21
Dez

Piotr Anderszewski spielte in Stuttgart

Sternstunde

52WorkmanCropped1Es gibt diese schöne Geschichte um Piotr Anderszewski. Der 21-jährige Student des Warschauer Konservatoriums disqualifizierte sich beim Klavierwettbewerb von Leeds 1990 quasi selbst, indem er während des Vorspiels im Halbfinales einfach aufstand und den Saal verließ. Beethovens Diabelli-Variationen und Weberns Variationen op. 27 empfand er einfach als zu schlecht gespielt, um damit weiterzukommen. Sein Ziel sei nicht gewesen zu gewinnen, sondern möglichst gut zu spielen.

Schon damals ging er seinen ganz eigenen Weg, und es mag auch an dieser Kompromisslosigkeit liegen, dass Piotr Anderszewski heute immer noch so etwas wie ein Geheimtipp ist. Denn auch der Mühle des Musikbetriebs steht er skeptisch gegenüber: übervolle Terminkalender sind ihm ein Graus, Konzerte spielt er nur, wenn er der Überzeugung ist, etwas Interessantes sagen zu können mit seiner Musik. Sonst verzichtet er, wie im letzten Jahr, lieber mal für einige Monate ganz auf Auftritte.

Man kann also von Glück reden, dass Anderszewski nun innerhalb der Stuttgarter Meisterpianistenreihe gespielt hat. Und im Nachhinein nur alle jene bedauern, denen dieses Ereignis entgangen ist, denn dieses Recital im Beethovensaal war eine Sternstunde – durchaus jener Kategorie, zu der etwa die Konzerte von Grigory Sokolow zu zählen pflegen. Man ist danach ein Anderer. Beseelt, verwandelt, verzaubert.

Man redet ja gerne vom „Kosmos“ Bach, doch Anderszewski erfüllte diese Metapher mit Sinn. Die Sätze der Englischen Suite Nr. 3 g-Moll spitzte er auf eine radikale, aber plausible Weise zu, indem er sie quasi neu in der Musikhistorie verortete: fein ziseliert die Gavotte, wie ein ravel´sches Maskenspiel, schroff und vergeistigt, fast beethovengleich die Sarabande, und hinter dem kraftvoll-polyfonen Strudel der Gigue hörte man schon die Unruhe eines romantischen Herzens pochen. Schumann vielleicht? Ganz anders die Französische Suite Nr. 5 G-Dur, in der jeder Satz eingebettet war in eine gemeinsame Grundhaltung – doch auch hier legte Anderszewskis ungeheure Anschlagskultur Klänge frei, die man aus einem Steinway noch kaum je gehört hat.

Den zweiten Teil von Janaceks Klavierstücken „Auf verwachsenem Pfade“ spielte Anderszewski wie Klang gewordene Skulpturen: Material, aus Gesten geformt – und wieder diese unerhörten Klänge, diese subtilen Valeurs. Schließlich Schumann, die große C-Dur Fantasie, die der Komponist im Bangen um die Liebe zu Clara schrieb. Das Changieren zwischen äußerster Glückseligkeit und tiefer Verzweiflung brachte Anderszewski hier mit einer Lauterkeit zum Ausdruck, die den Klang des Flügels als Emanation jener reinen Poesie erscheinen ließ, die den Romantikern der Urgrund allen Seins war. In den Zugaben kehrte Anderszewski noch einmal zurück zu Bach: Mit dem ersten Satz des Italienischen Konzerts und der Sarabande aus der 1. Partita in B. (StZ)

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