Beiträge im Archiv November 2013

28
Nov

Über Adventskalender

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Und hinter den Türchen der Adventskalender warten allerlei vorweihnachtliche Freuden.

WerkzeugkalenderNur noch einmal schlafen, dann ist es wieder soweit. Dann beginnt für Millionen von Kindern der Tag damit, zum Adventskalender zu stürmen und sich das hinter den nummerierten Türchen versteckte Schokoladenstück in den Mund zu stecken. Aus meiner eigenen Kindheit weiß ich noch, dass diese Schokolade besser schmeckt als jede andere, auch wenn es ganz billige ist. Ja, damals hat für mich mit dem Öffnen des ersten Kalendertürchens die Weihnachtszeit eigentlich erst so richtig begonnen. Ich hatte auch immer einen Kalender mit Schokolade, was durchaus nicht selbstverständlich war, denn es gab auch welche nur mit bunten Bildchen. Wahrscheinlich wurden die extra für Anhänger genusskritischer Religionen hergestellt.
Was es damals noch nicht gab, waren Adventskalender für Erwachsene. Heute aber sind vor allem für Männer allerlei Produkte auf dem Markt, die auch dem schokoladeresistenten Herrn das Warten aufs Fest versüßen können. Wie etwa der Schnaps-Adventskalender „Wunderbar“ mit 24 x 0,02 Liter Edelbränden und Likören (36,95€), oder der Bier Adventskalender „Welt“ mit 24 Flaschen Bier inkl. 24x Pfand (79,95€). Während die Kinder ihre Schokoplätzchen lutschen, kann sich Papi schon mal sein erstes Pils genehmigen. Für Alkoholabstinente bietet sich der „Snack-Adventskalender“ mit Chips, Fischlis und Brezlis an (17,99€). Aber auch wer es nicht so mit leiblichen Genüssen hat, kann adventskalendermäßig auf seine Kosten kommen: mit dem „Wera Werkzeug-Adventskalender 2013“ mit Doppelmaul-Schlüssel „Joker“, Schraubendrehern, Bit-Halter Rapidaptor, Bit-Check, Mini-Check, Schraubkralle und Schraubendreher mit Lasertip-Spitze ist man für eventuelle vorweihnachtliche Reparaturfälle gerüstet. Ein Flaschenöffner ist für alle Fälle auch dabei.(StZ)

27
Nov

Ivo Pogorelich spielte mit den Stuttgarter Philharmonikern

Kampf mit Chopin

IvoPogorelich5Eine Zugabe gibt er nicht, da mag das Publikum im ausverkauften Beethovensaal noch so lautstark applaudieren. Allenfalls zu einer weiteren, allerletzten Verbeugung kann sich Ivo Pogorelich durchringen, und auch dieser Auftritt scheint schon an die Grenze seiner Kräfte zu gehen: betont langsam trottet er an den Bühnenrand und blickt noch einige Male scheu in den Saal. Die Botschaft ist deutlich: Er mag nicht mehr.
Und das kann man gut nachvollziehen. Denn abgesehen davon, dass man gute Gründe haben kann, die üblichen Zugabenrituale kritisch zu sehen, scheint das Konzertieren für Ivo Pogorelich in zunehmendem Maße eine existenzielle, ihn bis an die Grenzen fordernde Anstrengung zu sein. Die Anspannung, unter der der 55-jährige mit dem Mönchshaarschnitt beim Spielen steht, ist förmlich mit Händen zu greifen: immer wieder presst er die  Lippen aufeinander,  greift nervös an die Verstellknöpfe seines Stuhls. Da kämpft einer mit sich und der Musik.
Nun galt Pogorelich schon immer als Exzentriker, der im Zweifel Ausdruck über Treue zum Notentext stellte. Schon bei seinem Auftritt vor zwei Jahren mit den Stuttgarter Philharmonikern, als er das erste Klavierkonzert spielte, hatte der damalige Chefdirigent Gabriel Feltz alle Hände voll zu tun, dass das Orchester angesichts der agogischen Eigenwilligkeiten des Solisten nicht aus der Spur getragen wurde. Das war nun beim zweiten Klavierkonzert f-Moll nicht anders, das der Franzose Olivier Tardy anstelle des erkrankten Vladimir Fedoseyev leitete: er musste mächtig auf der Hut sein, wenn Pogorelich mal wieder ein Ritardando bis an die Grenze zum Stillstand dehnte. Meistens ging das gut.
Nun zählt Chopin schon immer zu Pogorelichs Lieblingskomponisten. Viele seiner Aufnahmen sind legendär – nicht zuletzt, weil Pogorelich in Chopins Werken mitunter eine verstörende Tiefenschicht weitab von salonesker Eleganz freilegte. Auch das zweite Klavierkonzert spielte Pogorelich nun mit einer fast manisch-depressiven Grundhaltung: mit hart einschlagenden Akkorden und einem meist rauen, manchmal gläsernen, aber kaum singenden Klang, dem jede Espressivosüße ausgetrieben war. In seiner Konsequenz hatte das durchaus etwas Überzeugendes, wobei man sich fragen kann, ob gerade dieses Klavierkonzert einen solchen Interpretationsansatz wirklich durchgehend trägt: der dritte Satz wirkte in seiner Emphase doch sehr gebremst.
Nach der Pause dann Schuberts große C-Dur-Sinfonie. Olivier Tardy tat sein Möglichstes, um die Längen dieser Sinfonie, ihre wechselnden Haltungen herauszuarbeiten und zu strukturieren. Doch mehr als ein Versuch war es nicht – vor allem der diffuse, kaum differenzierte Gesamtklang mit  denn dominanten und matt klingenden Streichern stand einer überzeugenden Interpretation im Wege. Der neue Chefdirigent hat da noch einiges zu tun. (StZ)

21
Nov

Alice Sara Otts Klavierabend in Stuttgart

Mehr als ein hübsches Gesicht

Alice-Sara-OttDass es gutaussehende Frauen auch in der E-Musik-Szene leichter haben, steht außer Frage: Mit einem hübschen Gesicht auf dem Cover lässt sich eine CD eben besser verkaufen.
Auch die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott sieht bezaubernd aus, was ihre Plattenfirma, die Deutsche Grammophon, denn auch nach Kräften nutzt. Gleichwohl führt aber der naheliegende Verdacht, ihr Erfolg könnte mehr auf äußerer Attraktivität denn auf künstlerischer Qualität beruhen, in die Irre: als Beleg kann der Klavierabend gelten, den Alice Sara Ott nun innerhalb der Meisterpianistenreihe im Beethovensaal gegeben hat.
Sie spielte das Programm ihrer letzten CD, Schuberts Sonate D-Dur D 850 und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, davor hatte sie noch Mozarts Variationen über ein Thema von Duport KV 573 gestellt. In den eher unspektakulären Mozartstücken zeigte die Pianistin schon viel von dem, was ihre Kunst auszeichnet: ein transparentes Spiel von betonter Leichtigkeit und Grazie, einen silbrigen, oberstimmenbetonten Klang, eine ausgeprägte Leggierokultur. Berückend. Doch war das erst der Anfang.
Denn mit der späten D-Dur-Sonate Schuberts öffnete Alice Sara Ott noch weitaus tiefer gehende  Perspektiven. Dass diese Sonate eher selten zu hören ist, könnte mit der irritierenden Vielzahl von  musikalischen Haltungen zusammenhängen, die Schubert hier wie als Psychogramm einer  romantischen Seele anklingen lässt. Emphatische Aufbruchsstimmung, reines Walzerglück, melancholisches Schweifen in Akkordflächen – ständig und unvermittelt wechselt da der Tonfall. Musik, die sowohl  Einfühlung und emotionale Hingabe erfordert wie auch ein klares Bewusstsein darüber, wie sich ihr Facettenreichtum in Klang setzen lässt. Alice Sara Ott vereint all das auf kongeniale Weise, spielte mit heißem Herzen und imponierender Technik. Doch auch das war noch längst nicht alles.
Denn nachgerade überwältigend war, mit welcher Bravour und überlegener Gestaltungskraft Alice Sara Ott nach der Pause die berühmten „Bilder einer Ausstellung“ zu einer Demonstration großer Klavierkunst machte. Dass man ein bekanntes Stück quasi „wie zum ersten Mal“ höre, ist eine gern verwendete Phrase – doch hier hatte sie ihre Berechtigung. Natürlich weiß man, wie abrupt „Der Gnom“ in die gemessene Promenade einfährt, wie der Ochsenkarren in „Bydlo“ durch den Acker rumpelt, man kennt die unheimlich dräuende Atmosphäre in den „Katakomben“ und das Pathos im „Großen Tor von Kiew“ – aber hat man das alles jemals derart farbenreich beleuchtet, bis ins Detail plastisch ausgeformt und pianistisch derart brillant umgesetzt gehört wie bei Alice Sara Ott? Zarte 25 Jahre alt ist Alice Sara Ott. Aber man kann sie getrost schon zu den Großen ihrer Zunft zählen.       (StZ)

7
Nov

Die Ungarische Nationalphilharmonie mit Nikolai Tokarev im Meisterkonzert

Sportliches Dauerdonnern

Wenn man mal eine Analogie aus dem Sport bemühen darf, dann ist die Meisterkonzertreihe der SKS Russ so etwas wie die Champions League für die Orchester: es sind die besten internationalen Klangkörper, die sich innerhalb des Zyklus im Beethovensaal präsentieren. Doch wie sich auch für die Champions League ab und an Teams qualifizieren, die dem Anspruch nicht gewachsen sind, so kann es auch in der Meisterkonzertreihe ab und an einen Ausrutscher nach unten geben. So nun geschehen beim Konzert der Ungarischen Nationalphilharmonie, das – wenn man europäische Maßstäbe anlegt –  allenfalls auf Regionallliganiveau spielte.
Eigentlich begann das Konzert mit einem Schmankerl: Smetanas Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut“, ein wunderbar schmissiges, elegantes Stück, das mächtig Spaß macht, sofern man es mit rhythmischem Elan und feinem Klang spielt. Doch hier schnurrte es völlig steif, ohne erkennbare Phrasierung und bar jedes melodischen Charmes ab, dazu mit beträchtlichen Asynchronitäten in den kniffligen Sechzehntelpassagen. Eine Darbietung, die – so hart es klingen mag – in ihrer routinierten Uninspiriertheit an (schlechte) Kurorchester erinnerte. Dazu passte auch der verhangene Streicherklang, der seine Entsprechung in knarzigen, matten Holzbläsern und inhomogenem Blech fand.
Auch Tschaikowskys erstes Klavierkonzert ist eigentlich eine sichere Bank – jeder kennt das  Schlachtross, das auf fast jedem Best-of-Classic-Sampler zu finden ist. Für Pianisten stellt es gleichwohl noch immer eine Herausforderung dar, ist ihm doch mit schnellen Fingern allein kaum beizukommen. Dass  der Reiz des Werks gerade in der subtilen Mischung aus auftrumpfender Virtuosität und lyrischen Abschweifungen liegt, haben etwa Pianisten wie Martha Argerich oder Van Cliburn eindrucksvoll bewiesen.
Der russische Pianist Nikolai Tokarev nun stellte gleich mit den einleitenden Akkordschichtungen klar, wie er das Konzert aufzufassen gedenkt: sportlich. Als wolle er das Orchester übertönen, wuchtete er sich mit vollem Gewicht in die Tasten, und auch im weiteren Verlauf bevorzugte Tokarev eine Art Perkussionsstil – ein Dauerdonnern, das Bravour reklamierte, aber Langeweile produzierte. Dergestalt malträtiert, beklagte sich der Flügel durch einen harten, unpolierten Klang – was dann allerdings auch wieder zum Orchester passte, in dem sich Flöte und Fagott einen Wettbewerb um das uninspirierteste Solo lieferten.
Nach der Pause zeigte sich auch in Tschaikowskys vierter Sinfonie, dass der Dirigent Zoltán Kocsis ein exquisiter Pianist sein mag, aber offenbar kein Orchestererzieher: Statischer, spannungsloser hat man lange Zeit kein Orchester mehr spielen hören. Sollte der Zustand dieses vom Staat hoch subventionierten Orchesters für das Kulturleben in Ungarn stehen, wäre es darum schlecht bestellt. (StZ)

4
Nov

Neulich im Fitnessclub

Ob es kein englisches Wort für „Klimmzug“ gibt, habe ich den Trainer gefragt. Versteht doch keine Sau………..

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