Beiträge im Archiv November 2017

20
Nov

Menahem Pressler spielt Mozartsonaten

Es ist kein Mangel an exzellenten Gesamteinspielungen der Klaviersonaten Mozarts. Man sollte also schon einen guten Grund haben, die Diskografie um eine weitere Aufnahme zu bereichern, und da darf man die Unternehmung des jetzt 93-jährigen Menahem Pressler schon tollkühn nennen. Vor zweieinhalb Jahren hat der Pianist die erste CD mit drei Mozartsonaten herausgebracht, nun folgt mit den Sonaten KV 333 und KV 457 sowie der Fantasie KV 475 die zweite. Aber abgesehen davon, dass Pressler, falls er in dem Tempo weitermacht, bei der letzten Veröffentlichung schon die Hundert überschritten haben dürfte und bei allem Respekt, den man dem Hochbetagten für seine Lebensleistung zollen muss: konkurrenzfähig ist diese Aufnahme nicht. Beim Konzert mag die Aura des Künstlers manches kompensieren, auf der CD kommen die pianistischen Defizite schonungslos ans Licht. Holprige Tonleitern, verhuschte Triller, trotz bedächtiger Tempi werfen ihn schon die Sechzehntel im 3. Satz von KV 333 fast aus der Spur, von klanglicher Gestaltung ganz zu schweigen. Alfred Brendel wäre das nicht passiert.

Menahem Pressler. Mozart Sonaten KV 333 und KV 457, Fantasie KV 475. La dolce volta 34 (Vertrieb Harmonia Mundi).

17
Nov

Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielten im Beethovensaal

Saft und Kraft

Als Anne-Sophie Mutter ankündigte, dass sie ihre erste Zugabe, den elegischen dritten Satz aus Tschaikowskis „Souvenir d´un Lieu Cher“, Lothar Späth widmen würde, dürfte wohl nur wenigen im Beethovensaal bewusst gewesen sein, dass dieser 16. November der Geburtstag des im März dieses Jahres verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten ist.
Wie die Geigerin mit Späth (nicht nur) Erinnerungen an liebgewonnene Orte verbindet, teilt sie auch eine lange Zusammenarbeit mit Krzysztof Penderecki. Mehrfach schon hat die Geigerin bei dem polnischen Komponisten – am 23. November wird er 83 – Werke in Auftrag gegeben, darunter das „Duo concertante“, für das Lambert Orkis kurzzeitig dem Kontrabassisten Roman Patkoló Platz machen musste. Der ist wie Mutter ein ausgewiesener Virtuose – durchaus wichtig, lässt das Stück doch die alte Tradition des „concertare“, des instrumentalen Wettstreitens, wieder aufleben. Kurzweilig treten dabei die Instrumente in einen Dialog, mal mit einer Stimme sprechend, mal vernehmlich streitend. Neue Musik, die man gut hören kann, wie Pendereckis Werke ohnehin meist die erfreuliche Eigenschaft besitzen, dass das kompositorische Material nicht die Expression dominiert – was Anne-Sophie Mutter insofern entgegenkommt, als sie eine Ausdrucksmusikerin par excellence ist. In Verbindung mit ihrer technischen Perfektion und dem Luxusklang ihrer Stradivari kann das unwiderstehlich sein: bei welchen anderen Musikern wäre ein Kammermusikabend im Beethovensaal ausverkauft?
So goutierte das Publikum auch ein Stück wie Pendereckis 2. Violinsonate, das beiden Instrumentalisten technisch einiges abverlangt und mit seinen vielfältigen thematischen Querbezügen und seiner emotionalen Dringlichkeit wie ein Kompendium menschlicher Seelenzustände wirkt: Hoffnung, Verzweiflung, Glück – alles hat hier seinen Platz. Nicht nur hier merkte man, was ein in jahrzehntelanger gemeinsamer Arbeit gewachsenes, „blindes“ Verständnis bedeuten kann: Lambert Orkis scheint im Voraus schon zu wissen, was seine berühmte Partnerin musikalisch beabsichtigt, die dabei eindeutig die Führungsrolle besetzt hält. Eine Arbeitsteilung, die der Qualität keinen Abbruch tut, eint doch beide ein gesunder Schuss musikantischer Spielfreude. Das wurde schon beim Eingangsstück, Brahms´ Scherzo aus der „F-A-E“-Sonate deutlich, das sie mit Saft und Kraft und souverän-virtuosem Aplomb lässig hingelegt hatten.
Ein perfekter Abend also, wäre da nicht Anne-Sophie Mutters anfechtbares Bachspiel. Die zweite Partita mit der berühmten Chaconne hatte sie sich ausgesucht, doch nicht erst in diesem (Schluss-)satz wurden Mutters Schwierigkeiten mit Musik offenbar, in der Form und Architektur eine maßgebliche Rolle spielen. Wo artikulatorische und klangliche Differenzierung nötig wäre, setzte Mutter auf Eloquenz: etüdenhaft, mitnichten tänzerisch huschte da nicht nur die Gigue vorüber, die Chaconne zerfiel ihr nicht nur aufgrund seltsamer Tempowechsel in Einzelteile. Drei brahmssche „Ungarische Tänze“ gab´s dafür als Zuckerl am Ende – gewaltig im Anschluss der Enthusiasmus im Saal, sodass der eingangs genannten Zugabe mit „Jamaican Rhumba“ und Musik aus „Schindlers Liste“ zwei weitere folgten.

3
Nov

Die Corea/Gadd Band spielte im Hegelsaal

Es war im Jahr 1972, als die erste Platte von Chick Coreas Formation Return to Forever erschien. Ein Jahr zuvor hatte John McLaughlin mit seinem Album „The Inner Mounting Flame“ den Fusionjazz auf ein neues Komplexitätslevel gehoben, und auch Corea selbst hatte zuvor als Bandmitglied von Miles Davis schon einiges zur Elektrifizierung des Jazz beigetragen. Härter, schneller, technischer – das war damals der Trend, und umso überraschender konnte einem der Sound von „Return to Forever“ vorkommen: melodisch inspirierter Kammerjazz, der mit Ausnahme von Stanley Clarkes E-Bass – auf der B-Seite spielt er Kontrabass – und Coreas Fender Rhodes Piano komplett auf akustischen Instrumenten gespielt wurde. Weniger war mehr in dieser feinen Musik, die eine große Freiheit atmete. Die Engelsstimme von Flora Purim, der Frau des Perkussionisten Airto Moreira, passte dazu perfekt.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Nach dem zweiten Album „Light as a feather“ orientierte sich auch Return to forever stärker in Richtung Fusionjazz, wozu auch der Schlagzeuger Steve Gadd seinen Teil beitrug, der nun zusammen mit Chick Corea und vier handverlesenen Musikernim Rahmen der Jazz Open Nights im Hegelsaal einen grandiosen Konzertabend spielte. Souveräner, fesselnder, technisch hochkarätiger als von dieser Band kann Jazz heute kaum sein – und das lag zum großen Teil an den beiden Protagonisten Corea und Gadd selbst. Corea, der von der linken Seite aus an Yamahaflügel, E-Piano und Keyboard die Fäden zieht, und Gadd, der, in seiner gewohnt tiefen Sitzposition, am rechten Bühnenrand den Rhythmus vorgibt. Der venezolanische Perkussionist Luisito Quintero ergänzt Gadds Schlagzeugspiel, das in seiner ökonomischen Differenziertheit immer noch einzigartig ist mit südamerikanischen Texturen, Steve Wilson brilliert an Saxofon und Querflöte. Und was man heutzutage als Bassist draufhaben kann, zeigt der gebürtige Kubaner Carlitos Del Puerto. Der ist nicht nur ein Wahnsinnstyp am E-Bass, auch solch flinkfingrige Kontrabass-Soli, wie er sie in höchsten Lagen zaubert, hat man noch kaum je gehört. Als Gitarrist schließlich ist Lionel Loueke mit von der Partie, den die Jazzfans erst im Sommer beim Auftritt von Herbie Hancock bei den Jazz Open im Hof des Alten Schlosses hören konnten. Dass sich der zum Ziel gesetzt hat, einen eigenen Stil jenseits klassischer Vorbilder zu entwickeln, war damals schon zu merken, wobei – und das bleibt der einzige Krititpunkt an diesem Abend – seine jauligen Synthesizersounds mit der Zeit ein wenig nerven können. Ansonsten aber liefert er sich ein ums andere Mal hoch spannende Dialoge mit Corea, der an diesem Abend, anders als bei seinem etwas kaltschnäuzigen Auftritt mit Branford Marsalis bei den Jazz Open 2016, in auffallend aufgeräumter, dem Publikum zugewandter Stimmung ist.

Die Stücke stammen überwiegend aus dem neuen, demnächst erscheinenden Album „Chinese Butterfly“, darunter auch eines aus der Feder von Gitarrengott John McLaughlin. Musik, die auf souveräne Manier den Bogen über die Jazzhistorie schlägt – wie in „Serenity“, wo sich aus einem versonnenen Klavierintro heraus allmählich Strukturen herauskristallisieren und in ein lateinamerikanisch inspiriertes Rhythmusgeflecht übergehen. Dieser souveräne Umgang mit Genres und Stilen macht einen Großteil der Klasse des Konzerts aus: diese Jungs haben alles drauf, aber sie müssen es nicht mehr beweisen. Den Schlusspunkt setzt die Band mit zwei Stücken aus frühen Return to Forever-Zeiten. Zunächst das gleichnamige Titelstück des ersten Albums. Statt Flora Purim singt Lionel Loueke, und auch sonst ist die Fragilität des Originals, analog zu unseren härter gewordenen Zeiten, einem robusteren Zugriff gewichen. Bei der Zugabe schließlich, „Spain“, übt Corea mit dem Publikum noch ein wenig Mitsingen. Am Ende ist alles gut. Alle sind glücklich, die Zuhörer erheben sich, die Musiker nehmen sich in den Arm. Und zuhause legt man noch einmal die alte Return to Forever-Scheibe auf.

1
Nov

Das Sirius Quartet in Stuttgart

Symbiose der Kulturen

Am Tag nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten, so erzählt der Geiger Gregor Hübner, habe er mit der Komposition begonnen. Und wirklich: Hübners Ingrimm über den desaströsen Wahlausgang kann man seinem Stück „New World, Nov. 9 2016“ durchaus anhören, das er nun beim Konzert seines Sirius Quartet im Theaterhaus gespielt hat. Anlass für die Komposition war ein Wettbewerb, den die New Yorker Philharmoniker ausgeschrieben hatten – mit der Vorgabe, für ein neues Werk Themen aus Dvoraks neunter Sinfonie zu verwenden, die in den USA einst zum Synonym für die neue nationale Sinfonik wurde. Und so hat Hübner, der in Stuttgart geboren wurde und seit langem in New York lebt, das berühmte Englischhornthema aus dem Largo gründlich durch den Fleischwolf gedreht und es in neue rhythmische und harmonische Kontexte gestellt. Herausgekommen ist ein pointiert vielschichtiges, kurzweiliges Stück, für das Hübner, wie er bei der Ansage leicht schwäbelnd und quasi nebenbei bemerkt, den ersten Preis des Wettbewerbs gewonnen hat.
Seit über zehn Jahren gibt es nun das Sirius Quartet. Mit traditionellen Streichquartetten hat es eigentlich nur noch die Besetzung gemeinsam, musikalisch geht es insofern neue Wege, als es überwiegend Eigenkompositionen spielt, innerhalb derer Improvisation ein integrales Element darstellt. Jazz, Pop, Weltmusik und zeitgenössische E-Musik gehen dabei derart homogen ineinander auf, dass man den abgenutzten Begriff Crossover darauf gar nicht anwenden möchte: was die vier Musiker da im Lauf der Jahre entwickelt haben, darf als dezidiert eigener Stil durchgehen. Eine Symbiose unterschiedlicher Kulturen, aus der sich die individuellen musikalischen Sozialisationen der einzelnen Musiker aber durchaus heraushören lassen. Bei Hübners Stücken etwa schimmern immer wieder Reminiszenzen an den argentinischen Tango Nuevo durch. Bei den von repetitiven Mustern durchzogenen Kompositionen des Cellisten Jeremy Harman meint man Einflüsse der minimal music zu erkennen, während der aus Malaysia stammende Geiger Fugh Chern Whei auf subtile Manier Folklorismen mit neuer Musik verbindet.
Alle Stücke des Sirius Quartet eint, dass ihre, vor allem rhythmische, Komplexität niemals in Kompliziertheit umschlägt: das bleibt immer fasslich und hörbar, was vielleicht auch an der Arbeitsteilung innerhalb des Ensembles liegt. Groovende Patterns des Cellisten bilden oft die Basis für solistische Höhenflüge der beiden auch technisch beschlagenen Geiger, zuverlässig assistiert vom Bratschisten Ron Lawrence, der als einziger nicht als Komponist in Erscheinung tritt. So schlägt das Sirius Quartet einen grandiosen Bogen über die Musik unserer Zeit, die selbstverständlich auch Pop mit einschließt: „Eleanor Rigby“ von den Beatles setzt an diesem Abend den fulminanten Schlusspunkt. (STZN)