29
Sep

Das erste Abokonzert des Stuttgarter Kammerorchesters

Voll in der Spur

 

Nicht immer starten Orchester gleich mit vollem Elan in die neue Spielzeit – das haben sie mit Fußballteams gemeinsam, die manchmal ebenfalls etwas Zeit brauchen, um wieder zur gewohnten Harmonie zu finden. Das Stuttgarter Kammerorchester freilich, das zeigte das erste Abokonzert der neuen Saison, ist bereits wieder voll in der Spur: begeisternd war der Abend im Mozartsaal – und das, obwohl mit Frank Martins „Polyptyque“ und Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta gleich zwei Werke des 20. Jahrhunderts auf dem Programm standen. Oder vielleicht gerade deswegen?
Es ist ja eine komplizierte Sache mit moderner Musik. Die Werke der Nachkriegsavantgarde haben den Weg in die Konzertprogramme nach wie vor nicht gefunden (und werden es vermutlich nie), doch in deren Schatten gab und gibt es durchaus Komponisten, die ihre Zeitgenossenschaft nicht verleugnen, aber abseits von Neutönerdogmen einen persönlichen Stil gefunden haben. Dazu gehört der Genfer Frank Martin, zu dessen letzten Werken – er starb 1974 – „Polyptyque“ für Violine und zwei kleine Streichorchester zählt. Das Stück basiert auf einer Altartafel des Malers Duccio di Buonsinsegna von 1310 mit Szenen der Passionsgeschichte, die Martin auf hoch expressive Weise vertont hat. Gestenreich, beredt und tief von Spiritualität durchdrungen ist diese Musik, die sich mitunter diskret auf die Tonalität zurückbezieht: von enormer Wirkung ist der reine Durschluss am Ende des „Image de la chambre haute“ (Abendmahl). Damit dieses Meisterwerk seine Wirkung entfalten kann, braucht man Musiker, die nicht nur die nötige Einfühlung mitbringen, sondern die in der Partitur angelegte Farbigkeit auch in Klang setzen können. Beides war an diesem Abend gegeben. Von Seiten des präzise, wie aus einem Guss musizierenden Orchesters, aber auch von der Solistin Mirjam Tschopp, deren rotgolden abschattierter Geigenton sich ideal in den Gesamtklang einfügte.
Zuvor hatte sich das SKO einer anderen Art musikalischer Szenerie gewidmet: Heinrich Bibers Suite „La Batallia“, eine Art musikalische Kriegsgroteske, die mit ihren einkomponierten Dissonanzen sowohl die Kakophonien in Mozarts Dorfmusikantensextett vorwegnimmt als auch einige Spieltechniken moderner Musik, wie das später „Bartók-Pizzicato“ genannte Schnalzenlassen der Saiten aufs Griffbrett. Mit Bartók ging´s dann nach der Pause weiter, wobei Chefdirigent Matthias Foremny vor ihrer formidablen Aufführung dessen zwar weithin bekannte, aber eher selten aufgeführte „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ zunächst einer pointierten, mit Klangbeispielen unterfütterten Analyse unterzog. Recht hat er: nicht jeder weiß, was eine Engführung ist. Und man versteht allemal besser, was man hört, wenn man weiß, wie es aufgebaut ist. Chapeau, SKO!  (STZN)

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