Beiträge der Kategorie ‘High End München 2014’

9
Jun

Messebericht High End 2014

 

Noch nie war ich so gespannt auf eine Hifi-Messe wie dieses Mal, hatten sich doch noch nie so viele interessante Aussteller angekündigt. Ich hatte mir sogar 3 Tage Zeit genommen, um auch einen großen Teil davon abklappern zu können – geschafft habe ich dann doch nicht alles. Aber der Reihe nach.

Bevor ich mich an die Liste meiner Pflichtbesuche machte, ging ich erstmal so auf gut Glück los – schließlich stößt man ja manchmal auch aus Zufall auf interessante Sachen. Also rein in den
Raum von

Estelon

Estelon Extreme

Estelon Extreme

Wie der Firmenname schon andeutet (Estonia), stammt die Boxenschmiede aus Estland. Nach München hatten sie ihr Topmodell Extreme mitgebracht, ein mannshohes, aus 2 Modulen zusammengesetzes Trumm, das optisch etwas gewöhnungsbedürftig war und von Vitus Elektronik befeuert wurde. Die Chassis stammen von Accuton, und wie der Vorführer betonte, konnte man je nach Musikgeschmack die Raumabbildung in der Höhe verändern: Klanglich nachvollziehen konnte ich es nicht so richtig, dafür fiel mir auf, dass die Lautsprecher trotz ihrer Imposanz dynamisch irgendwie gedeckelt, nicht wirklich frei klangen. Die Stimme einer Sängerin war eindeutig zu hell timbriert, dafür fuhren einem bei einem Stück mit elektronischer Musik die (Sub-)Bässe mächtig in den Magen. Nun ja.

Dann ein kleiner Abstecher zu

dCS

dcs mit Wilson

dcs mit Wilson

Der Digitalspezialist führte seine Komponenten mit Endstufen von D´Agostino und Lautsprechern von Wilson vor. Eine Anlage, die sicher mehrere Hunderttausend Euro kostet, deren verwaschenes, belegtes Klangbild aber sehr enttäuschte. Hoher monetärer Aufwand ist kein Garant für guten Klang.

Sonus Faber

Sonus Faber Amati

Sonus Faber Amati

Ebenfalls mit Elektronik von D´Agostino, dem neuen Vollverstärker nämlich, spielte in der Vorführung von audio components die Sonus Faber Amati. Ich habe hier ziemlich lange zugehört, da ich dem Erfolg dieser Lautsprecher, die mir rein optisch gut gefallen, ein bisschen mehr auf die Spur kommen wollte: ich kann tatsächlich gut verstehen, warum das vielen gefällt. Es ist ein angenehmer, durchaus hoch aufgelöster  Klang, den man vielleicht als süffig bezeichnen könnte. Die Bässe sind rund, (etwas zu füllig für mein Empfinden), dafür die Höhen etwas gemildert, ohne matt zu sein. Es gibt zweifellos neutralere Lautsprecher, die die Musik unverfälschter transportieren. Aber nicht alle mögen das.

Big is beautiful

Big is beautiful

Gespart wurde nur am Kabel

Gespart wurde nur am Kabel

Nur den Kopf schütteln konnte man freilich bei der wohl befremdlichsten Vorführung der gesamte Messe: hier liefen insgesamt sieben (!) fette  McIntosh Endstufen an einer Sonus Faber, ich glaube der AIDA, in der Mitte ein Bigscreen. Darauf liefen einige Musikvideos, manchmal auch nur Musik, sofern man den ohrenbetäubenden Krach so bezeichnen möchte. Angeschlossen waren die Lautsprecher allem Anschein nach mit Kabel-Meterware – was letzlich auch konsequent war, klang es doch wie eine miese PA-Anlage. Mich packte nach ein paar Minuten der Bloß-raus-hier-Reflex.

Tannoy/Straussmann

Boom, boom!

Boom, boom!

Ebenfalls eher was für Hartgesottene war die Vorführung der Tannoy Westminster mit Elektronik von Straussmann. Diese Vorführung war quasi der Gegenentwurf zum zeitgeistigen Design-Hifi von Devialet & Co: eine Wucht die mächtigen Holzaltare von Tannoy mit dem prominent angebrachten Riesenwoofer im Zentrum, dazu passten die nach industrieller Frühzeit  aussehenden  Art Déco-Geräte von Straussmann. Ein auf seine Art konsequentes Retro-Fest mit Lautstärke im gefühlten dreistelligen db-Bereich. Boom, boom! Aber Achtung: Nur für harte Männer!
Weicheier wie ich verzogen sich da schnell in agreablere audiophile Zonen, etwa in den Raum von

Franco Serblin

Franco Serblins "Ktema"

Franco Serblins „Ktema“

Der Gründer von Sonus Faber, im letzten Jahr verstorben, baute nach dem Verkauf seiner Firma in eigener Regie weiter Lautsprecher: die Modelle Ktema und Accordo. Erstere, eine wunderschön gemachte Vier-Wege-Box in ungewöhnlicher, nach hinten konkav zulaufender Form, wurde mit super-exklusiver Röhrenelektronik der Schweizer Firma Amati betrieben und zählte für mich zu den herausragenden Vorführungen dieser Messe. Bemerkenswert war nicht bloß, dass auch das vorgeführte Musikmaterial abseits des üblichen Messe-Mainstreams war: das war endlich mal kein verfärbtes, auf Effekt getrimmtes Hifi, sondern eine ungemein realistische, klangfarbentreue und extrem hoch aufgelöste Wiedergabe, die mir sehr gut gefiel.
Der Preis für die Ktema ist beachtlich: 27.500 – in Relation zu manch völlig überteuertem Zeug auf der Messe aber durchaus angemessen.

Grimm

Einen ebenfalls guten Eindruck hatte ich von Grimm. Der holländische Hersteller baut Aktivboxen, die etwas merkwürdig altbacken aussehen, deren Design aber ausschließlich akustische Gründe hat. Nun bin ich, zugegeben, eigentlich kein großer Aktiv-Fan, und wenn ich DSP höre, gehen bei mir die Alarmlampen an, denn in der Regel ist das klangliche Ergebnis technisch und künstlich. Die Entwickler der Grimm LS1 aber scheinen es hingekriegt zu haben, den Frequenzgang so zu harmonisieren, dass es sehr natürlich, räumlich, gut aufgelöst und feindynamisch klingt. Einzig die Bassqualität empfand ich auf eher durchschnittlichem Niveau, und etwas körperhafter geht es sicher auch noch. Der Preis ist mit 25.000 Euro hoch, aber für das Gebotene durchaus angemessen.

MBL

Edelelektronik, goldbeknöpft

Edelelektronik, goldbeknöpft

Reingeschaut, bzw. -gehört habe ich wieder mal bei MBL. Ich kenne ja ziemlich viele, für die die MBL-Vorführungen immer die absoluten Messe-Highlights darstellen, nicht zuletzt deshalb wollte ich mir einen aktuellen Eindruck verschaffen. Meine Einschätzung von deren Produkten, zumindest von den vorgeführten, hat sich aber auch nach dieser Hörsession nicht geändert: Das ist gutes Hifi zu absurden Preisen, das bei mir keinerlei Haben-Wollen Reflex auslöst. Am überzeugendsten war die Vorführung einer Orgelaufnahme, das brauste schon sehr imponierend und füllte mächtig den Raum – wie in einer Kirche. Nun benötigt eine Orgel aber auch wenig räumliche Definition, und die folgende Solocelloaufnahme brachte dann die Defizite dieser Kette schonungslos ans Licht. Der Bass einfach viel zu dick aufgetragen, vor allem die Höhen nicht gut aufgelöst – die typischen Anstreichgeräusche des Bogens waren kaum zu hören. Noch unrealistischer klang eine Trompete: fett und viel zu groß, fast mit dem Timbre eines Tenorsaxofons.
Was die Preisgestaltung und die Optik anbelangt, so schein man bei MBL aber ohnehin weniger den typischen Audiophilen im Visier zu haben, sondern eher auf gut betuchte russische, bzw. arabische Kundschaft zu setzen. Die Radialstrahler kosten allein 190.000.-, die weißen Elekronikkomponenten  zwischen 20.000.- und 40.000.-. Dafür haben sie auch Goldknöpfe.

Soulution/Magico

Nervig: Magico

Nervig: Magico

Auch die Vorführung des Schweizer Herstellers von Edelelektronik Soulution zusammen mit Lautsprechern von Magico beeindruckte vor allem mit hohen Preisen. Die Qualität der Elektronik war allerdings kaum zu beurteilen: denn an diesen in der Fachpresse völlig überbewerteten Lautsprechern klingt wahrscheinlich keine Elektronik gut: die Box nervt einfach mit zischeligen S-Lauten, den Schärfen im Hochton und dem merkwürdig gedeckelten Klangbild, das sich nicht von den Membranen lösen will.  Ob´s vielleicht auch an der Vovox-Kabeln lag?

En passant

Hier wie immer noch ein paar Kurzeindrücke.
Wie immer auf hohem Niveau war die Vorführung bei TAD: extrem sauber, detailliert, dass ich davon dennoch nach kurzer Zeit genug hatte, lag vermutlich an dem etwas technischen, leicht sezierenden Grundklang. Obwohl es eigentlich objektiv nichts zu meckern gab war das eine Anlage, bei der ich nicht wirklich entspannen konnte.  Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass das menschliche Ohr sehr sensibel auf Störungen reagiert – selbst wenn der Verstand nichts auszusetzen hat, besitzt der Gehörsinn sein eigenes Verständnis von tonaler Wahrheit.

Sauber, aber technisch: TAD

Sauber, aber technisch: TAD

 

 

 

 

 

 

Ähnliches würde ich von Nubert sagen, deren Hörraum einer der am besten besuchten der gesamte Messe war. Ja, der Schorndorfer Hersteller hat sich ein treues Stammpublikum erarbeitet, was nicht von ungefähr kommt: denn das ist zwar nicht der audiophile Traum, aber gutes Hifi ist es allemal – und das, anders als bei TAD, zu sozialverträglichen Preisen.

Nichts Wertendes werde ich über die Vorführungen von TIDAL und Brodmann Acoustics schreiben, biete ich doch die Produkte beider Firmen in meinem Studio an. Allenfalls sei erwähnt, dass TIDAL sein neues Lautsprechermodell Contriva G2 vorgestellt hat und Brodmann seine Lautsprecher mit der sehr avancierten Elektronik von Thrax präsentierte. Auf die Neuauflage der Piano Cera von TIDAL (die dann Piano G2 heißen wird) muss man dagegen offiziell noch bis nächstes Jahr warten – mit etwas Glück aber ist sie bereits im Herbst in meinem Studio zu hören.

Große Boxen, kleiner Raum: Marten

Große Boxen, kleiner Raum: Marten

Eine superteure Anlage hatte auch der schwedische Hersteller Marten in einem viel zu kleinen Raum aufgebaut. Über die Qualität kann man ehrlicherweise nicht viel sagen, da die Monsterlautsprecher Coltrane Supreme 2 (Preis über 230.000.-) wohl einen weitaus größeren Hörabstand benötigt hätten als hier möglich war. Die Elektronik kam von darTZeel, verkabelt war mit Strippen von Jorma Design, und den Strom lieferte ein Power Conditioner von Gigawatt.

Ordentlich klang auch die Vorführung von Devialet mit Lautsprechern von B&W, wenn man mal von den bekannt aufgedickten Bässen dieser Lautsprechermarke absieht.

The Vario`s

Hifi macht Spaß: The Vario´s

Hifi macht Spaß: The Vario´s

Und auch was richtig Lustiges gab es auf dieser High End, das ich keinesfalls unter den Tisch fallen lassen möchte: The Vario´s nennt sich die italienische 3-Mann-Firma, die die wohl originellsten und lustigesten Lautsprecher der Welt baut – eigentlich eher Designobjekte, die darüberhinaus aber gar nicht mal schlecht klingen. Diese Skulpturen vermitteln sogar eine Botschaft, die sich manch verbissener High End Fanatiker mal hinters gestresste Ohr schreiben könnte (da will ich mich selber gar nicht ausnehmen…): Letztendlich geht es darum, Freude zu haben an der Musik. Und etwas Spaß kann nie schaden.