Beiträge im Archiv April 2018

27
Apr

Dallapiccolas „Der Gefangene“ und Rihms „Das Gehege“ an der Staatsoper Stuttgart

Schlappes Wappen

Folter und Unterdrückung finden anderswo statt. In den Internierungslagern von Diktaturen, in Nordkorea oder Syrien etwa, doch wenn uns Bilder davon erreichen, dann sind es meist nur ein paar Sekunden in den Nachrichten. Kurz gesehen, schnell vergessen. „Wir leben doch in einer Demokratie“ könnte man einwenden. Das haben die Türken auch gedacht. Man hat sich an die Freiheit gewöhnt – obwohl jeder geschichtsbewusste Zeitgenosse weiß, dass diese keine Selbstverständlichkeit ist.
Vor diesem Hintergrund können Opernaufführungen wie der Doppelabend mit Luigi Dallapiccolas „Der Gefangene“ und Wolfgang Rihms „Das Gehege“ jenseits ihrer ästhetischen auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung haben. Die Koproduktion mit dem Brüsseler Theater La Monnaie/De Munt, die dort schon im Januar dieses Jahres Premiere hatte, ist nun auch in Stuttgart zu sehen, und speziell Dallapiccolas Stück geht dabei in einer Weise unter die Haut, wie man es auch am Stuttgarter Haus lange nicht erlebt hat – zuletzt vielleicht bei Richard Strauss´ „Salome“ unter der Regie von Kirill Serebrennikov.
Im Mittelpunkt des 1949 komponierten Werks steht ein Häftling, der aus unbekannten Gründen eingesperrt ist und von seinem Wärter angedeutet bekommt, dass vielleicht eine Chance auf Befreiung besteht. Mit „Fratello“, Bruder, spricht ihn der Wärter an – ein Wort, auf das er jene Hoffnung knüpft, die sich am Ende als vergeblich herausstellen wird. Die geöffnete Tür seines Käfigs führt direkt zum Scheiterhaufen. Trotz seiner historischen Verortung im 16. Jahrhundert, während der Zeit der spanischen Inquisition, ist es ein politisches Werk von eminent aktueller Brisanz. Kein Wunder, dass es während des Kalten Kriegs das meistgespielte zeitgenössische Musiktheaterstück war, lässt es sich doch als Fundamentalkritik an jedweder autokratischen Herrschaft lesen, unter welchen politischen Vorzeichen auch immer. Es wäre ein Leichtes für die Regie gewesen, aktuelle Bezüge einzuflechten, die Weltlage böte genügend Anknüpfungspunkte. Allerdings waren die Regisseurin Andrea Breth und ihr Bühnenbilder Martin Zehetgruber klug genug, eben dies nicht zu tun, wirkt diese Inszenierung durch das Fehlen jeder greifbaren Konkretion doch umso stärker.
Die Bühne ist ein Niemandsland, ein kafkaeskes Verlies mit grauen Wänden und (zunächst) einem Käfig, in dem der Gefangene kauert und imaginäre Dialoge mit seiner Mutter führt. Da aber auch Narration etwas tröstliches Vertrautes hat, löst Andrea Breth die Erzählebene mittels scharfer Schnitte und Lichteffekte in einzelne Tableaus auf, was die Künstlichkeit nochmals verstärkt. Das Grauen bleibt diffus, und umso stärker wirkt die Musik Dallapiccolas, die zwar auf Zwölftönigkeit gründet, in ihrer hochexpressiven Vielschichtigkeit aber nichts Sperriges hat, sondern purer Ausdruck ist. Dabei gibt es Stellen, die in ihrem verführerischen Klanggestus fast wie Puccini klingen, andere sind von derartig apokalyptischer Wucht, dass man meinen könnte, das Jüngste Gericht stünde vor der Tür.
Wo es so ums Ganze geht, wäre mit Schönsängern wenig auszurichten, und insofern darf es als großes Glück gelten, in Stuttgart für die Hauptrolle den Tenor Georg Nigl zu haben. Der 45-jährige Österreicher, der hier schon in Rihms „Jakob Lenz“ triumphiert hat, gilt als Spezialist für Partien, in denen seelische Grenzzustände ausgelotet werden und verzehrt sich auch in „Der Gefangene“ darstellerisch und sängerisch mit Haut und Haaren. Das Publikum dankt es ihm am Ende mit Ovationen.
Dass Andrea Breth auch in Wolfgang Rihms „Das Gehege“ den Käfig als zentrale Metapher einsetzt mag damit zu tun haben, dass sie beide Werke verklammern möchte. Allerdings kann dies die Tatsache nicht verdecken, dass diese – abgesehen von der hochexpressiven Musik – weniger miteinander zu tun haben als die Regie glauben machen will. Während Dallapiccolas Werk trotz der seelischen Entäußerungen des Protagonisten primär politisch verstanden werden will, ist Rihms „Das Gehege“ ein symbolistisches, weit in die archaische Welt des Mythos ausgreifendes Stück. Als Text hat Rihm den Schlussabschnitt aus Botho Strauß´ Drama „Schlusschor“ verwendet, dessen historischer Bezugspunkt – die deutsche Wiedervereinigung – für den Autor den Anlass bildet, über den Verlust von Kategorien wie Pathos und nationaler Identität zu reflektieren.
Ähnlich wie in Schönbergs Melodram „Erwartung“, das Botho Strauß nach eigener Aussage zu dem metaphorisch aufgeladenen Text inspiriert hat, stehen dabei die Triebregungen einer offenbar schwer traumatisierten Frau im Mittelpunkt. In ihrem Handeln offenbart sich die Sehnsucht nach einem in nationaler Geschichte verankerten Selbstbewusstsein, wobei der Adler als deutsches Wappentier gleichzeitig Staatsmacht und Projektionsfläche für erotische Begierden ist. „Hol Dir alles, was ein Greif herausschlägt aus den Weichen eines….brrr!….Menschen“ singt sie und wirft dem Vogel lüsterne Blicke zu. Der freilich, merklich altersmüde, ist an sexuellen Annäherungsversuchen seitens hysterischer Damen nicht interessiert, was bei der Frau zunächst zu Frustration und dann zu Gewalt führt. „Schlappes Wappen!“ nörgelt sie, bevor sie ihn mit dem Messer erlegt. Am Ende hängt sie selber wie ein Greif an den Gitterstäben, „Wald, Wald, Wald, Wald“ sind ihre letzten Worte. Das klingt alles etwas überspannt und ist es auch, doch auch wenn „Das Gehege“ nicht an die Brisanz von Dallapiccolas Stück heranreicht, so bildet es in der vokalen und darstellerischen Hingabe, mit der Ángeles Blancas Gulín diese Rolle verkörpert doch eine adäquate Ergänzung. Franck Ollu führt auch hier das Staatsorchester mit sicherer Hand durch die hochkomplexe Partitur, und als Georg Nigl, der darin eine stumme (Adler-)Rolle spielt, zum Schlussapplaus wieder auf die Bühne kommt brandet der Beifall erneut auf. Ein hoch spannender Abend, weniger für Opernkulinariker als für jene, die in der Kunst nach Wahrheit suchen.

13
Apr

Das SWR Symphonieorchester unter Thomas Søndergård

Ahnung des Schreckens

Ist Kunst in der Lage, die Schrecken des Krieges adäquat auszudrücken? Oder bleibt ein Bild wie Picassos „Guernica“ trotz des darauf dargestellten Leids nicht doch auf eine bestimmte Art schön, Objekt ästhetischen Genusses? Und ist, aufs Musikalische bezogen, Prokofjews sechste Sinfonie trotz schneidender Holzbläsereinwürfe, grellem Blech und den dumpfen Schlägen der großen Trommel, die an Bombeneinschläge denken lassen, nicht letztlich doch ein grandioses, goutierbares Stück Sinfonik? Die kluge Programmatik des Konzerts mit dem SWR Symphonieorchester im Stuttgarter Beethovensaal gab den Anstoß, über derlei ästhetische Fragen nachzudenken, indem es drei Werke kombinierte, die auf unterschiedliche Weise die Lebensumstände ihrer Komponisten reflektieren.
Dabei weist der Titel von Thomas Adès´ sinfonischem Erstling „…But all shall be Well“ auf den begründeten Optimismus eines im England der Nachkriegszeit aufgewachsenen Künstlers, dessen Talent in diesem Stück sehr eindrücklich zum Ausdruck kommt. Melodie ist nicht wichtig, auf Klang kommt es an! – so lautet die Botschaft des Stücks, das nicht mehr sein will als eine brillante Etüde.
Anders als Benjamin Brittens Violinkonzert. Britten schrieb es kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, doch sind die kompositorischen Mittel, mit denen er das kommende Unheil andeutet, subtil – eine unterschwellig spürbare Unruhe wie vor einem Gewitter zeichnet das Werk aus, das von der famosen Julia Fischer in all seinen atmosphärischen Facetten ausgeleuchtet und von Thomas Søndergård am Pult des SWR Orchesters einfühlsam gestaltet wurde.
Nach der Pause dann Prokofjews Sechste. Es-Moll, sechs B. Hier bricht sich der Schrecken klanglich Bahn. Schon der erste Satz etabliert einen Trauermarsch, das Largo ist ein großes Lamento, das finale Vivace dann kulminiert in zwei schaurigen Clustern, fortissimo, mit einem Totentanz als Coda.
Das ist großartig gespielt, und – ganz klar, Kunst, kein Krieg. Doch ist der gar nicht soweit weg.