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Jan

Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys im Theaterhaus

Begnadeter Entertainer

Ulrich-Tukur-Die-Rhythmus-Boys-3-Nein, von seiner Sorte gibt es sonst kaum noch welche in Deutschland. Mit dem Niedergang des Unterhaltungsfernsehens ist auch die Spezies der Entertainer so gut wie ausgestorben, jener moderierenden Multitalente, die auch singen und musizieren konnten. Beim Konzert von Ulrich Tukur und den Rhythmus Boys im ausverkauften T1 des Stuttgarter Theaterhauses waren zwar die meisten Besucher im fortgeschrittenen Alter, gleichwohl dürfte kaum einer davon jene goldene Zeit der Unterhaltungsmusik erlebt haben, aus deren Fundus Tukur und seine Begleitband an diesem Abend schöpften. Die Lieder von Komponisten wie Friedrich Hollaender oder Peter Kreuder sind in den 1920er bis -50er Jahren entstanden – also in einer Zeit, in der man noch nicht über political correctness diskutierte: man konnte damals noch Witze über Randgruppen machen, ohne dafür einen Shitstorm befürchten zu müssen. Insofern war dieses Konzert auch eine Art eskapistische Reise in eine Zeit, in der nicht nur die Unterhaltungsmusik besser, sondern auch das Leben insgesamt weniger kompliziert war. Zumindest denkt man sich das heute so.
Vor allem wurde man an diesem Abend ganz einfach glänzend unterhalten. Ulrich Tukur ist nicht nur ein hinreißend charmanter Conferencier und Witzeerzähler, dem man auch derbere Zoten nachsieht. Auch musikalisch übernimmt er meist die Führung, und auch wenn er als Sänger nicht ganz so überzeugend ist wie als Klavier- und Akkordeonspieler, so sind sein Charisma und seine Bühnenpräsenz wohl ohne Vergleich. Ganz klar, Tukur ist das Herz des von ihm bereits 1995 gegründeten Quartetts. Doch die Rolle der Rhythmus Boys, der „ältesten Boygroup der Welt“, ist nicht zu unterschätzen.
Denn die drei soignierten Herren im Smoking sind nicht nur solide Musiker, sondern auch begnadete Faxenmacher. Günter Märtens dürfte mit 2,05 Meter nicht nur einer der weltweit größten Kontrabassisten sein, sondern vermutlich auch der einzige, der die Kunst des Bauchtanzes beherrscht. Grade mal halb so groß ist Kalle Mews, der Schlagzeug spielt und ganz famos Tierstimmen imitieren kann.  Größenmäßig genau dazwischen liegt Ulrich Mayer, der Minimalgitarrist mit Schmalzhaar und Kassenbrille: mit weniger Tönen lässt sich schwerlich mehr Eindruck schinden. Am nachhaltigsten dürften freilich die Auftritte der Drei als dänische Kraftsportgruppe „Die drei Pölser“ in Erinnerung bleiben: sich posierend derart lächerlich zu machen – Chapeau!
Klar, dass Zugaben verlangt wurden: zunächst eine zwerchfellerschütternde Version von „Old Mac Donald“, dann, bei verdunkelter Bühne, „La Paloma“ mit herzzerreißend schluchzendem Akkordeon. Bye bye, Rhythmus Boys!    (StZ)

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