Brodmann VC7 – On the top

Brodmann VC7 in Ziricote
Ein Lautsprecher ohne Eigenschaften
Es war im Mai 2012 auf der High End in München (siehe den Messebericht dazu), als ich, eine Stunde vor Schließung, zufällig am BRODMANN-Hörraum vorbeikam. Schwer zu sagen, warum ich ausgerechnet dort noch reingeschaut habe, denn ich war eigentlich schon reichlich erschöpft von unzähligen, oft wenig erquicklichen Vorführungen. War es das Logo, das mich ansprach, weil es Tradition und Qualität vermittelte? Jedenfalls ging ich hinein und war sofort fasziniert von dem, was da, wenn auch nur leise, zu hören war. Kurz gesagt: Das klang nicht nach Hifi, das klang nach Musik. Es spielte die VC7, die größte Box der Vienna Classic-Reihe, betrieben mit einem kleinen Vollverstärker von Electrocompaniet. Die Lautsprecher standen recht eng und auch sonst waren die Hörbedingungen nicht ideal, und doch zog mich der Klang sofort in seinen Bann. Vergleichbares hatte ich auf der Messe noch nicht gehört. Ich kam ins Gespräch mit Bernd Gruhn, dem CEO von Brodmann Acoustics, der mir einiges über die technischen Hintergründe erklärte, schließllich stellte er mir sogar in Aussicht, ein Paar VC7 zum Testen nach Hause zu bekommen. Wobei ich zugegeben skeptisch war: ob die Brodmann an meine Dynaudio Confidence 5 herankommen könnten, jene Lautsprecher, für deren adäquate Elektronik ich mich finanziell jahrelang verausgabt hatte?
Ich machte mir erst mal wenig Gedanken darüber. Aber dann, nach einigen Wochen, kamen zwei Pakete aus Wien. Darin ein Paar Brodmann VC7 in einem traumhaft schönen Ziricote-Furnier, schon optisch eine Wucht. Ich befreite sie aus der Verpackung, zog die feine Kunststoffhülle ab, mit der der Hochglanzlack versiegelt war, schraubte die Diamond Cones an. Mit einem gewissen ehrfürchtigen Respekt schloss ich sie an, winkelte sie ein wenig ein, setzte mich auf mein Hörsofa.
Und traute erstmal meinen Ohren nicht.
Das war er. Das war der Klang, den ich mir von einer Hifianlage immer erträumt hatte: völlig unangestrengt, frei, bis ins kleinste Detail auflösend und ohne einen Anflug von Verfärbung, so, als sei der Lautsprecher eigentlich gar nicht vorhanden. Der Abend wurde lang. Ich experimentierte noch ein wenig mit der Aufstellung und hörte dann eine CD, bzw. SACD nach der anderen. Und kam aus dem Staunen nicht heraus, was alles darauf zu hören war. Ich nahm Details wahr, die selbst mein Sennheiser HD 800, ein Kopfhörer der Referenzklasse, betrieben am sehr guten Kopfhörerverstärker der Accuphase C-3800 nicht vermittelte.
Bei jedem Hören entdecke ich wieder neue Feinheiten. Die VC7 ermöglicht regelrecht Einblicke in den Aufnahmeraum: jede Nuance in puncto Aufstellung, Dynamik, Klang lässt sich mit Leichtigkeit mit nachvollziehen, fast als wäre man bei der Aufnahme dabei. Bei Schlagzeugbeats kann ich plötzlich kleine, nachgezogene Hallfahnen wahrnehmen, auch bei ganz dezentem Backgroundgesang sind die einzelnen Stimmen klar auseinanderzuhalten, die Anordnung eines Kammermusikensembles im Raum ist nachgerade plastisch greifbar. Einzelne Tracks einer CD (keine Sampler!) sind in ihren jeweiligen unterschiedlichen räumlichen und klanglichen Differenzierungen klar zu unterscheiden: wenn vorher die Stimme eines Sängers auf einer CD immer ungefähr gleich klang, so hört man nun Varianten.
Dazu ist die VC7 verdammt schnell, was damit zusammenhängen dürfte, dass die Box nicht gedämpft ist. Man kennt eine solche Offenheit und anspringende Lebendigkeit allenfalls von Elektrostaten, denen dann aber meist eine gewisse tonale Körperlosigkeit eigen ist, vom kritischen Bassbereich ganz zu schweigen. Der sehr körperhafte Klang der VC7 dagegen basiert auf einem profunden, völlig natürlichen und niemals aufgeblähten Bass, der völlig bruchlos an die mittleren Register angebunden ist. Zu den Favourites in meiner Plattensammlung zählen die Trio- und Quartettaufnahmen mit Keith Jarrett, und egal ob Palle Danielsson oder Gary Peacock – realistischer stand ein Kontrabass noch nicht in meinem Wohnzimmer.
Zunächst war mein Eindruck, dass die Positionierung der Instrumente im Stereoraum im Vergleich mit meinen Dynaudios nicht ganz so exakt wäre. Nach längerem Hören stellte sich aber heraus, dass die Bühnenabbildung einfach mehr in die Tiefe gerückt ist – die VC7 haben eine wesentlich stärkere dreidimensionale Darstellung. Die Brodmann sind allerdings keine Monitorlautsprecher, die einzelne Klangereignisse quasi mit dem Sezierbesteck freilegen: die Details erscheinen immer eingefügt in einen Klangraum.
Es erscheint schwierig, Attribute für den Klang der VC7 zu finden, die über „authentisch“ oder „natürlich“ hinausgehen. Klingen die Höhen brillant? Oder eher seidig? Nein, sie klingen so, wie sie bei natürlichen Instrumenten klingen müssen, einfach richtig. Wenn man es zusammenfasst, ist das vielleicht das Frappierendste an der Brodmann VC7: es ist ein Lautsprecher ohne Eigenschaften, der nichts anderes tut, als das ihm anvertraute Signal verlustfrei in Klang umzusetzen.

Die Mittel-Tieftöner
Das dahinterstehende technische Konzept unterscheidet sich grundsätzlich von dem aller anderen Lautsprecherhersteller.
Hans Deutsch
Entwickelt wurden die Brodmann-Lautsprecher von dem Akustiker Hans Deutsch, einem Pionier der deutschen Boxenentwickler. Ursprünglich für die Firma Bösendorfer, deren Lautsprechersparte 2009 von Brodmann einer anderen Wiener Klaviermanufaktur, übernommen wurde. Die beiden wichtigsten Elemente des “akustisch-aktiven Prinzips“ sind dabei der patentierte, sogenannte Horn Resonator und die Acoustic Boards. Letztere sind an der Außenseite angebrachte Holzflächen, die durch die im Inneren entstehende Luftsäule angeregt werden und leicht mitschwingen (anders als in diversen Foren zu lesen ist, schwingt das Gehäuse der Box nicht) und damit den Bassbereich trägheitslos vergrößern. Das Unglaubliche ist nämlich: trotz des bis 27 Hz hinabreichenden Bassbereichs besitzt die VC7 keine extra Basstreiber! Neben den prominent platzierten beiden Hochtönern hat jeder Lautsprecher an beiden Seiten noch zwei 14-cm-Treiber, die für den gesamten restlichen Frequenzbereich verantwortlich sind. Kaum zu glauben. Aber es funktioniert, und wie!
Extrem wichtig für die außergewöhnliche Performance scheint mir zu sein, dass die Box keine Dämpfung hat. Keine Dämmmatten, kein Schaumstoff, nichts. Nach Hans Deutsch Auffassung beeinträchtigt nämlich jede künstliche Beeinflussung, ob mittels Dämmung oder Elektronik, den natürlichen Klang. Auch der Einsatz von Frequenzweichen ist aufs Nötigste beschränkt. Die VC7 ist, wie die meisten Brodmann-Lautsprecher, verstärkerunkritisch. Mit einem Wirkungsgrad von 91dB sind sie auch mit einem Röhren- oder Class A-Verstärker gut zu betreiben. Allerdings brauchen sie, um ihre Qualitäten ausspielen zu können, eine sehr gute Elektronik – was an Signal nicht reinkommt, kann auch nicht in Schall umgesetzt werden.
Die Optik
Die handwerkliche Ausführung der Brodmann-Lautsprecher ist ein Thema für sich. Vielen mag die Optik ihrer Lautsprecher egal sein, wer sich aber für Ästhetik, edle Hölzer und Craftsmanship begeistern kann, den dürften Brodmann-Lautsprecher in Entzücken versetzen. Wie die Klavierbaulegende Bösendorfer behandelt auch Brodmann seine Lautsprecher wie Instrumente. Die Flächen sind in hochglänzender Klavierlackoptik, insgesamt werden acht Lackschichten aufgebracht, die Ausgestaltung der Ecken und Kanten ist perfekt. Schon die einfachste Ausführung der Lautsprecher in Klavierlack schwarz hebt sich ab vom üblichen Standard, zum Schwärmen sind aber die wunderbaren Furniere. Wie etwa das abgebildete Ziricote-Furnier (siehe Fotos), das nur einmal gebaut wurde, aber auch die diversen Wurzelholzfurniere oder das spektakuläre Makassar. Serienmäßig mitgeliefert sind messingfarbene Spikes, die sich perfekt in die Bodenplatte einfügen lassen, auf schwingenden Böden empfiehlt die Firma die “Black Diamond Cones”, die zusätzlich für Entkopplung sorgen sollen.
Der Preis
Solche Qualität hat ihren Preis. Nach Liste kostet ein Paar VC7 in der Klavierlackausführung um die 15 000 Euro, die Furniervarianten liegen bei deutlich über 20 000.-. Das scheint viel – doch kosten andere Toplautsprecher, die nicht annähernd so gut klingen (und auch lange nicht so gut aussehen), mitunter deutlich mehr.
Fazit
Zum ersten Mal in meinem über 30-jährigen Streben nach dem besseren Klang habe ich das Gefühl, so allmählich am Ziel angekommen zu sein. Ich will versuchen, das zu begründen: Wenn in Anton Bruckners dritter Sinfonie d-Moll gegen Ende des vierten Satzes das Blech ff -Akkorde über dauergrollenden Pauken und tremolierenden Violinen bläst, dann kann das in guten Aufführungen so ein Moment zwischen Himmel und Erde sein: man meint, gleich hebe der Konzertsaal ab. Ich war lange der Überzeugung, dass solche Musik, was die Darstellung anbelangt, so etwas wie eine natürliche Grenze für Hifi-Anlagen darstellt. Es bleibt, so dachte ich, einfach ein Unterschied, ob man vor 140 Musikern in einem großen Saal oder zuhause vor 2 Lautsprechern sitzt. Seitdem ich die BRODMANN VC7 besitze, haben sich diese Grenzen zumindest verschoben. Bruckners Dritte in der Live-Aufnahme mit den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache klingt jetzt über meine Anlage in einer Weise authentisch, dass ich in diesem Fall die technische Wiedergabe den meisten Konzerten vorziehen würde. Nun haben sich die BR-Techniker bei der Aufnahme auch merklich angestrengt: wohl ahnend, dass der Konzertmitschnitt nach dem Ableben des Reproduktionsverweigerers Celibidache zu einem unschätzbaren Tondokument werden würde, ist hier eben auch der Raum ausgezeichnet eingefangen.
Jedenfalls vermögen es die BRODMANN, befeuert durch die Accuphase M-2000, diese Aufnahme in ihrer markerschütternden Präsenz und Wucht in mein Wohnzimmer zu transportieren, ohne dass ich das Gefühl hätte, dass an Auflösung, Dynamik oder Bassgewalt irgendetwas fehlen würde. Mehr kann Hifi eigentlich nicht leisten.
Dass diese exzeptionellen Lautsprecher in Deutschland so wenig bekannt sind, hat, wie ich mitbekommen habe, unterschiedliche Gründe. Obwohl Hans Deutsch seit Jahrzehnten erfolgreich Lautsprecher baut, sind seine Konzepte, gerade auch in den Redaktionen von AUDIO, Stereo & Co., durchaus umstritten. Dazu kommt, dass Bösendorfer, was Marketing anbelangt, wohl massive strategische Fehler gemacht hat, die u.a. dazu geführt haben, dass allerhand Fehlinformationen über die Lautsprecher kursieren. Die Firma BRODMANN versucht nun, verlorenes Terrain wieder gutzumachen, indem sie vor allem auf den Kontakt mit den Kunden, das individuelle Hörerlebnis setzt. Das scheint mir der richtige Weg zu sein: wer natürlichen Klang sucht und diese Lautsprecher einmal gehört hat, ist für das meiste, was der Markt so bietet, erst mal verloren.