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Jul

Die Preisträger von „Hugo Wolf und der Song“ in der Ludwigsburger Musikhalle

Der Pop im Wolfspelz

 

Dem Kunstlied geht es schlecht. Liedkonzerte finden immer weniger Publikum, und das, obwohl es gerade in Deutschland hervorragende Sänger und Liedbegleiter gibt. Dass Jüngere sich heute eher schwer tun mit den Schöpfungen eines Hugo Wolf oder Franz Schubert könnte auch daran liegen, dass sie sich mit ihrer Lebensrealität in den Texten von Goethe oder Eichendorff nicht unbedingt wiederfinden – zumindest nicht auf den ersten Blick.
Einen – möglicherweise entscheidenden – zweiten Blick darauf zu wagen und daraus Inspirationen für das eigene Songschreiben zu entwickeln – dieser Gedanke stand Pate bei dem Gemeinschaftsprojekt „Hugo Wolf und der Song“ zwischen den Ludwigsburger Schlossfestspielen, der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie und der Popakademie Mannheim. Studenten der Popakademie waren dabei aufgerufen, sich mit dem Schaffen Hugo Wolfs auseinanderzusetzen und im Rahmen eines Song-Writing-Wettbewerbs eigene Songs zu kreieren, die drei Preisträger durften dann in der Ludwigsburger Musikhalle ihre Songs im Rahmen des Festspielprogramms vorstellen.
In der Theorie klingt das schlüssig: junge Musiker an die hehre Liedkunst heranzuführen und dabei Stilgrenzen zu überschreiten – tolle Sache eigentlich. So dachte wohl auch das Auswahlgremium des Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg, aus dem das Projekt gefördert wurde.

Nach dem Auftritt der drei preisgekrönten Sänger muss man allerdings sagen: Theorie ist das eine, Praxis das andere. Nüchtern betrachtet hörte man an dem Abend in der überlaut ausgesteuerten Musikhalle drei mehr oder weniger originelle junge Popbands mit Musik, wie sie solche Bands eben heute machen: ziemlich rockig, in der Standardbesetzung mit E-Gitarre, Bass, Drums und Keyboard und selbst verfassten Texten, denen freilich eine gewisse poetische Ambitioniertheit durchaus anzumerken war. „Die Erwartungen an mein Leben“, so dichtete der erste Preisträger Rainer Ammann, „…ich schmelze sie ein in unsre Vergangenheiten/häng sie mir um wie ein kostbares Amulett/Alles silberne Sekunden aus alten Zeiten/ich trag sie stets auf meinem Weg“. Hier hat die klassisch-romantische Lyrik, wie sie Hugo Wolf vertonte, Spuren hinterlassen. Aber ob das zum Popsong wirklich passt? Denn manchmal bleiben die Metaphern auch flach, und das klingt dann leicht wie Helene Fischer: „Du und dein Himmelblick/ich kann sie förmlich sehn/deine Gedanken wie sie tanzen/und Pirouetten, Pirouetten drehen“.
Aber sie haben sich merklich angestrengt, die jungen Barden. Auch der zweite Preisträger David Kirchner, der vom Mondlicht singt, das „sich in die Straßen legt“ und „die Sonnenwärme wegfegt“, und von „der Zeit, die sich die Adern legt“. Hübsch romantisch. Aber ist das wirklich seine Sprache? Oder versuchte er bloß, möglichst gut den Wettbewerbskriterien zu entsprechen? Weitaus überzeugender ist Rainer Ammanns anderes Bandprojekt „Die Herren Schneider“. Nicht nur, weil sie (wie auch Hugo Wolf), Texte von gestandenen Dichtern vertonen, sondern weil sie in Verbindung mit einer coolen Bühnenperformance auch musikalisch eigene Wege gehen. Sie erhielten (nur) den dritten Preis.

Was das nun alles mit Hugo Wolf zu tun hatte? Eigentlich nichts. Der Abend zeigte, dass Pop Pop und Kunstlied Kunstlied ist und daran auch ein gut gemeinter Wettbewerb nichts ändert. Und wenn das Kunstlied wirklich aussterben sollte, wäre es zwar jammerschade – doch Rettung aus der Popakademie ist nicht zu erwarten. Über die Ankündigung deren Leiters Udo Dahmen, den Wettbewerb nun jährlich auszutragen, sollte man nochmal gut nachdenken.(StZ)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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