22
Nov

Murray Perahia spielte zusammen mit der Academy of St. Martin in the Fields in Stuttgart

Ausdruck in der Schönheit

Es dürfte wohl das erste Sinfoniekonzert innerhalb der Meisterpianistenreihe gewesen sein: doch da Murray Perahia sich derzeit rar macht, was Recitals anbelangt, war die SKS Russ froh, den eher scheuen Pianisten wenigstens zusammen mit der Academy of St. Martin in the Fields als Solist in Beethovens drittem Klavierkonzert engagieren zu können. Wobei – was heißt hier “wenigstens“? Die 1959 gegründete, nach einer Kirche in der Nähe des Londoner Trafalgar Square benannte Academy hat sich ihren Rang als Instanz für Musik aus Barock und Klassik trotz der Originalklang-Konkurrenz bewahren können: Die Einspielung der bachschen Klavierkonzerte mit Murray Perahia und der Academy etwa ist, was Klangfarbenzauber und poetische Durchdringung anbelangt, konkurrenzlos.

Und wenn der Autor unlängst aus Anlass eines Konzerts des Freiburger Barockorchesters schrieb, dass es bei Beethoven nicht ohne Dirigenten ginge, dann gilt das für die Academy of St. Martin in the Fields offenbar nicht – zumindest nicht, was die Coriolan-Ouverture anbelangt. Denn gleich die ersten Akkorde gaben die Richtung vor für einen straffen, aber dennoch rhythmisch ungemein beweglichen Beethoven. Perfekt ausgehört die Balance zwischen Streichern und Bläsern, nachgerade frappierend die Dynamik: derartig trocken auffahrende Sforzatoschläge sind auch von größer besetzten Orchestern selten zu hören.

Dabei bleibt das Spiel der Academy immer maßvoll: Ausdruck suchen die Londoner nicht im Effekt, sondern in der Differenzierung und – ja, in der puren Schönheit des Klangs. Auch da trifft sich das Orchester mit Perahia, und so geriet Beethovens drittes Klavierkonzert zu einem Musterbeispiel an Ensemblemusizieren, das seinen Fokus auf Eleganz und Phrasierungskunst legt. Dazu ließ Perahia seinen Steinway im Zentrum des Orchesters platzieren – ohne sichtbehindernden Deckel, sodass er jeden Musiker im Blick hatte. Ideal, was die Kommunikation anbelangt, aber insofern problematisch, als der Flügel klanglich recht diffus klang. Was dann aber insofern wieder passte, als sich Perahia weniger als Solist gegenüber dem Orchester definierte, sondern mehr als Partner: wann hat man all die motivischen Korrespondenzen dieses Konzerts, die Dialoge zwischen Streichern, Bläsern und Soloklavier schon einmal derart luzide ausgespielt gehört? Zwar nahm Perahia das Motto des ersten Satzes betont marcato, doch dominierte im weiteren Verlauf weniger das Heroische, als vielmehr ein fast mozartischer Konversationston. Wunderbar in seiner innigen Versenkung der Solobeginn des Largos, und das finale Rondo geriet noch einmal zu einer Demonstration hellwachens, von Esprit und Lauterkeit dominierten Musizierens. Ovationen für Perahia, der sich erst durch den insistierenden Applaus zu einer Zugabe überreden ließ: Schuberts Moment musical No. 3 f-Moll.

Danach wäre eine Beethovensinfonie ein stimmiger Ausklang gewesen, doch stattdessen hörte man nach der Pause Haydn, die Sinfonie Nr. 103 Es-Dur „Mit dem Paukenwirbel“. Perahia dirigierte die Academy, wie er selbst zu spielen pflegt: nuancenreich, auf Durchhörbarkeit angelegt, das fabelhafte technische Potential des Orchesters zu verblüffenden, fast kammermusikalischen Überraschungen nutzend. Schön. Als Pianisten hört man ihn gleichwohl lieber. (StZ)

 

 

 

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