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Apr

Joshua Bell und die Academy of St. Martin in the Fields in Stuttgart

Britische Leichtigkeit

Bild: Lisa Marie Mazzucco

Bild: Lisa Marie Mazzucco

Der Klang war schon immer ein Alleinstehungsmerkmal der Academy of St. Martin in the Fields. Es dürfte kein anderes Kammerorchester geben, das mit einem derart feinen, geschmeidigen, bis ins Pianissimo tragfähigen Ton aufwarten kann wie die Briten, die nun unter der Leitung von Joshua Bell in der Meisterkonzertreihe im Stuttgarter Beethovensaal gespielt haben.
Ein eher dezenter, nobler Klang, der zur zurückhaltenden Musizierweise der Academy passt: ein Auf-der-Stuhlkante-spielen mit vollem Körpereinsatz, wie es etwa das Freiburger Barockorchester pflegt, kann man sich bei den Engländern wirklich nicht vorstellen. Das muss auch nicht sein. Gerade Bach oder Mozart profitieren von der britischen Leichtigkeit und Transparenz, viele Konzerte und Aufnahmen beweisen das.
Werken wie den Beethoven-Sinfonien freilich könnte ein Quäntchen mehr Emphase und Furor durchaus gut tun. Nun ist Beethovens erster Sinfonie zwar das Vorbild Joseph Haydns noch deutlich anzumerken – aber etwa im Finale, das die Academy virtuos und locker aus dem Ärmel schüttelt, vermisst man etwas das Himmelsstürmerische, den revolutionären Gestus, der Beethovens Musik als Vorboten einer neuen Zeit ausweist.
Wenn es aber, wie in  Felix Mendelssohns dritter, der sogenannten „Schottischen“ Sinfonie a-Moll um die Darstellung von Stimmungen und um klangliche Durchgestaltung geht, dann hat das Spiel der Academy etwas Bezwingendes. Im Zusammenspiel mit den handverlesenen Bläsern bringen die Streicher hier Klangmischungen von seltener Erlesenheit zustande: berückend gleich zu Beginn das dunkel abgetönte Introduktionsthema, das das atmosphärische Motto für die ganze Sinfonie liefert. Auch die an Wagners „Fliegenden Holländer“ erinnernden Streicherwogen in der Coda des ersten Satzes gelingen ungemein plastisch, fast schwerelos. Ja, die Musik erscheint in jeder Geste präzise ausformuliert und ist dabei doch immer im Fluss – und dass das ohne „richtigen“ Dirigenten gelingt, ist fast ein Mirakel: Joshua Bell leitet die Academy vom ersten Pult aus, mit dem Geigenbogen fuchtelnd unter Einsatz des Oberkörpers. Offenbar reicht das aus.
Doch Joshua Bell hat nicht nur, wie dem Programmheft dankenswerterweise zu entnehmen ist, mit zehn Jahren den 4. Platz in einem Tennisturnier belegt, er ist vor allem ein Geiger von Weltrang. Bruchs erstes Violinkonzert g-Moll ist für Virtuosen seines Schlages immer ein dankbares Werk, doch Bell bringt für den Dauerbrenner neben technischer Bravour auch eine Extrasdosis Poesie mit. Die Kantilenen des Adagios klingen auf seiner Huberman-Stradivari wie ein Engelsgesang, fast nicht mehr von dieser Welt – eine Phrase reicht hier um zu verstehen, warum Pianisten manchmal neidisch sein können auf Geiger. Und nicht nur die.  (StZ)

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