Beiträge im Archiv Dezember 2016

22
Dez

Frank Peter Zimmermann hat Schostakowitschs Violinkonzerte eingespielt

Zwischen Leidenston und Sarkasmus

Schostakowitschs zwei Violinkonzerte tauchen eher selten auf Konzertprogrammen auf. Zu bitter, leidgetränkt, insgesamt schwer verdaulich erscheint vielen diese Musik, gerade im Vergleich zu Repertoirekrachern wie den Konzerten von Tschaikowsky oder Sibelius. Andererseits kann das Hören ein nachhaltig aufwühlendes Erlebnis sein, vorausgesetzt sie wird von einem Interpreten wie Frank Peter Zimmermann gespielt. 2012 und 2015 hat er beide Konzerte Schostakowitschs zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester (wie das NDR Sinfonieorchester neuerdings heißt) eingespielt, die nun erschienene CD zeigt den 51-Jährigen auf der Höhe seines Könnens. Die Zerrissenheit von Schostakowitschs Musik, ihr Schwanken zwischen Leidenston und Sarkasmus, Depression und Witz stellt Zimmermann plastisch, aber ohne jede Übertreibung dar und findet für jede Ausdrucksfacette den passenden Ton, geigerisch meistert er die enormen Schwierigkeiten bravourös. Das diszipliniert spielende Orchester unter Alan Gilberts Leitung unterstützt ihn dabei vorbildlich.

Frank Peter Zimmermann. Shostakovitch. Violin Concertos 1&2. NDR Elbphilharmonie Orchester, Alan Gilbert. BIS 2247.

18
Dez

Der Württembergische Kammerchor in der Leonhardskirche

Labsal für die Ohren

Die Deutschen seien im vorweihnachtlichen Kaufrausch, so ist zu lesen, und wer sich in diesen Tagen in die Stuttgarter Innenstadt begibt, sieht den Befund bestätigt. Überfluss allenthalben, zumindest für jene, die es sich leisten können, wobei für viele das Problem darin bestehen dürfte, überhaupt materielle Bedürfnisse zu finden, die noch geweckt werden können. Als Heinrich Schütz 1648 seine Geistliche Chormusik schrieb, hatten die Menschen andere Sorgen. Der Dreißigjährige Krieg war gerade zu Ende gegangen und hatte ein verwüstetes Land hinterlassen. Viele Menschen lebten in bitterster Armut, auch Schütz selbst, der später sein Leben als „nahezu qualvolle Existenz“ beschrieben hat, litt unter der allgemeinen Depression.
In den 29 Motetten der Geistlichen Chormusik freilich ist von dieser Verzweiflung nichts zu spüren. Schütz beweist in dieser klangsinnlichen Musik seine Souveränität in der alten Schule des Kontrapunkts, lässt aber die Einflüsse des neuen konzertierenden Stils hörbar werden, den er in Italien kennengelernt hatte. Wer diese Werke heute aufführen möchte, hat die Wahl. Die fünf- bis siebenstimmigen Sätze lassen sich solistisch oder chorisch singen, man kann sie, wie es Schütz intendierte, a cappella oder mit einer Generalbassbegleitung aufführen. Dieter Kurz und sein Württembergischer Kammerchor haben sich für ihr Konzert am Freitagabend in der Leonhardskirche für letztere Variante entschieden und dem Organisten Peter Schleicher die Ausführung des Generalbasses auf der Truhenorgel überantwortet. Eine klanglich überzeugende Lösung, wurde der kompakte Klang des Chors dadurch dezent unterfüttert und getragen. Elf Motetten hatte Kurz ausgewählt, zwischen denen Schleicher kurze, stilistisch passende Orgelstücke spielte, allesamt prächtig gesungen von einem der nach wie vor besten Chöre der Stadt, vorbildlich in seiner Textverständlichkeit und Klangbalance. Ein kostbares Konzert, wie eine Oase im Weihnachtsrummel und Labsal für die Ohren.

15
Dez

Sol Gabetta spielte in der Reihe Faszination Klassik

Adventszeit ist meistens auch Erkältungszeit. Ein lautes Niesen mag im Weihnachtsmarkttrubel nicht weiter auffallen, aber zu welchen Phonzahlen sich ein ganzes Hustenensemble aufschwingen kann erlebte der staunende Besucher nun beim Konzert der Cappella Gabetta im Beethovensaal, wo sich nach jedem Satzende ein Hüsteln, Krächzen und Räuspern akustisch Bahn brach, das mühelos den Mezzofortebereich erreichte. Das war dann fast so laut wie das Orchester, das aus gerade mal 17 Musikern besteht und sich insofern ins Zeug legen musste um die hinteren Ränge des voll besetzten Saals noch ausreichend zu beschallen. Entsprechend vehement ging´s los mit Seguidillas von José de Nebras, Petitessen im spanischen Volkston, die auch mal von Kastagnetten begleitet wurden und schneller am Ohr vorüberhuschten als man die Titel im Programmheft lesen konnte.

Ihren Namen hat die Cappella Gabetta von ihrem Konzertmeister Andrés Gabetta und dessen Schwester Sol – jener zierlichen blonden Cellistin, die so fantastisch aussieht wie sie musiziert. Dass sie zu den derzeit erfolgreichsten klassischen Musikerinnen zählt ist daher kein Wunder, zumal auch ihr Repertoire so groß ist wie ihre stilistische Bandbreite. Wie gut sie auch mit dem Barockbogen umgehen kann bewies sie mit zwei Cellokonzerten von Luigi Boccherini und Carl Philipp Emanuel Bach, die sie mit fabelhafter Technik und stupender Musikalität zum Ergötzen des enthusiasmierten Publikums spielte. Mit einem Ton aus Samt und Seide, wieselflinken Trillern und makelloser Intonation bis in höchste Lagen gerieten beide Konzerte zu einer Demonstration erlesener Cellokunst, mit dem Largo des Bach-Konzerts als Höhepunkt, das sie als herzzereißendes Lamento gestaltete.

Die Cappella Gabetta mag nicht ganz auf diesem Niveau musizieren, zeigte aber sowohl bei der Sinfonia Wq. 179:1 C.Ph. E. Bachs als auch bei Boccherinis Sinfonia Nr. 6 genügend Dringlichkeit und musikantischen Zugriff, um die mangelnde dynamische Durchschlagskraft auszugleichen. Ein kurzweiliger Abend. (StZ)

11
Dez

Martin Stadtfeld spielt Chopin Etüden

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Eine dezent historische Aura liegt über dieser Einspielung, was vor allem an dem Flügel der Bayreuther Firma Steingraeber liegt, der nicht nur im Diskant deutlich weicher als die üblichen Steinways oder Faziolis klingt. Damit ist der Klang nicht nur näher an dem Klang der Pleyel-Flügel, die Chopin selbst bevorzugt gespielt hat, sondern kommt auch Martin Stadtfeld entgegen, der eine Vorliebe für jene verhangenen Pastelltöne hat, die ihm dieses Instrument in vielerlei Abstufungen ermöglicht. Stadtfeld, der auf dem Cover gern etwas versonnen dreinblickt, hat sich in den Etüden auf die Suche nach verborgenen Lyrismen gemacht-  und tatsächlich in manchen davon interessante melancholische Wendungen aufgedeckt. Technisch sind Stadtfelds Möglichkeiten gleichwohl begrenzt: virtuosen Stücken wie op.25 Nr. 12 bleibt er einiges an Brillanz und konturiertem Zugriff schuldig, und auch seine „Improvisationen“ genannten Überleitungen zwischen den Etüden hätte er besser weggelassen: die klingen oft mehr nach Tonsatzübung als dass sie das Hörvergnügen steigern könnten.

Martin Stadtfeld: Chopin +. Sony Classical 88985369352

6
Dez

Armin Petras hat am Stuttgarter Opernhaus Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ inszeniert

Es sind wenige, kostbare Minuten, in denen an diesem Abend aufscheint, was Theater sein kann und was große Kunst bedeutet. Zu Beginn des zweiten Aktes, Euridyke ist in der Unterwelt angekommen, wird sie von Hans Styx, dem Diener Plutos und Höllen-Hausmeister, hofiert. Der Schauspieler André Jung, dem Stuttgarter Publikum nicht unbekannt, spielt diesen Styx als schrulligen alten Zausel, der um die junge Frau herumscharwenzelt und seine Komplimente in aberwitzigen Konjunktivkonstruktionen artikuliert, um hernach in „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ von jenen besseren Zeiten zu singen, die freilich längst vergangen sind. Dies sind Momente von großer Intensität, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll oder beides, weil hinter der Absurdität Wahrhaftigkeit spürbar wird.

Armin Petras hat Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ für die Stuttgarter Oper neu inszeniert, und vielleicht liegt es ja an seiner Funktion als Chef des benachbarten Schauspiels, dass auch die anderen interessanten Szenen einem Schauspieler zu verdanken sind: Max Simonischek in seiner Doppelrolle als Mars und Bacchus. Mit dem Musiktheater dagegen fremdelt Petras, was nicht zuletzt daran erkennbar wird, dass sich die Protagonisten für ihre Gesangsnummern meist an der Rampe aufstellen und dabei gestisch auf Klischees zurückgreifen, wie man sie in Stuttgart lange nicht mehr gesehen hat.

Offenbachs Operette sorgte zu ihrer Entstehungszeit 1858 für mächtig Wirbel, weil darin der Verfall der öffentlichen Moral aufs Korn genommen wurde und Offenbach in seinem Spott keine Rücksicht nahm auf Stand und soziale Schichten. Die Götter im Olymp erscheinen genauso verlottert wie die normalen Sterblichen, was vor dem Hintergrund des Antikenfimmels der Pariser Oberschicht eine Provokation war, die sich die kulturbeflissene wie vergnügungssüchtige Bourgeoisie im Zweiten Kaiserreich gern gefallen ließ: bekam doch sogar Napoléon III sein Fett ab, der sich in der Figur des lüsternen Obergotts Jupiter wiederfinden konnte.

Dass Offenbach ausgerechnet den Orpheus-Mythos für seine erste abendfüllende Operette wählte, war kein Zufall, hatte doch einst alles damit begonnen. Um 1600 wollte Jacopo Peri mit „Euridice“ die antike Tragödie wiederbeleben und begründete damit quasi aus Versehen eine neue Gattung, deren Möglichkeiten Claudio Monteverdi sieben Jahre später mit seinem „Orfeo“ aufzeigen sollte. Seitdem ist die Geschichte um den legendären Sänger eines der beliebtesten Sujets von Opernkomponisten geblieben – was ja insofern kein Wunder ist, als Orpheus für das steht, was in Opernhäusern mit jeder Aufführung aufs Neue beschworen wird: die Macht des Gesangs.

Petras nun verortet das Stück historisch um 1870, also wenige Jahre nach seiner Entstehung, als sich mit der Pariser Commune eine Bewegung formierte, die auf Sozialreformen und eine Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse zielte. Ein während der Ouvertüre eingespielter – im übrigen sehr professionell gemachter – Stummfilm zeigt Eurydike als Fabrikarbeiterin in einer Nähstube. Orpheus, ein Musikprofessor, erlöst sie zunächst aus ihrem Elend, ehe sie von Pluto in die Unterwelt entführt wird, wo sie als Bacchantin endet. Das Stück dergestalt als Emanzipationsdrama einer Frau zu deuten, die aus den Verhältnissen ausbrechen will, am Ende aber wieder in der Fremdbestimmung landet, trägt das Stück aber nicht, denn gleich der erste Akt wirkt geradezu lähmend in seiner Betulichkeit. Im ersten Bild gestehen sich Orpheus und Eurydike auf dem Bänkchen sitzend ihre Affären, dabei unterhalten sie sich in jenem chargierenden Operettentonfall, den man vom Boulevardtheater kennt. Putzig dann das Wolkenkuckucksheim der Götter, wo sich die Herren in Turnanzügen mit Capes und die Damen in Paillettenröckchen dem gepflegten Ennui hingeben. Götterbote Merkur (stark: Heinz Göhrig) bringt vorübergehend Schwung in den Laden, kann aber doch den Aufstand der Olympier nicht verhindern: es ist halt einfach zu langweilig da oben, sodass Jupiter seiner aufmüpfigen Klasse schließlich den Ausflug in die Unterwelt gestattet. Die ist eine Art Darkroom, in der Bacchus sich junkiemäßig Lösungsmittel reinzieht, während Jupiter sich im Fliegenkostüm an Eurydike ranmacht, das Ganze endet in einem kreuzbiederen „Bacchanal“, bei dem Tänzer in Skelettanzügen über die Bühne hüpfen.

Von dem beißenden Witz, den Offenbachs Meisterwerk auszeichnet ist in Stuttgart wenig zu spüren, was auch deshalb tragisch ist, als es durchaus Anknüpfungspunkte gäbe, an denen man seine Brisanz ins Heute transportieren könnte. Etwa die Götter als moralisch verkommene Führungsschicht, die keine Verantwortung für das Gemeinwesen mehr empfindet, aber auch die Öffentliche Meinung, die Offenbach in dem Stück als Person auftreten lässt. Petras lässt sie zwar gegen Ende einige pressekritische Karl Kraus-Zitate deklamieren, das war es dann aber auch.

Nun bliebe noch die Musik, um den Laden in Schwung zu bringen, doch auch Sylvain Cambreling findet keinen rechten Zugang, weder zu ihrer Eleganz noch zu ihrer rhythmischen Verve. Die Tempi oft zu langsam, bleibt die Musik insgesamt zu statisch, auch die Anschlüsse innerhalb der Szenen hängen dramaturgisch immer wieder durch. Das Staatsorchester bleibt da weit unter seinen Möglichkeiten, was es mit dem Staatsopernchor gemeinsam hat, den man selten so inhomogen gehört hat. Sängerisch immerhin ist der Abend auf gutem Niveau. Allen voran André Morschs samtener Bariton (Pluto), aber auch Michael Ebbecke als bassmächtiger, sehr präsenter Jupiter. Josephine Feiler singt die Eurydike mit quecksibrig agilem, koloraturensicheren Sopran, dem nur manchmal etwas mehr Wärme gut anstehen würde. Solide Daniel Kluge (Orpheus), Stine Maria Fischer (Die Öffentliche Meinung) und Maria Theresia Ullrich (Juno).

Und der alte Styx? Er sitzt bis zum bitteren Ende vorn am Bühnenrand und schaut versonnen ins Publikum. Was wohl in seinem Kopf vorgeht? (STZ)