Beiträge im Archiv März 2016

23
Mrz

Die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater

Sprungbrett nach Mekka

 

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Fatih Cevikkollu

Für einen Moment kann man da schon ins Schwitzen kommen. Eben hat Fatih Cevikkollu noch deutsch gesprochen, da erhebt er die Stimme unvermittelt auf türkisch und nestelt dabei an dem Kabel unter seinem Sakko herum. Eine „Botschaft an seine Glaubensbrüder“ sei das eben gewesen, klärt er auf, während man sich langsam entkrampft, und diese Kabel am Körper – nun ja, man wisse eben nicht genau, wo die hinführten. Mit Provokationen dieser Art trifft der Kölner Kabarettist genau den wunden Punkt im aktuellen Verhältnis von Deutschen und Türken im Besonderen und Muslimen im Allgemeinen: mancher dürfte sich ja fragen, inwieweit man Selbstmordattentäter an ihrer Physiognomie erkennen kann. Dass dabei auch Türken unter Generalverdacht geraten, die zum Teil in Deutschland geboren sind, entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, zumal ja auch die Türkei von den Attentaten betroffen ist. Interessant auch, wie Cevikkollu unser Mitgefühl mit den Opfern analysiert. Mitgefühl setze nämlich Zugehörigkeit voraus – weswegen wir uns von den Anschlägen in Paris weitaus stärker betroffen zeigten als von jenen in Ankara.

Seit letztem Freitag läuft nun schon die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater, und gerade der Kölner Cevikkollu, der in Diktion und Körpersprache etwas an Dieter Nuhr erinnert, machte mit seinem Auftritt am Dienstagabend deutlich, dass sich das türkische Kabarett in Deutschland längst über die Ethnocomedy im Stil von Kaya Yanar oder Bülent Ceylan hinaus zu einer gesellschaftlich relevanten Form hinaus entwickelt hat. Zwar nimmt auch Cevikkollu Klischees aufs Korn, wie die Körperform türkischer Muttis, die er als „Hüpfburgen“ bezeichnet („mit buntem Kopftuch, damit man weiß wo oben ist“). Doch dringt er mit seinen Beobachtungen tief in unterbewusste Bereiche des deutsch-türkischen Selbstverständnisses vor. Deutsche, so meint er, fühlten sich einfach besser, wenn ihre türkischen Gemüsehändler schlechtes Deutsch sprächen, sie könnten sich dann leichter als Wohltäter fühlen, die Unterprivilegierte unterstützten. Das Gemüse könne man ja waschen…. Viele Türken könnten sich dagegen selber nicht leiden und würben für ihre Wohnanlage mit dem Argument, dass sie die einzigen Türken wären, die darin wohnten.

Neben Cevikkollu, der am Samstagabend im Rahmen des Festivals auch sein Soloprogramm „Emfatih“ präsentiert, traten an diesem Abend noch Özcan Cosar und Ozan Akhan auf, die eher in der Tradition klassischer Türk-Comedians stehen. Hinreißend Akhans Auftritt als Bademeister („Das Sprungbrett habe ich nach Mekka ausgerichtet“), während der in Stuttgart aufgewachsene Cosar seine Erfahrungen als Schwabentürke in lustige Szenen einband, sehr eindrucksvoll auch seine Ballett-Breakdanceperformance. Deutsche und Türken jedenfalls, das hat der Abend gezeigt, können noch allerhand lernen. Von- und übereinander.

(StZ)

18
Mrz

Das Abokonzert des RSO mit Roger Norrington

Steinway im Hammerklaviersound

Stuttgart Sound, vibratofreie Zone? War da mal was? Es ist schon merkwürdig: Obwohl Roger Norrington erst seit 2011 nicht mehr Chefdirigent des RSO ist, mutet einem diese Zeit im Rückblick schon fast historisch an. Dabei hat Norrington das Orchester, beileibe nicht nur durch den Verzicht auf Vibrato, wohl stärker geprägt als die meisten seiner Vorgänger. Legendär bleibt die Aufführung und CD-Einspielung aller neun Beethovensinfonien, und auch das internationale Renommee des RSO stieg unter Norringtons Ägide damals steil an – man denke nur an die Gastspiele bei den Londoner Proms. Ohnehin sollte man nicht vergessen, dass es Norrington war, der sich Anfang der 70er Jahre mit den London Classical Players daran machte, die von Pionieren wie Nikolas Harnoncourt erarbeiteten Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis auch auf die Musik aus Klassik und Romantik zu übertragen.
Nun ist Harnoncourt kürzlich verstorben. Norrington aber, der am Mittwoch seinen 82. Geburtstag feierte, ist nach wie vor fit – und so freute man sich, dass er beim siebten Abokonzert des RSO wieder einmal am Pult stand. Und es waren nicht nur Norringtons kleine Scherze wie das Animieren des Publikums, auch zwischen den Sätzen zu klatschen, die einen in diesem Konzert mit einer gewissen Sehnsucht an vergangene Zeiten denken ließ.
Mit dem ersten Einsatz in Berlioz´ Ouvertüre zu „Benvenuto Cellini“ wurde man gleichsam aufgerüttelt mittels des dringlichen Tonfalls, der hier angestimmt wurde, hineingezogen in die (Seelen-)welt des Renaissancekünstlers Cellini, die Berlioz als ein dramatisches Tongemälde aus schillernden Farben und wechselnden Stimmungen entwirft. Dominiert wurde der ungemein griffige Klang durch die Bläser, die am Bühnenhintergrund erhöht platzierten Kontrabässe sorgten für die dunkle Grundierung. Die hohen Streicher, selbstverständlich vibratofrei, setzten präzise Linien, und der Oboist blies ein Solo von fast bekenntnishafter Eindringlichkeit. Insgesamt hat man das RSO lange nicht mehr derart engagiert erlebt, und bei Beethovens zweitem Klavierkonzert wurde es gar noch besser. Als Solisten hatte man den amerikanischen Pianisten Robert Levin eingeladen. Der hat nicht bloß schon alle Beethovenkonzerte (mit John Eliot Gardiner) eingespielt, sondern ist auch ein ausgewiesener Hammerklavierspieler und war an diesem Abend sogar in der Lage, den Steinway fast wie einen Hammerflügel klingen zu lassen. Das weit ins Orchester gerückte, deckellose Instrument hat man jedenfalls noch kaum einmal derart leicht und perkussiv gehört, im Verbund mit dem klein besetzen Orchester war es eine Beethoveninterpretation, die in ihrer gestischen Prägnanz und sprechenden Durchgeformtheit als beispielhaft gelten kann. Ähnlich funkensprühend hat man ein Beethovenkonzert vor einigen Jahren mit dem RSO und Christian Zacharias im Ohr, am Pult stand damals mit Thomas Hengelbrock auch ein berufener Anwalt historischer Aufführungspraxis.
Nach der Pause dann Schuberts C-Dur Sinfonie, „Die Große“ – ein Titel, der angesichts ihrer Dimensionen keine bloße Ankündigung ist. Auch ihr nähert sich Norrington aus der Perspektive der Klassik, verbindet kammermusikalische Feinarbeit mit rhythmischer Flexibilität auf der Basis einer insgesamt eher auf Lebenszugewandtheit denn morbides Pathos angelegten Interpretation. Norrington gelingt dabei das Kunststück, die unzähligen motivischen Abwandlungen und harmonischen Seitenwege als Teile einer übergeordeten Dramaturgie verständlich werden zu lassen, kulminierend im vierten Satz, in dem eine fast beethovensche Euphorie zu spüren ist. Ein Abokonzert der besonderen Art. (StZ)

3
Mrz

Die Stuttgarter Philharmoniker mit Bernd Glemser

Brahmssche Herzenswärme

„Dickflüssig“ und „unelastisch“ sei Brahms zweites Klavierkonzert, befand einst der Brahms Biograf Walter Niemann. Möglicherweise war für diese Einschätzung sein Höreindruck entscheidend, denn viele Aufführungen dieses Konzert vermitteln in der Tat etwas Monströses, Schwergewichtiges. Das hängt nicht zuletzt mit den Schwierigkeiten des Soloparts zusammen: von „pianistischen Perversionen“ sprach sogar der ansonsten eher zurückhaltend formulierende Alfred Brendel angesichts der mächtigen Tongebirge, die Brahms hier auftürmt.
Gut möglich, dass Niemann Urteil anders ausgefallen wäre, hätte er die Aufführung des Konzerts mit den Stuttgarter Philharmonikern und Bernd Glemser gehört. Nicht, dass Glemser die majestätische Größe dieses Werks nicht zur Geltung gebracht hätte. Doch die gelassene Leichtigkeit, mit der er pianistische Höchstschwierigkeiten wie Terztriller und Pianissimo-Oktavsprünge meisterte, hielt das Titanische im Zaum und gab dem Werk sozusagen eine menschliche Stimme zurück. Und das nicht nur im Andante mit den zauberhaften Dialogen von Klavier und Holzbläsern – auch manche Passagen in den Ecksätzen, ja sogar im Scherzo gewannen unter Glemsers Händen einen fast kammermusikalisch-lichten Charakter. Glemser vermittelte auf wunderbare Manier zwischen der Ambivalenz vieler brahmscher Gedanken – auf schroffe Wildheit folgt prompt innigste Herzenswärme – die er als zwei Seiten einer Medaille verständlich machte. Pianistisch war das auf höchstem Niveau, und wenn es überhaupt etwas kritisch anzumerken gibt, dann vielleicht, dass Glemser manche Passagen etwas sportiv anging, nicht immer von letztem Ausdruckswillen beseelt. Er muss diese Konzert nicht bezwingen – was aber dann auch wieder etwas Bezwingendes hat. Großer Beifall, eine Zugabe: „Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ“ von Bach/Busoni.
Nach einer etwas belanglosen Lortzing-Ouvertüre fiel schon im Brahms-Konzert die Konsequenz auf, mit der Constantin Trinks am Dirigentenpult das Orchester über das zerklüftete Massiv führte – da gab es keine Durchhänger oder unmotivierte Übergänge, alles entwickelte sich zwingend aus dem Vorhergehenden, und diese seltene Qualität war auch die Voraussetzung für eine einnehmend gute Darstellung von Schumanns zweiter Sinfonie C-Dur. Die Zweite ist wohl die „Klassischste“ unter allen Schumann-Sinfonien, das Jubelfinale erinnert an Mozart und Beethoven, und die soghafte Stringenz dessen fünfter Sinfonie hat sich offenbar auch Constantin Trinks als Vorbild genommen. Sofort mit Eintritt des Hauptthemas setzte er einen Spannungsbogen, der erst mit dem Schlussakkord endete. Das hatte Zug, ohne hastig zu wirken und erinnerte etwas an George Szells Kunst, den Puls der Musik wach zu halten. Dabei nahm Trinks in Kauf, dass die Philharmoniker gelegentlich an ihre technischen Grenzen gehen mussten: der mendelssohnsche Elfenzauber im Scherzo kam aber nicht zuletzt durch das straffe Tempo umso belebter zum Ausdruck. Dass Trinks als Wagnerdirigent gefragt ist, bewies er im Adagio, dessen melodische Linien er geradezu sehrend-intensiv ausspielen ließ, und auch im Finale hielt er das eingang gesetzte Erregungniveau bis zur triumphalen Coda durch.
Chapeau!

StZ