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Mrz

Der Klavierabend von Ingolf Wunder in Stuttgart

Musterschülerhaft

Ingolf Wunder

Ingolf Wunder

Eigentlich geht das ja gar nicht. Dass einer erst mit vierzehn Jahren beginnt, Klavier zu spielen und dann Konzertpianist wird, widerspricht aller Erfahrung: wer nicht in früher Kindheit anfängt, so lautet die Regel, hat keine Chance auf eine Karriere. Ingolf Wunder ist die Ausnahme von dieser Regel. Bekannt wurde der Kärntner dadurch, dass er, wie einst Ivo Pogorelich, den berühmten Chopin-Wettbewerb nicht gewonnen hat – als Publikumsliebling wurde er 2010 in Warschau „nur“ Zweiter, was hernach heftige Diskussionen auslöste. Seine Fans jedenfalls scharten sich um ihn, das Internet, wo man die Wettbewerbsauftritte verfolgen konnte, tat ein Übriges. Schließlich nahm die Deutsche Grammophon den Jungstar unter Vertrag. Auf seiner ersten CD für das Gelblabel spielt er Werke von Chopin, und auch die erste Hälfte seines Recitals innerhalb der Meisterpianistenreihe im Stuttgarter Beethovensaal bestritt Ingolf Wunder mit Chopin: Die vier Balladen zählen zum Standardrepertoire, von Rubinstein bis Perahia haben sie viele große Pianisten eingespielt.
Was hat Ingolf Wunder dazu beizutragen? Rein pianistisch scheint es für den 27-jährigen kaum Grenzen zu geben. Seine Motorik ist staunenswert: völlig schwerelos bewegen sich seine Finger auf der Tastatur, speziell die Oktaventechnik ist stupend. Und auch sonst gibt es vordergründig wenig auszusetzen an seinem Spiel: Espressivopassagen gestaltet Wunder mit leuchtendem, ausschwingenden Ton, er besitzt Gespür für Phrasierung wie für die angemessene Dosis Agogik. Wenn es leidenschaftlich und furios zugeht, lässt er es an Vehemenz des Zugriffs und pianistischer Brillanz nicht fehlen. Ja, Ingolf Wunder ist zweifellos ein Hochbegabter, der eigentlich alles richtig macht. Gleichwohl wirkt sein Spiel auf eine merkwürdige Art musterschülerhaft: so, als zitiere er (fremde) Haltungen, gebricht es ihm an Individualität. Einzelne Passagen gelingen ihm bezwingend, doch anstatt sie, wie große Chopinspieler, in eine Dramaturgie einzubetten, die den Anfang vom Ende her denkt, bleiben sie meist isoliert. Wunder trifft den festlich gestimmten Erzählton zu Beginn der zweiten Ballade, doch das Wiederauftauchen des Themas nach dem Prestoeinbruch wirkt unvermittelt – als wäre in der Zwischenzeit nichts passiert. Wunders Chopin klingt so auf eine irritierende Weise unverbindlich: Als hätte man den kleinsten gemeinsamen Nenner aus einem Jahrhundert Chopininterpretation gezogen und dabei alle Ecken und Kanten abgeschliffen.
Vielleicht ahnt Wunder ja, dass er (noch) kein Meister der großen Form ist, denn nach der Pause gestaltet er sein Programm in Potpourri-Manier. Die chopinsche Berceuse op. 57 klingt befremdlich nach Fingerübung, Raoul Koczalskis Fantasie-Walzer h-Moll immerhin nach gut gemachter Salonmusik. Bei Claude Debussys „Clair de lune“  wirkt Ingolf Wunder plötzlich überzeugender: kontemplativ, sich selber nachhorchend, mit subtil ausgehörten Farbwechseln gestaltet er diese atmosphärische Musik mit jener verbindlichen Ausdruckskraft, die man bis dahin vermisst hat. Mit Alexander Skrjabins Etude dis-Moll op.8 Nr.12 biegt Wunder dann in die Zielgerade des Abends ein. Virtuosenfutter, das er flinkfingrig hinlegt, wie auch Moszkowskis Morceau caractéristique „Étincelles“, wo er die Tonleitern glissandogleich über die Tasten perlen lässt. Mit der Danse excentrique aus Vladimir Horowitz´ eigener Feder sucht Wunder den direkten Vergleich mit dem Großmeister virtuoser Eleganz – den er haushoch verliert. Denn die Noblesse und Distinktion, mit der Horowitz auch Leichtgewichtiges veredeln konnte, steht ihm nicht zu Gebote. Riskant auch, Franz Liszts Csárdás macabre als Schlussstück zu wählen – sofern es, wie hier, nicht gelingt, das Dämonische, Finstere hinter dem brillanten Satz herauszuarbeiten. Belanglos auch die Zugaben: Scarlattis Sonate L. 33 und Chopins Fantaisie-Impromptu. (StZ)

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