7
Nov

Die Ungarische Nationalphilharmonie mit Nikolai Tokarev im Meisterkonzert

Sportliches Dauerdonnern

Wenn man mal eine Analogie aus dem Sport bemühen darf, dann ist die Meisterkonzertreihe der SKS Russ so etwas wie die Champions League für die Orchester: es sind die besten internationalen Klangkörper, die sich innerhalb des Zyklus im Beethovensaal präsentieren. Doch wie sich auch für die Champions League ab und an Teams qualifizieren, die dem Anspruch nicht gewachsen sind, so kann es auch in der Meisterkonzertreihe ab und an einen Ausrutscher nach unten geben. So nun geschehen beim Konzert der Ungarischen Nationalphilharmonie, das – wenn man europäische Maßstäbe anlegt –  allenfalls auf Regionallliganiveau spielte.
Eigentlich begann das Konzert mit einem Schmankerl: Smetanas Ouvertüre zu „Die verkaufte Braut“, ein wunderbar schmissiges, elegantes Stück, das mächtig Spaß macht, sofern man es mit rhythmischem Elan und feinem Klang spielt. Doch hier schnurrte es völlig steif, ohne erkennbare Phrasierung und bar jedes melodischen Charmes ab, dazu mit beträchtlichen Asynchronitäten in den kniffligen Sechzehntelpassagen. Eine Darbietung, die – so hart es klingen mag – in ihrer routinierten Uninspiriertheit an (schlechte) Kurorchester erinnerte. Dazu passte auch der verhangene Streicherklang, der seine Entsprechung in knarzigen, matten Holzbläsern und inhomogenem Blech fand.
Auch Tschaikowskys erstes Klavierkonzert ist eigentlich eine sichere Bank – jeder kennt das  Schlachtross, das auf fast jedem Best-of-Classic-Sampler zu finden ist. Für Pianisten stellt es gleichwohl noch immer eine Herausforderung dar, ist ihm doch mit schnellen Fingern allein kaum beizukommen. Dass  der Reiz des Werks gerade in der subtilen Mischung aus auftrumpfender Virtuosität und lyrischen Abschweifungen liegt, haben etwa Pianisten wie Martha Argerich oder Van Cliburn eindrucksvoll bewiesen.
Der russische Pianist Nikolai Tokarev nun stellte gleich mit den einleitenden Akkordschichtungen klar, wie er das Konzert aufzufassen gedenkt: sportlich. Als wolle er das Orchester übertönen, wuchtete er sich mit vollem Gewicht in die Tasten, und auch im weiteren Verlauf bevorzugte Tokarev eine Art Perkussionsstil – ein Dauerdonnern, das Bravour reklamierte, aber Langeweile produzierte. Dergestalt malträtiert, beklagte sich der Flügel durch einen harten, unpolierten Klang – was dann allerdings auch wieder zum Orchester passte, in dem sich Flöte und Fagott einen Wettbewerb um das uninspirierteste Solo lieferten.
Nach der Pause zeigte sich auch in Tschaikowskys vierter Sinfonie, dass der Dirigent Zoltán Kocsis ein exquisiter Pianist sein mag, aber offenbar kein Orchestererzieher: Statischer, spannungsloser hat man lange Zeit kein Orchester mehr spielen hören. Sollte der Zustand dieses vom Staat hoch subventionierten Orchesters für das Kulturleben in Ungarn stehen, wäre es darum schlecht bestellt. (StZ)

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