20
Sep

Frank Peter Zimmermann spielte mit dem RSO Stuttgart

Am Puls der Musik

Es gibt Geigensolisten, die sich gern demonstrativ an die Rampe stellen und vom rückwärtigen Orchester einfach begleiten lassen, dabei allenfalls zum Dirigenten Kontakt haltend, ganz nach dem Motto: Ich bin der Star! Frank Peter Zimmermann dagegen zeigt schon mit seiner Körpersprache, dass er Brahms´ Violinkonzert nicht als Vehikel zur Selbstdarstellung sieht, sondern Solo- und Orchesterpart als Einheit begreift: immer wieder wendet er sich dem Orchester zu, ja, ab und zu gibt er ihm gar Einsätze, wenn es darum geht, dass eine Violinlinie möglichst direkt von einem anderen Instrument übernommen wird. Quasi Kammermusik, auf höchstem Niveau.
Zimmermanns Spiel ist auf eine einzigartige Weise verbindlich, ohne je unpersönlich zu sein. Alles erscheint stimmig und angemessen, jede Phrase entwickelt sich ganz natürlich aus dem Verlauf der Musik heraus und ist gleichwohl individuell geformt. Den Ton des von Stéphane Denève sehr spannungsvoll gestalteten Orchesterintros nimmt Zimmermann auf und führt ihn weiter, im Dialog mit dem Orchester und am Puls der Musik, deren motivische Verflechtungen man selten derart schlüssig ausgeformt hören kann wie hier. Völlig kohärent, wie eine Erzählung, fließt so der mächtige erste Satz dahin. Das folgende Adagio ist pures Glück. Es hebt an mit dem berückend gespielten Oboensolo, das den anderen Holzbläser die Richtung vorgibt, und findet seine Erfüllung in den fast überirdischen Tönen, die Zimmermann den hohen Lagen seiner Stradivari entlockt. Auch im finalen Allegro führen Solist und Orchester ihr beseeltes, nur von einer kurzen Inkongruenz getrübtes Zusammenspiel fort. Dass nach dem Schlussakkord Jubel im gut besetzten Beethovensaal ausbricht, ist nur folgerichtig. Zimmermann gibt das Prélude aus der 3. Violinpartita zu, etwas atemlos gespielt.
Es war ingesamt ein starker Auftritt des RSO bei seinem ersten Abokonzert der neuen Saison. Begonnen hatte der Abend mit Henri Dutilleux „Métaboles“, einem Stück, das man als Plädoyer für die Musik des 20. Jahrhunderts werten kann – die hätte es leichter, gäbe es mehr solcher klangsinnlich-prägnanter Werke. Grandios die Vielfalt an Haltungen und Gesten, die diese Stücke innerhalb ihrer knappen Faktur entfalten, und großartig auch die Brillanz, mit der die Radiosinfoniker diese unterschiedlichen Klangzustände auf den Punkt gebracht haben.
Vorbilder für Dutilleux´ Orchestrierungskunst waren französische Komponisten wie Ravel und Debussy – an denen Stéphane Denèves Herz besonders hängt. Das RSO scheint diese Liebe zu erwidern: Denn sowohl Ravels zauberhafte Miniaturen „Ma mère l´oye“ als auch das debussysche „La mer“ hörte man hier farblich und artikulatorisch ausdifferenziert – Klangmagie durch Präzision. (StZ)

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