus dem Arbeitsschwarz jedenfalls wurde bald eine Mode: 1949 trugen auch schicke junge Frauen an der Cote d´ Azur Schwarz.

Auffallend ist, wie freimütig Juliette Gréco über ihr Leben spricht, dabei spart sie auch die dunklen Kapitel nicht aus. Ihre Verhaftung durch die Gestapo während der deutschen Besatzung zählt dazu – ihre Mutter, die aktiv in der Résistance war und ihre Schwester wurden für 2 Jahre ins KZ Ravensbrück deportiert, sie selbst kam nach 3 Wochen Gefängnis wieder frei. Eine nie verheilende Wunde hat aber die (Nicht-)Beziehung zu ihrer Mutter hinterlassen. „Frucht einer Vergewaltigung“ sei sie von ihr genannt worden, und es wird ganz ruhig wird im voll besetzten Saal des Literaturhauses. Erschütternd die Szene, als sie schildert, wie sie im Hotel Lutetia auf die Rückkehr von Mutter und Schwester aus dem KZ gewartet hat: plötzlich habe sie die Hand ihrer Schwester auf ihrer Schulter gespürt, daraufhin erblickte sie auch ihre Mutter. Doch die, anstatt ihre Tochter zu begrüßen, habe sie überhaupt nicht beachtet. Man sterbe, so Juliette Gréco, mehrmals im Leben.

Daran kann man zugrundegehen, oder man kann den Kampf für ein eigenes Leben aufnehmen. Die Gréco hat letzteres getan. Doch die Narben von damals schmerzen noch immer: dafür spricht auch, was die Sängerin über ihr Lampenfieber erzählt. Sie habe eben immer Angst davor, zu enttäuschen. Um das Angst in den Griff zu bekommen, hat sie vor jedem Konzert ein ausgeklügeltes Ritual entwickelt: Schminkdöschen platzieren, Wimpern aufkleben. Belanglosigkeiten eben, um sich abzulenken. Sie ist, wie sie ist. Und man liebt sie dafür. (StZ)

 

 

 

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