Beiträge im Archiv September 2014

22
Sep

Die Spielzeiteröffnung der Stuttgarter Staatstheater

Wow, welche Power! Den Auftakt zur Spielzeiteröffnung des Stuttgarter Balletts im Opernhaus bildete eine fulminante Tanzeinlage: Jesse Fraser, Alexander McGowan und Matteo Crockard-Villa animierten mit einer an Streetdance und Musical erinnernden Performance das Publikum gleich zu Bravorufen. Danach waren die drei Tänzer ziemlich aus der Puste, die Stimmung im Saal aber gut, als Vivien Arnold die Mitglieder der Runde vorstellte, die einen Ausblick auf die kommende Spielzeit geben sollten. Neben Intendant Reid Anderson waren das der Choreograf Demis Volpi, der stellvertretende Intendant Tamas Detrich und die Tänzer Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Die meiste Zeit redete aber vor allem einer: Reid Anderson. Auf eine präzise Frage wie jene, wann er mit der Spielzeitplanung beginne, holte Anderson weit aus und kam dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen. Er gab Einblicke in seine Dramaturgie („Wie lange haben wir das nicht mehr gemacht? Wir sollten das mal wieder machen.“), die er mit unterhaltsamen Anekdötchen aus der Ballettwelt garnierte. Anfangs lauschte ihm das Publikum noch merklich amüsiert, verfügt er doch über Charme und Humor, doch nach einer Weile begann auf den Rängen der Exodus. Man erfuhr zwar ein bisschen, wer wann in welchem Stück tanzt und warum, aber insgesamt mangelte es der Plauderstunde doch an Struktur.
Das machte die Oper besser. Zur Vorstellung der neuen Saison kamen der Intendant Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito, Operndirektorin Eva Kleinitz, GMD Sylvain Cambreling, die Leiterin der Jungen Oper, Barbara Tacchini, und der Dramaturg Patrick Hahn zusammen, um eine Einführung zu den anstehenden Premieren und Konzerten zu geben. Und da gab es, neben den üblichen Gemeinplätzen und gegenseitigem Loben einiges Interessantes zu erfahren. Über die Hintergründe zur Oper „Jakob Lenz“ etwa, die Wolfgang Rihm 1978 komponierte und die im Rahmen eines Rihm-Wochenendes am 25. Oktober Premiere haben wird. Andrea Breth, die auch im Publikum saß, inszeniert das Werk, von dem man schon mal einen akustischen Eindruck bekommen konnte: Georg Nigl (Lenz) sang eine kurze Szene und hinterließ damit einen starken Eindruck.
Denn die kleine Saisontour wurde zum Glück nicht nur verbal unternommen. Zu jeder geplanten Premiere gab es einen kleinen musikalischen Ausschnitt, was nicht nur erhellend war, sondern auch das Publikum bei Laune hielt. Und man hatte sich damit Mühe gegeben: das Duett von Daniel Kluge und Ashley David Prewett aus Mussorgskys Oper „Chowanschtschina“ hatte man für diesen Anlass sogar szenisch ausgearbeitet. Sophie Marilley wurde bei ihrer Arie aus Niccolò Jommellis „Berenike, Königin von Armenien“ von einem feinen Streichquintett aus Mitgliedern des Staatsorchesters begleitet. Bei den Arien aus Mozarts „Così fan tutte“ und Verdis „Rigoletto“ (gesungen von Ronan Collett bzw. Atalla Ayan) war das nicht nötig: Gassenhauer wie „La donna è mobile“ wirken auch mit Klavierbegleitung. Merklich stolz ist man, dass in der neuen Saison auch einige sehr geschätzte Sänger wieder ans Stuttgarter Haus zurückkehren. Neben dem Tenor Matthias Klink, der Ensemblemitglied wird, sind das Angela Denoke (sie singt die Küsterin in Leoš Janáceks „Jenufa“) und Catherine Naglestad als Madame Butterfly. Da werden sich viele Fans freuen.
Eine Einführung in die einzelnen Premieren wäre beim Schauspiel schon allein wegen deren Anzahl gar nicht möglich, und so dürfte dem Intendanten Armin Petras die Entscheidung leicht gefallen sein, an den überaus erfolgreichen Spielzeiteinstand der vergangenen Saison anzuknüpfen. Mit „Hello! Look at me!“, stellten sich damals die neuen Schauspieler vor. „Hello! Look at us!“ lautete diesmal das Motto, bei dem die Schauspieler aufgefordert waren, ihren „Lieblings-Stuttgarter“ mit auf die Bühne zu bringen. Schließlich, dachte sich wohl Petras, sollte nach einem Jahr in Stuttgart auch ein Reingeschmeckter soweit mit der Bevölkerung in Kontakt gekommen sein, dass er einen Favoriten küren und mitbringen könnte – und vertraute dabei auf die Fantasie seiner Truppe, aus dieser Ausgangssituation theatralische Funken schlagen zu können. Und das tat sie. Und wie!
Es würde den Umfang dieser Zeilen sprengen, auch nur alle Höhepunkte dieses an Einfallsreichtum, Witz und Bühnenkunst geradezu überbordenden Abends zu beschreiben, der deutlich machte, welch enormes kreatives Potential Armin Petras am Stuttgarter Schauspiel versammelt hat. Einige seien doch genannt: da war zu Beginn Sebastian Röhrle, der in einer atemraubenden Suada erklärte, warum er seinen Lieblings-Stuttgarter leider gerade an diesem Abend nicht mitbringen konnte. Sebastian Wendelin, ganz neu im Ensemble, begann seine grandiose Performance im rosa Tanzanzug mit einem Pas de deux mit Aldi-Tüte, aus der er hernach (er kommt aus Wien) zwei panierte Schnitzel hervorzog und mit einem Freiwilligen aus dem Publikum verspeiste: der war dann selbstredend sein Lieblings-Stuttgarter. Herrlich auch die augenzwinkernden Verweise auf die Hochkultur: Horst Kotterba holte für seine Faust-Szene gleich sechs Gretchen aus dem Publikum auf die Bühne, die ihren Text auf sehr individuelle Weise interpretierten. Grandios auf den Hund gekommen war Wolfgang Michalek. Dessen Vierbeiner ist zwar sein Lieblings-Stuttgarter, aber kein Pudel, und in Mephisto verwandelte der sich in der berühmten Szene gleichfalls nicht. Dafür war es richtig große Schauspielkunst. (StZ)

Frank Armbruster

21
Sep

Das erste Abokonzert des Stuttgarter Kammerorchesters im Theaterhaus

Manches können Quartette besser

Drei der neun Abokonzerte wird das Stuttgarter Kammerorchester in der neuen Saison im Theaterhaus spielen, wofür es gute Gründe gibt. Denn vermutlich hofft man beim SKO, dass der personellen Verjüngung des Orchesters langfristig auch eine des Publikums folgen wird – und gerade Jüngere dürften sich in der offenen Atmosphäre des Kulturzentrums auf dem Pragsattel deutlich wohler fühlen als im doch etwas piefigen Mozartsaal.
Allerdings bezahlt man dafür einen Preis, der möglichweise zu hoch ist. Mag die Akustik im T1 für große Sinfonieorchester noch einigermaßen tauglich sein, so kommt ein Kammerorchester hier an seine Grenzen. Trocken und matt klingt das SKO in diesem Raum, der die Höhen dämpft und den Klang wenig trägt – wüsste man nicht von anderen Konzerten, welche Fortschritte das Kammerorchester gerade in klanglicher Hinsicht in der letzten Zeit gemacht hat, man würde es kaum glauben.
Insofern hatten es die Musiker an diesem Abend schwer, das Programmmotto adäquat umzusetzen: Um „Das Singen der Streicher“ sollte es gehen, wozu man mit Nils Mönkemeyer einen der besten jungen Bratscher als Solisten verpflichtet hatte. Der zeigte in Telemanns Konzert für Viola und Streicher G-Dur seine Kompetenz auch im barocken Genre. Technisch bravourös, mit behänden Verzierungen und sanft schimmerndem Bratschenklang spielte er sich in guter Abstimmung mit dem Orchester durch die vier immer wieder mit Überraschungen aufwartenden Telemann-Sätze, von denen nur das Largo unter einer gewissen Statik litt – hier übertrieb es der Chefdirigent Matthias Foremny mit barock-kleinteiliger Phrasierung.
Mit Mozarts Divertimento D-Dur KV 155, Puccinis „Crisantemi“ und Verdis e-Moll Quartett standen gleich drei Orchesterbearbeitungen nach Streichquartetten auf dem Programm. Die Versuchung ist groß für Streichorchester, sich aus dem riesigen Quartettrepertoire zu bedienen, doch selten nur bringt das chorische Aufzoomen der puren Vierstimmigkeit einen wirklichen Mehrwert. Auch sehr gute Ensembles können kaum verhindern, dass die empfindliche Ökonomie des Satzes gestört wird und die Klangbalance aus dem Gleichgewicht gerät. Kommen dann, wie an diesem Abend beim SKO, Intonationstrübungen der Violinen dazu, denkt man wehmütig an die Interpretation durch gute Quartette.
So blieb als herausragender Programmpunkt das Konzert für Viola und Kammerorchester des Litauers Vytautas Barkauskas. Wie viele Werken baltischer Komponisten ist auch dieses von einer eher introspektiven, meditativen Grundstimmung, innerhalb derer sich expressive Kantilenen der Viola über einem brüchigen, von Motivsplittern des Cembalos immer wieder dezent aufgerauten Klanggrund erheben. Nils Mönkemeyer spielte das klanglich variabel und mit einer spürbaren persönlichen Identifizierung mit dieser auratischen, nur manchmal ein wenig konventionellen Musik. (StZ)

19
Sep

Das „Dvorák-Experiment“ der ARD

Rock me Antonin

Die Zahlen lesen sich beeindruckend. 363 Schulen mit über 22 000 Schülern haben mitgemacht beim „Dvorák-Experiment“ der ARD. Haben über die neunte Sinfonie des Tschechen Filmchen gedreht, Pantomimen einstudiert, gerappt und gerockt. In jedem Bundesland waren die Sender aktiv. Im Saarland tauchten Mitglieder des SR-Orchesters in „flashmob“-Manier in einer Schule auf, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin veranstaltete einen Remix-Wettbewerb „INTO A NEW WORLD – dvorák 24 loops“. Zum Abschluss nun wurde gestern ein Konzert des von Thomas Hengelbrock geleiteten NDR-Sinfonieorchesters mit Dvoráks Neunter von allen ARD-Anstalten und Kultursendern als Video-Livestream in die Klassenzimmer der Republik übertragen.
Und wozu das alles? Um, wie man sagt, Kinder und Jugendlichen klassische Musik „nahezubringen“. Denn die Orchester fürchten um ihre Zukunft. Nicht, was den Musikernachwuchs, aber was ihr Publikum anbelangt: denn Jugendliche gehen immer seltener in klassische Konzerte. Gegen gut gemeinte Veranstaltungen wie diese kann man also wenig sagen – gut möglich, dass der ein oder andere dadurch mit dem E-Musik-Virus infiziert worden ist. Schön wär´s.
Ob Dvoráks Musik aber Interesse weckt, weil sie, wie es die ARD-Berichterstattung suggeriert, „cool“ ist und „rockt“, darf man beweifeln. Man kann sich mit DJs und „Dvorák-Lounges“ noch so zeitgeistig geben, klassische Musik in puncto Hipness gegen Cro oder Tokio Hotel in Stellung zu bringen, wirkt ebenso peinlich wie Thomas Hengelbrocks Antwort auf die Frage der Moderatorin, warum die Musiker denn diese Fräcke trügen: Na, die wären eben so bequem! Sowas ist gefährlich – merken Kinder doch ganz genau, wenn Erwachsene versuchen, sich anzubiedern. Stattdessen könnte man darauf vertrauen, dass Kinder ein Sensorium dafür entwickeln können, was die Beschäftigung mit klassischer Musik so beglückend machen kann: Schönheit und Trost etwa. Am besten gelingt das, wenn sie selber ein Instrument spielen. Dazu brauchen sie auch keine Lounge. (StZ)