29
Okt

Kay Johannsens „Credo in Deum“ in der Stiftskirche

Auf ausgetretenen Pfaden

 

War es noch zu Brahms´ Zeiten durchaus üblich, dass Musiker nicht nur Virtuosen auf ihrem Instrument waren sondern dazu noch komponierten und dirigierten, so sind derartige Multitalente heute rar geworden. Insofern darf man sich glücklich schätzen, mit Kay Johannsen einen Stiftskantor zu haben, dessen Kompetenzen als Organist und Dirigent unbestritten sind, der darüberhinaus aber auch zunehmend als Komponist in Erscheinung tritt. Bilden kürzere Werke wie Choralbearbeitungen und Psalmvertonungen für Chor und/oder Orgel das Gros seiner Werke, so wurde sein bisher vermutlich ambitioniertes Werk nun im Rahmen der Stunde der Kirchenmusik in der Stiftskirche uraufgeführt: Credo in Deum heißt das einstündige, mit Orchester (Stiftsphilharmonie Stuttgart), Chor (Stuttgarter Kantorei) und vier ausgezeichneten Vokalsolisten umfangreich besetzte Werk, das Johannsen zum 500-jährigen Reformationsjubiläum geschrieben hat. Den lateinischen Credotext hat Johannsen mit ins Englische übersetzten Texten aus Luthers Kleinem Katechismus ergänzt – wobei er wohl gespürt hat, dass die darin formulierte Glaubensgewissheit mit dem Zweifel heutiger Menschen an Gottes allumfassender Fürsorge angesichts der Schrecken der Welt nicht so recht in Einklang zu bringen ist. „…Do I believe?“ oder „…Is this most certainly true?“ lässt er so die Sänger fragen, das lutherische Bekenntnis in Zweifel ziehend. Ob das reicht, um dem Werk zeitgenössische Relevanz zu verleihen ist freilich die Frage, denn musikalisch bewegt sich Johannsen trotz seiner kompositionstechnischen Souveränität in ausgetretenen Pfaden. Manche expressiven Mittel wie Paukengrollen, chromatische Schärfungen der Tonalität oder Beckenschläge an Kulminationspunkten wirken heute verbraucht, manche instrumentatorische Details wie bloße Garnitur.
Dass Johannsen mit kleineren Formen möglicherweise besser zurechtkommt, zeigte sein zu Beginn gespieltes, im Rahmen des Kirchentags 2015 uraufgeführtes „…ihrer ist das Himmelreich“. Mit seinem emphatischen Duktus reißt es den Hörer fast soghaft mit – ein Stück ohne Längen, mit wunderbar ins Gesamtgewebe eingebauten Solostimmen, bei dem sich die Beschränkung auf die reine Tonalität nicht als Manko sondern als Bescheidenheit vermittelt: es möchte nicht mehr sein, als es ist.

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