25
Okt

Werke von Mahler und Dutilleux im zweiten Abokonzert des RSO

Matter Mahler

Man kann das Engagement des RSO für das Werk von Henri Dutilleux gar nicht genug schätzen. Schon im letzten Konzert konnte man eine beglückende Aufführung seiner Orchesterstücke „Métaboles“ hören, nun stand das Cellokonzert „Tout un monde lointain“ auf dem Programm.
Dessen fünf Sätzen hat Dutilleux Zitate aus Gedichten von Charles Baudelaire vorangestellt, die man freilich nicht programmatisch deuten, sondern eher als literarische Assoziationen begreifen sollte. Dass sich Dutilleux von Baudelaires Dichtung angesprochen fühlte, ist aber sicher kein Zufall: denn wie die metaphernsatte Sprache des Dichters besitzt auch die Musik von Dutilleux oft etwas mystisch Verrätseltes, gleicht einer auskomponierten Suche nach Tiefe und Form.
Das gilt auch für die Sätze von „Tout un monde lointain“. Im Charakter sehr unterschiedlich – mal zupackend, mal versonnen – entwickelt sich die Musik unvorhersehbar und doch organisch, ihrer inneren Logik folgend. Weit weg von allen kompositorischen Dogmen und Schulen weist Dutilleux´ ausgeprägter Sinn für Farben auf die spezifische französische Tradition – Claude Debussy war eines seiner erklärten Vorbilder. Die Rolle, die der Komponist hier dem Solocello anvertraut hat, ist ambivalent – changierend zwischen solistischem Hervortreten und Aufgehen im Gewebe der Orchesterstimmen. Gautier Capucon kam mit dieser Herausforderung bestens zurecht. Er übernahm die Rolle des Solisten, wo sie angebracht war, löste dabei auch die kniffligen Aufgaben in höchsten Cellolagen souverän und mit schlankem, edel timbrierten Ton und konnte sich auf die zuverlässige Unterstützung durch das RSO jederzeit verlassen.
Wenn Stéphane Dènève ein Händchen für diese Musik besitzt, so muss man seine Kompetenz als Mahler-Dirigent nach der Aufführung der sechsten Sinfonie in Zweifel ziehen. Nun sind schon viele, auch namhafte Dirigenten an Mahlers Werk gescheitert: der spezifische Mahler-Ton ist durch Beherrschung der Partitur allein nicht zu gewinnen. Derart verfehlt wie an diesem Abend aber hat man Mahler noch selten gehört. Schon der Marschrhythmus zu Beginn des Kopfsatzes klang da brav, ja fast festlich – jedenfall bar jeder Bedrohlichkeit, und auch im weiteren Verlauf wurde nichts spürbar von der existenziellen Dringlichkeit, die jedem Motiv, jeder Phrase eingeschrieben ist. Es gab da Passagen von bestürzender Belanglosigkeit, und wie immer, wenn ein Dirigent hier den Ton nicht trifft, kippt der Gesamtklang leicht ins hohl Lärmende – wie fast im kompletten Finalsatz – und das trotz einer technisch überzeugenden Orchesterleistung. Wenigstens die Hammerschläge klangen so, wie Mahler sich sich vorgestellt hat: trocken, wie ein Axthieb. „Meine Sechste wird Rätsel aufgeben“, schrieb Mahler. An diesem Abend wurden sie nicht gelöst. (StZ)

2 Kommentare vorhanden

  • Henriette Wagner
    31. Oktober 2013 10:26

    Sehr geehrter Herr Armbruster!
    Vergangenen Donnerstag bin ich völlig verunsichert- im Kreis begeisterter Mitzuhörer- nach Haus geschlichen, mit dem Argwohn, dass ich den geschätzten Komponisten Gustav Mahler im Grunde eben doch nicht verstünde! Mir war nämlich- ähem- langweilig geworden! Ich sah sogar einige ältere Menschen schlafen…
    Zu meinem Glück haben Sie´s auf den Punkt gebracht, was da an der 6. Sinfonie „verübt“ wurde und ich bin sehr erleichtert, danke! Noch nie habe ich mit derartiger Genugtuung eine Konzertkritik gelesen! Aber unzufrieden bin ich auch, es ist mir unerklärlich, dass ein Dirigent von Deneuves Format Mahlers 6. nicht können kann! Was meinen Sie über die Gründe? Zu glatt, zu wenig leidensfähig, zu geleckt? Und ehrlich: „dumpf hallend“ fand ich die Hammerschläge auch nicht, oder waren sies in der 2. Aufführung am Ende doch? Sie können auf alle Fälle sicher sein, dass ich Ihre Kritiken künftig mit großem Interesse verfolgen werde! mit freundlichen Grüßen, HWagner

  • Frank Armbruster
    4. November 2013 09:51

    Sehr geehrte Frau Wagner

    danke für Ihr Schreiben! Schwer zu sagen, warum Deneuve das nicht kann – es geht nicht nur darum, die Musik zu verstehen, sondern die eigene Vorstellung auch dem Orchester zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass es auch wirklich mit Herzblut bei der Sache ist. Gerade Letzteres habe ich auch sehr vermisst, für mich spielte das RSO sehr routiniert, aber nicht mit Emphase.
    Es ist aber auch schwierig mit Mahler. Norrington konnte es auch nicht, mir fällt eigentlich gar kein RSO-Dirigent ein, der überzeugend Mahler dirigiert hätte. Gabriel Feltz mit den Philharmonikern war da viel näher dran, zum Beispiel, oder auch Honeck und dem Staatsorchester: der hat mal eine tolle Sechste gemacht!

    Beste Grüße

    Frank Armbruster

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