Beiträge im Archiv Februar 2014

27
Feb

Zum Tod von Paco de Lucia

Der Gott der Flamenco-Gitarre

Der spanische Jahrhundertmusiker war ein genialer Erneuerer des Genres.

Paco De LuciaPaco de Lucia, der Großmeister des Flamenco, ist tot. Wie die spanische Nachrichtenagentur efe berichtete, ist der Musiker mit 66 Jahren in Cancún (Mexiko) einem Herzinfarkt er­legen, als er mit seinen Kindern am Strand spielte. Eine Nachricht, die die Musikwelt trifft wie ein Keulenschlag. Denn Paco de Lucia war nicht nur ein weltberühmter Gitarrist – er war ein Idol, ein Jahrhundertmusiker, der von Vertretern vieler musikalischer Genres verehrt und speziell von ­Gitarristen aufgrund seiner einzigartigen Beherrschung des Instruments fast vergöttert wurde.
Noch im letzten Sommer hatte Paco de Lucia bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen ein umjubeltes Konzert gegeben. Von der Sologitarre über die klassische Besetzung Gitarre/Gesang bis zu bunt instrumentierten Ausflügen in die Weltmusik zeigte er an diesem denkwürdigen Abend noch einmal alle Facetten seiner Kunst, in deren Zentrum immer der Flamenco stand. Dessen Essenz in andere, populärere Genres transferiert zu haben, ohne ihn zu verwässern, darin dürfte Paco de Lucias größtes Verdienst bestanden haben. Denn eigentlich ist originaler Flamenco alles andere als leicht verständlich. Seine stolzen Gebärden – das Staccato der klopfenden Absätze, der kehlige Gesang, die Rhythmen der Gitarre – sind bloß die äußeren Merkmale einer im Grunde hermetischen Kunst, die sich über viele Jahrhunderte entwickelt hat und deren Regeln und Abläufe nur Eingeweihte wirklich begreifen.
Paco de Lucia lernte sie bereits als Kind. Am 21. Dezember 1947 wird er als Francisco Sánchez Gómez in der andalusischen Hafenstadt Algeciras in eine Musikerfamilie geboren. Vater Antonio verdient seinen Lebensunterhalt als Flamencogitarrist, Pacos Schwester ist Sängerin, auch sein Bruder Pepe spielt Gitarre. Mit neun Jahren verlässt Paco die Schule und übt Gitarre, bis zu zehn Stunden am Tag. Mit vierzehn gewinnt er den Flamencowettbewerb von Jerez und nimmt gemeinsam mit seinem Bruder Pepe seine erste Platte auf. Er geht mit Flamencotruppen auf Tournee und avanciert zu einem beliebten Begleiter in jener Zeit, in der der Flamenco noch ausschließlich der Tradition verpflichtet ist. 1969 beginnt seine Zusammenarbeit mit dem legendären Sänger Camarón de la Isla, mit dem er neun Platten aufnimmt und es auch zum ersten Mal wagt, die eingefahrenen Flamencogleise etwas zu verlassen.
Der kommerzielle Erfolg stellt sich dann 1973 mit dem Instrumentalstück ‚Entre dos Aguas‘ ein, einem Ohrwurm, der auch Paco de Lucias Qualitäten als Komponist unter Beweis stellt. In den achtziger Jahren beginnt dann der Weltruhm: gemeinsam mit seinen Jazzgitarrenkollegen John McLaughlin und Al DiMeola geht de Lucia auf Tournee und nimmt unter anderem das Album ‚Friday Night in San Francisco‘ auf, das sich millionenfach verkauft.
Doch auch danach bleibt Paco de Lucia, der in einem Interview sagte, er habe nie seine Wurzeln vergessen, sonst würde er sich selbst verlieren, sich und dem Flamenco treu. 1987 produziert er mit ‚Siroco‘ noch einmal eine puristische Flamenco-platte und spielt 1991 sogar das berühmteste klassische Gitarrenkonzert ein, Joaquin Rodrigos ‚Concierto de Aranjuez‘ – eine singuläre Aufnahme, die die Essenz dieser Musik eindringlicher zum Ausdruck bringt als alle Konkurrenzeinspielungen.Nach 2000 zieht sich Paco de Lucia etwas aus dem Konzertleben zurück. Seine Auftritte werden seltener, nur noch zwei neue Platten kommen auf den Markt. ‚Cositas Buenas‘ von 2004 ist ein Juwel, womit er noch einmal alle Register seines Könnens zieht. Seine letzte Aufnahme ist ‚En Vivo‘, live eingespielt bei einer Konzerttournee in Spanien. Es gibt sie auch als ­Luxusausgabe mit einer DVD, darauf ist ein zwanzigminütiger Film zu sehen mit dem Titel ‚La inmortalidad de un concierto‘. Unsterblich. Das wird für viele auch der Musiker Paco de Lucia bleiben.(STZ)

26
Feb

Das vierte Abokonzert des Stuttgarter Kammerorchesters

Auf zu neuen Ufern

Lange Zeit stand es nicht gut um das Stuttgarter Kammerorchester. Versuche mit historischer Aufführungspraxis blieben fruchtlos, interne Querelen resultierten in Dienst nach Vorschrift. Weder peppige Werbekampagnen („Schwabenstreicher“) noch öffentliche Aktionen wie Musizieren in der Fußgängerzone konnten kaschieren, dass das Traditionsensemble künstlerisch stagnierte.
Doch nun geht es wieder voran. Das Orchester hat eine neue Intendanz und mit Matthias Foremny auch einen neuen Chefdirigenten – und der scheint verstanden zu haben, dass ein Kammerorchester, das zur Spitze gehören will, sich nicht nur programmatisch, sondern vor allem künstlerisch profilieren muss. Was das bedeutet, konnte man beim vierten Abokonzert im Mozartsaal hören. Die kurze Sinfonie B-Dur KV 22, ein Geniestreich des gerade mal neunjährigen Mozart, muss man nicht unbedingt spielen – aber wenn sie derart frisch und pointiert musiziert wird wie hier, ist das Hören ein Vergnügen. Foremnys Dirigierstil ist körperbetont, plastisch, in jeder Phrase ringt er um distinkten Ausdruck: Bloss keine Routine! Dass sich das Orchester davon derart anstecken lässt, dürfte auch mit dessen personeller Runderneuerung zusammenhängen. An vielen Pulten sitzen mittlerweile junge, engagierte Musiker, die den Ensembleklang merklich verändert haben. Und eine klangliche Signatur ist das, was dem Kammerorchester mit am dringlichsten gefehlt hat. Griffig, kompakt, im Vergleich zu früher deutlich brillanter – in Bernd Alois Zimmermanns reizvoll historisierendem „Konzert für Streichorchester“ zeigten sich schon einige Facetten dieses neuen Klangs.
Gespannt war man auf den jungen, vielfach mit Preisen ausgezeichneten Pianisten Alexej Gorlatch. Der enthielt sich in Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 271 aller Manierismen, bemühte sich um schlüssiges Phrasieren und konnte gleichwohl den Eindruck einer gewissen Beliebigkeit nicht ganz verhindern: an artikulatorischer wie klanglicher Vielfalt ginge da noch mehr.
Zum Schluss Peteris Vasks Streichersinfonie „Balsis“ („Stimmen“). Der am Konzertabend anwesende Komponist wollte in dem knapp halbstündigen Werk vom Universum über die Schöpfungsgeschichte bis zum humanen Appell an die Menschheit viele große Themen in allgemeinverständlicher Weise abhandeln, was dem Stück nicht gut bekommt: vieles wirkt da einfach platt. Große Kunst bewahrt sich immer eine Aura, einen Rest von Geheimnis. (StZ)