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Nov

Die Corea/Gadd Band spielte im Hegelsaal

Es war im Jahr 1972, als die erste Platte von Chick Coreas Formation Return to Forever erschien. Ein Jahr zuvor hatte John McLaughlin mit seinem Album „The Inner Mounting Flame“ den Fusionjazz auf ein neues Komplexitätslevel gehoben, und auch Corea selbst hatte zuvor als Bandmitglied von Miles Davis schon einiges zur Elektrifizierung des Jazz beigetragen. Härter, schneller, technischer – das war damals der Trend, und umso überraschender konnte einem der Sound von „Return to Forever“ vorkommen: melodisch inspirierter Kammerjazz, der mit Ausnahme von Stanley Clarkes E-Bass – auf der B-Seite spielt er Kontrabass – und Coreas Fender Rhodes Piano komplett auf akustischen Instrumenten gespielt wurde. Weniger war mehr in dieser feinen Musik, die eine große Freiheit atmete. Die Engelsstimme von Flora Purim, der Frau des Perkussionisten Airto Moreira, passte dazu perfekt.

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Nach dem zweiten Album „Light as a feather“ orientierte sich auch Return to forever stärker in Richtung Fusionjazz, wozu auch der Schlagzeuger Steve Gadd seinen Teil beitrug, der nun zusammen mit Chick Corea und vier handverlesenen Musikernim Rahmen der Jazz Open Nights im Hegelsaal einen grandiosen Konzertabend spielte. Souveräner, fesselnder, technisch hochkarätiger als von dieser Band kann Jazz heute kaum sein – und das lag zum großen Teil an den beiden Protagonisten Corea und Gadd selbst. Corea, der von der linken Seite aus an Yamahaflügel, E-Piano und Keyboard die Fäden zieht, und Gadd, der, in seiner gewohnt tiefen Sitzposition, am rechten Bühnenrand den Rhythmus vorgibt. Der venezolanische Perkussionist Luisito Quintero ergänzt Gadds Schlagzeugspiel, das in seiner ökonomischen Differenziertheit immer noch einzigartig ist mit südamerikanischen Texturen, Steve Wilson brilliert an Saxofon und Querflöte. Und was man heutzutage als Bassist draufhaben kann, zeigt der gebürtige Kubaner Carlitos Del Puerto. Der ist nicht nur ein Wahnsinnstyp am E-Bass, auch solch flinkfingrige Kontrabass-Soli, wie er sie in höchsten Lagen zaubert, hat man noch kaum je gehört. Als Gitarrist schließlich ist Lionel Loueke mit von der Partie, den die Jazzfans erst im Sommer beim Auftritt von Herbie Hancock bei den Jazz Open im Hof des Alten Schlosses hören konnten. Dass sich der zum Ziel gesetzt hat, einen eigenen Stil jenseits klassischer Vorbilder zu entwickeln, war damals schon zu merken, wobei – und das bleibt der einzige Krititpunkt an diesem Abend – seine jauligen Synthesizersounds mit der Zeit ein wenig nerven können. Ansonsten aber liefert er sich ein ums andere Mal hoch spannende Dialoge mit Corea, der an diesem Abend, anders als bei seinem etwas kaltschnäuzigen Auftritt mit Branford Marsalis bei den Jazz Open 2016, in auffallend aufgeräumter, dem Publikum zugewandter Stimmung ist.

Die Stücke stammen überwiegend aus dem neuen, demnächst erscheinenden Album „Chinese Butterfly“, darunter auch eines aus der Feder von Gitarrengott John McLaughlin. Musik, die auf souveräne Manier den Bogen über die Jazzhistorie schlägt – wie in „Serenity“, wo sich aus einem versonnenen Klavierintro heraus allmählich Strukturen herauskristallisieren und in ein lateinamerikanisch inspiriertes Rhythmusgeflecht übergehen. Dieser souveräne Umgang mit Genres und Stilen macht einen Großteil der Klasse des Konzerts aus: diese Jungs haben alles drauf, aber sie müssen es nicht mehr beweisen. Den Schlusspunkt setzt die Band mit zwei Stücken aus frühen Return to Forever-Zeiten. Zunächst das gleichnamige Titelstück des ersten Albums. Statt Flora Purim singt Lionel Loueke, und auch sonst ist die Fragilität des Originals, analog zu unseren härter gewordenen Zeiten, einem robusteren Zugriff gewichen. Bei der Zugabe schließlich, „Spain“, übt Corea mit dem Publikum noch ein wenig Mitsingen. Am Ende ist alles gut. Alle sind glücklich, die Zuhörer erheben sich, die Musiker nehmen sich in den Arm. Und zuhause legt man noch einmal die alte Return to Forever-Scheibe auf.

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