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Jun

Der „Tag der Musik“ – alles bestens im Musikland Deutschland?

Anpfiff für Musik

Ein Tag kann mitunter lang sein, manchmal dauert er sogar ein verlängertes Wochenende: von heute bis zum Sonntag hat der Deutsche Musikrat den „Tag der Musik“ ausgerufen. Seit 2009 findet er jährlich statt, in diesem Jahr hat man ihn unter das Motto „Anpfiff für Musik“ gestellt und mit dem Beginn der Fußball-WM gekoppelt. Gefeiert wird er vor allem mitKonzerten. Allerorten trommeln die Kulturämter zusammen, was an Musikressourcen zur Verfügung steht. Opernhäuser, Orchester, Chöre, Musikschulen und Laienspielgruppen bespielen Marktplätze und Hallen, es gibt Tage der offenen Tür und Schnupperkurse, und manch einer wird vielleicht bemerken, welche musikalische Vielfalt es in Deutschland gibt.

Denn Deutschland ist ein Musikland – vielleicht ist es sogar das Musikland auf der Welt. In keinem anderen Land gibt es so viele Opernhäuser (84) und Berufsorchester (130). Über zwei Millionen Menschen singen in einem der über 60 000 Chöre, weit über eine Million, vor allem Kinder, lernen an einer der knapp 1000 deutschen Musikschulen ein Instrument. Alles bestens also? Nicht ganz. Denn der Kern der deutschen Musiklandschaft mag intakt sein, an manchen Ecken und Enden aber bröselt es.

Beispielsweise an den Musikschulen. Mehr als die Hälfte der dort beschäftigten Musiklehrer werden nicht mehr nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes, sondern stundenweise bezahlt. 11500 Euro beträgt nach einer Erhebung der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Einkommen eines Musikers in Deutschland. Mit der stetigen Erhöhung des Ausbildungsniveaus an den Musikhochschulen – die immer noch viel mehr Bewerber als Studienplätze haben – geht eine schleichende Prekarisierung der Absolventen einher, die so gar nicht passen will zum jährlichen Jubel über „Jugend Musiziert“-Preisträger.

Unglaublich erscheint auch, dass viele Kinder hierzulande gerade in jenem Alter, in dem sie für musikalische Prägung am empfänglichsten sind, kaum Anregungen bekommen. Musikunterricht an Grundschulen – so es überhaupt welchen gibt – wird in der Regel fachfremd erteilt. Damit sind viele Kinder auch dem Casting-Irrsinn der Musikindustrie wehrlos ausgesetzt, die ihnen einreden will, sie könnten, wenn sie nur die Stars gut genug imitierten, selber zu einem werden. Die am besten ausgebildeten Musiklehrer findet man in Deutschland am Gymnasium – dort, wo sie auch am meisten verdienen. In Finnland geht man den umgekehrten Weg. Dort unterrichten die besten Lehrer, wo sie am meisten bewirken können: an den Grundschulen.

Von außen betrachtet ist auch die deutsche Orchesterlandschaft noch weitgehend intakt, trotz mancher Einsparungen und Fusionen. Das künstlerische Niveau wird sogar tendenziell besser, da die Bewerber für die wenigen freien Orchesterstellen immer höher qualifiziert sind. Das Problem besteht eher darin, Nachwuchs für jenes aussterbende Bildungsbürgerpublikum zu finden, das bisher den Kern der Abonnenten ausgemacht hat. Doch das wird immer schwieriger. Kinder und Jugendliche werden zunehmend mit Pop und Rock sozialisiert, und anders als im Theater, das durch einen stetigen Nachschub an attraktiven zeitgenössischen Stoffen am Puls der Zeit bleibt, ist der klassische Musikbetrieb weitgehend der Musealisierung anheim gefallen. Die Gründe dafür sind vielfältig: die vielen befremdlich erscheinenden Rituale des Konzertbetriebs spielen genauso eine Rolle wie das Versagen der totalsubventionierten zeitgenössischen E-Musik, die, den Mechanismen von Angebot und Nachfrage entledigt, Werke produziert, die kaum jemand hören will. Noch weitaus stärker leidet unter dem Mangel an attraktiven aktuellen Stücken der hoch subventionierte Opernbetrieb, der nicht zuletzt deshalb vor allem in finanzschwachen Kommunen mächtig unter Druck geraten ist.

Vielleicht besteht die größte Gefahr für die Musikkultur aber in etwas ganz anderem. Nämlich darin, dass uns allmählich die Fähigkeit verlorenzugehen droht, wirklich zuzuhören. Musikhören als eine Konzentration fordernde Tätigkeit scheint auf dem Rückzug. Es ist eine schleichende Erosion, ein beständiges Nachlassen von Aufmerksamkeit, die mit der Dauerbeschallung zu tun hat, der wir von morgens bis abends ausgesetzt sind: im Auto, im Supermarkt, im Fahrstuhl, im Fitnessstudio, sogar auf der Toilette – überall dudelt es. Für viele ist Musik eine Art Wellnessfaktor, ähnlich wie ein Duftspender oder ein Luftbefeuchter. Vielleicht sollten wir mal damit anfangen, nicht reflexhaft das Radio einzuschalten, wenn wir im Auto sitzen oder nach Hause kommen. Stattdessen das wahrnehmen, was um uns herum ist – pfeifende Vögel, brummende Autos, was auch immer. Und dann in Ruhe eine CD einlegen und wirklich zuhören. Oder, noch besser – selber musizieren. Das wär doch was. (StZ)

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