Beiträge der Kategorie ‘Kulturkritik’

17
Jul

Die Jazz Open in Stuttgart

Fitte Jazz-Senioren

 

„Let the good times roll“ – der Rhythm & Blues Standard, den einst Ray Charles berühmt machte, bildete den Abschluss der Jazz Open in Stuttgart und könnte gut als Motto für das diesjährige Festival dienen. Denn nicht nur beim Schlusskonzert mit Quincy Jones, Dee Dee Bridgewater und George Benson wurden die guten alten Zeiten des Jazz beschwört, insgesamt dominierten die Senioren zumindest die Hauptacts auf der open air-Bühne auf dem Schlossplatz. „We play some vintage music“ bekannte etwa Steve Winwood, 69, bei seinem Auftritt innerhalb der Blues Rock Night am Freitag. Der ehemalige Frontmann von Traffic mag nicht mehr so virtuos Gitarrespielen wie einst, seine Stimme aber hat ihr charakteristisches Timbre nicht verloren, und so war sein Auftritt mit Titeln wie „Low Spark of High Heel Boys“ oder „Can´t Find my Way Home“ ebenso ein musikalischer Nostalgietrip in die 60er und 70er Jahre wie der folgende Auftritt der Bluesgitarrenlegende Buddy Guy. Der 80-jährige hatte merklich Spaß daran, das Publikum mit geschredderten Licks aus den höchsten Lagen seiner Fender Stratocaster zu traktieren und spielte ansonsten, was von ihm erwartet wurde: ehrlichen, erdigen Blues.
Körperlich wirkte er dabei fast so fit wie Herbie Hancock. Dessen Auftritt im heimeligen Ambiente des Alten Schlosses war gerade deshalb ein Highlight des Festivals, weil er nicht bei seinen Wurzeln stehengeblieben ist, sondern mit seiner hochkarätig besetzten Band (darunter Ex- Frank Zappa-Drummer Vinnie Colaiuta) den aktuellen Stand des elektrifizierten Jazz eindrucksvoll demonstrierte.
Ebenfalls Größe bewies ein anderer 77-Jähriger: Tom Jones. Sein umjubeltes Konzert war nicht nur eine Reminiszenz an die goldenen Zeiten des Pop der 60erJahre mit Hits wie „Delilah“ oder „It´s Not Unusual“, vor allem machte er mit seiner starken Band klar, was dem Pop heutzutage meist fehlt: Können, Stil und Geschmack. Denn Jones sang nicht nur mit einer nach wie vor warmen, ausdrucksstarken Stimme, sondern präsentierte sich dabei als Entertainer von internationalem Format, der sein Schaffen aus fünf Jahrzehnten Revue passieren ließ und dabei auch en passant Blues, Gospel und Country streifte.
War bei seinem Auftritt die Generation 50plus weitgehend unter sich, hatte zwei Tage zuvor Jan Delay mit seiner Band Disko No.1 ein junges Publikum auf dem Schlossplatz zum Tanzen gebracht. Partystimmung allenthalben, ähnlich wie am Montag bei Jazz Open-Dauergast Jamie Cullum, den das Stuttgarter Publikum offenbar ins Herz geschlossen hat – wobei man es als zumindest unglücklich bezeichnen darf, dass der grandiosen Norah Jones an dem Abend nur die undankbare Rolle einer Quasi-Vorgruppe geblieben war. Und auch wenn die großen Namen naturgemäß am meisten Beachtung fanden, gab es doch auch im Jazzclub BIX den ein oder anderen Höhepunkt: von der hypertalentierten, gerade mal 20-jährigen polnischen Bassistin Kinga Glyk etwa dürfte man noch hören. (Südkurier)

16
Jul

Von Liebe und Schmerz

„Airs de cours“ heißen die Strophenlieder, die ihre Blütezeit im 17. Jahrhundert hatten, wo sie am französischen Hof von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. intensiv gepflegt wurden. Begleitet von der Laute, handeln sie meistens von der Liebe, die hier selten glücklich, dafür in ihrer Klage umso beredter ist. Komponisten wie Michel Lambert, Kapellmeister am Hof Ludwigs XIV., aber auch Gabriel Bataille und der berühmte Jean-Baptiste Lully übten sich in dieser feinen Kunst, die im Vergleich zum italienischen Madrigal diskreter und weniger direkt erscheint, was die Darstellung von Affekten anbelangt. Heute sind die höfischen Gesänge weitgehend vergessen, doch damit dies nicht so bleibt, haben die französische Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis und der italienisch-schweizerische Lautenist Luca Pianca einige der schönsten aufgenommen. „Sous l´empire d´ Amour“, („Unter der Herrschaft der Liebe“) ist dabei ein treffender Titel für diese Lieder, die das Duo stilistisch profund und klanglich delikat eingespielt hat. Für Kenner und Liebhaber.

Sous l´empire d´ Amour. Marie-Claude Chappuis (Mezzosopran). Luca Pianca (Laute).

Deutsche Harmonia Mundi 88985452312.

14
Jul

Das SWR Symphonieorchester mit Mahler zweiter Sinfonie

Dringlicher Tonfall

 

Dass viele Mitglieder des neuen SWR Symphonieorchesters seltener zum Einsatz kommen als früher liegt daran, dass die Fusion zu Überbesetzungen geführt hat – bis die Sollstärke an Spielern erreicht ist, gilt das Prinzip der Rotation. Dennoch, so dürften die Verantwortlichen beim SWR gedacht haben, wäre es schön, wenn zum Abschluss der ersten Konzertsaison möglichst viele dabei sein könnten – und setzten folgerichtig Mahlers zweite Sinfonie aufs Programm, für die neben einer üppigen Besetzung auch noch ein kleines Fernorchester benötigt wird. Üblicher Konzertroutine entziehen sich Mahlers Sinfonien allerdings nicht nur durch die Zahl der Musiker. Denn Mahler komponierte nicht bloß Musik, sondern Weltentwürfe – insbesondere gilt das für die „Auferstehungssinfonie“, in der die christliche Kernbotschaft eines Lebens nach dem Tod verhandelt wird. Vielen Mahlerfans galt eine Aufführung der Zweiten als Erweckungserlebnis, was freilich nur möglich ist, wenn Dirigent und Musiker den extremen Anforderungen des Werks gerecht werden. Das war am Donnerstag abend im gut gefüllten Beethovensaal der Fall.
Der Dirigent Christoph Eschenbach gab gleich mit dem ersten Einsatz den dringlichen Tonfall vor und machte deutlich, dass hier kein sinfonischer Schönklang gefragt ist. Dabei versuchte er gar nicht erst, das Disparate in Mahler Musik zu glätten (wie es viele Dirigenten tun), sondern ließ die Brüche konsequent ausspielen. Musik als emotionale Grenzerfahrung, bei der Himmel und Hölle, Abgrund und Verklärung ihre klangliche Entsprechung fanden in den spinnwebfeinen Texturen der hohen Streicher wie in den grellen Eruptionen des Blechs. Das Orchester musizierte auf der sprichwörtlichen Stuhlkante – ein überzeugender Saisonabschluss, nicht zuletzt, da mit Christiane Karg (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), dem SWR Vokalensemble und dem Chor des Bayerischen Rundfunks auch die Vokalpartien überragend besetzt waren. Allein das grelle Saallicht hätte man etwas dimmen können.

10
Jul

Igor Levit spielte in Ludwigsburg Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen

Triumph des Willens

Große Kunst ist nicht immer leicht zu haben. Ein Castorf-Theaterabend kann Schauspieler wie Zuschauer an ihre Grenzen bringen, und dass auch klassische Musik mitunter anstrengend ist weiß jeder, der eine Aufführung etwa von Bachs Matthäuspassion oder einer Mahlersinfonie miterlebt hat. Auf der anderen Seite kann, wer sich darauf einlässt und mit allen Sinnen anwesend ist, Erfahrungen machen wie sie nur die Kunst zu bieten hat. Dmitri Schostakowitsch schrieb seine 24 Präludien und Fugen zwischen Oktober 1950 und Februar 1951, nachdem er beim Leipziger Bachfest 1950 die Pianistin Tatjana Nikolajewa gehört und auch mit ihr musiziert hatte. Das Werk ist gleichzeitig eine Hommage an Bachs „Wohltemperiertes Clavier“ wie dessen Neuinterpretation aus dem Geist der Moderne, vor allem aber ist es ein Kompendium menschlicher Gefühlszustände. Verzweiflung und Sarkasmus sind vielen von Schostakowitschs Sinfonien eingeschrieben (und finden sich auch hier), doch welche Facetten von Verspielteit, Glück, Rausch und freundlicher Sanftmut in seiner Musik ebenfalls stecken, zeigte der Pianist Igor Levit nun an einem denkwürdigen Abend im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses. Außergewöhnlich war dabei, dass Levit den kompletten Zyklus an einem Abend spielte – das bedeutet gut 140 Minuten reine Spielzeit plus Pause, was nicht nur eine gewaltige Herausforderung für den Pianisten darstellte, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit der Hörer aufs Äußerste beanspruchte. Doch wer hörte, wurde reich belohnt. Levits eminentes technisches Können ist bekannt, doch vor allem musizierte er die Stücke mit geradezu körperlich spürbaren Emphase und einer nie nachlassenden inneren Spannung, dabei schlug er einen grandiosen Bogen vom zarten Choral des C-Präludiums bis zur weltumspannenden finalen D-Moll-Fuge. Ein Triumph des Willens und der Imagination, am Ende Glück und Erschöpfung auf allen Seiten. (STZN)

 

3
Jul

Florian Boesch und die Musicbanda Franui bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen

Kostbare Stille

Es sind Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. „Kehr ein bei mir/Und schließe du/Still hinter dir/Die Pforte zu“ singt der Bariton Florian Boesch in Schuberts Lied „Du bist die Ruh“, nach einem Text von Friedrich Rückert und wird dabei ganz zart von der Harfe begleitet. Später kommt, wie ein Hauch, noch ein Akkordeon dazu. Wenn Boesch dann in der letzten Zeile „O füll es ganz“ das Licht besingt, das die Geliebte dem eigenen Augenzelt verleiht, und dabei seine Stimme in die Höhe steigen lässt bis sie fast bricht, wagt man kaum noch zu atmen. Manch einem Hörer im Ludwigsburger Scala dürfte da, keine Schande, das ein oder andere Tränchen die Wange benetzt haben – wenn nicht hier, dann am Ende des Konzerts, nach Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, ebenfalls auf einen Text von Rückert, auf das lange Sekunden der Stille folgen, ehe der Applaus einsetzt.
Berührender kann Musik kaum sein als bei diesem Konzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele, was umso bemerkenswerter erscheint, als das Programm aus Kunstliedern bestand – einem Genre, das wegen mangelndem Publikumszuspruch des Öfteren totgesagt wurde. Landauf, landab klagen Veranstalter, dass kaum noch einer sich dafür interessiere, auch bei den Schlossfestspiele blieben in der Vergangenheit selbst bei renommierten Künstlern viele Plätze leer.
Vielleicht aber, das hat dieser Abend gezeigt, liegt es ja gar nicht an den Liedern von Schubert, Schumann oder Brahms, dass sich nur so wenige dafür erwärmen können. Sondern an der Art, wie sie vorgetragen werden. Zwei befrackte Herren betreten den Saal, der eine nimmt am Steinway Platz, der andere stellt sich mit ernster Haltung daneben und trägt mit sauberer Konsonantenbildung Ergötzliches vor – so ist das leider häufig. Florian Boesch dagegen, leger gekleidet in Jeans und Sweatshirt, sang zwar mit klassisch geschulter Stimme, doch auf eine ganz und gar unprätentiöse, natürliche Art, ungekünstelt in Körpersprache und Deklamation. Begleitet wurde er von dem zehnköpfigen Ensemble Franui. Die Osttiroler Musicbanda ist regelmäßig Gast in Ludwigsburg und gilt als führend, was die Dekonstruktion klassischer Musik unter volksmusikalischen Vorzeichen anbelangt, will sagen: sie holt die Musik von Schubert und Mahler mit Instrumenten wie Hackbrett, Geige und Akkordeon aus den Wirtshäusern und von den Tanzböden – im Falle Mahlers auch von den Friedhöfen: mit Trauermärschen hat die Karriere von Franui einst angefangen. Dabei sind ihre Arrangements keineswegs rustikal, sondern, wie ihre instrumentalen Fähigkeiten, höchst ausgefeilt, gleichwohl behält die Musik etwas sympathisch Geerdetes – der Ballast des klassischen Konzertrituals erscheint wie weggefegt. Um die Vergänglichkeit, einem bevorzugten Thema des romantischen Lieds, drehte sich das Programm, den Titel „Alles wieder gut“ konnte man in diesem Kontext allenfalls als Trost verstehen. Der schwedische Künstler Jonas Dahlberg ließ dazu, sehr atmosphärisch, als Sinnbild für das unvermeidliche Welken alles Irdischen ein in Zeitlupe verfallendes Schlafzimmer auf den Bühnenhintergrund projizieren. Ein stimmiger Abend, der in Erinnerung bleiben wird. (STN)

19
Jun

Martin Grubinger mit The Percussive Planet Ensemble in Stuttgart

Perkussions-Overkill

Es hat oft mit charismatischen Musikern zu tun, wenn plötzlich Instrumente in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit rücken, die bis dahin eher ein Schattendasein geführt hatten. James Galway gelang dies einst mit der Flöte, Sabine Meyer mit der Klarinette, und auch der aktuelle Boom des Schlagzeugs hat einen Namen: Martin Grubinger. Der Salzburger füllt weltweit die größten Säle und erreicht dabei sowohl das typische Abokonzertpublikum als auch Menschen, die sich weniger für klassische Musik interessieren. Das dürfte daran liegen, dass Grubinger neben zeitgenössischen Kompositionen auch niederschwellige Crossoverangebote im Programm hat. Wie bei seinem aktuellen Projekt „The Percussive Planet Ensemble“, mit dem er am frühen Sonntagabend im fast ausverkauften Beethovensaal aufgetreten ist. Der Titel deutet schon an, dass es hier um Weltmusik geht: Der Abend solle einen Überblick über das geben, was in den letzten 100 Jahren im Bereich Perkussion auf der Welt passiert ist, sagte Martin Grubingers gleichnamiger Vater, der auch die die Arrangements schrieb und erklärte, es gehe im Programm unter anderem um aztekische Götter, den Clash der Religionen und aufeinander zurasende Züge. Und wünschte viel Spaß auf der „Achterbahn der Emotionen“. Dass diese über weite Strecken des Abends eher ein, wenn auch geräuschvoller, Bummelzug war, lag vor allem am Fehlen einer schlüssigen Dramaturgie, die dem gut 130-minütigen Abend (ohne Pause!) so etwas wie Struktur hätte geben können. Das Gerüst, an dem sich das Programm entlanghangelte bildeten nämlich Jazzstandards wie „Watermelon Man“, „Peter Gunn Theme“ oder, wenn wir es richtig gehört haben, „Afro-Blue“ und „Trains“, die von der achtköpfigen Jazzband durchaus versiert gespielt wurden, aber durch die Ergänzung des Drummers um weitere sechs Perkussionisten nicht unbedingt an Qualität gewannen. Die Schlagzeuger waren über die ganze, von Schlaginstrumenten aller Art restlos voll gestellten Bühne verteilt, ein Dauergeklöppel, mitunter nahe am Perkussions-Overkill, und auch nicht immer wirklich im Groove, dem mit Händen und Füßen in der Mitte dirigierenden Grubinger senior zum Trotz. Auch das Ethnische blieb hier überwiegend Dekor, wirklich spannend wurde es, wenn die Schlagzeuger, allesamt Meister ihres Fachs, in kleineren Besetzungen spielten. Sehr eindrucksvoll Rhani Krija, der auf den marokkanischen Trommeln mit polyrhythmischen Raffinessen verblüffte, und auch Martin Grubinger zeigte mit einer atemberaubenden Accelerande-Etüde auf der kleinen Trommel dass er nicht umsonst einen Ruf als Wunderdrummer besitzt. Am Ende Ovationen im Stehen des begeisterten Publikums.

 

15
Jun

Das Werk von Enrique Granados auf sieben CDs

Zwischen Sentiment und Strenge

Auch Debussy und Ravel liebten das spanische Kolorit, einige ihrer bedeutendsten Werke sind davon inspiriert. Klassische Musik aus Spanien findet gleichwohl nur selten den Weg auf unsere Konzertprogramme, obwohl es mit Isaac Albéniz und Enrique Granados zumindest zwei Komponisten gibt, deren Musik sich qualitativ mit der ihrer mitteleuropäischen Kollegen messen kann. Das liegt vermutlich daran, dass der spezifische Tonfall spanischer Musik schwer zu treffen ist: wer sich mit der nationalen Volksmusik, auf die sich viele Werke dieser Komponisten beziehen, nicht auskennt, tut sich schwer damit. Das merkt man auch an dieser CD-Kompilation mit Werken von Enrique Granados, wo sich auf der letzten der insgesamt sieben CDs berühmte Musiker wie Artur Rubinstein oder Jascha Heifetz an „Andaluza“ versuchen, dem bekanntesten Stück aus den „Danzas Espanolas“ – mit mäßigem Erfolg. Wie es klingen muss, zeigt uns dagegen die große Pianistin Alicia de Larrocha. Auf vier der sieben CDs hat sie praktisch Granados gesamtes Klavierwerk eingespielt, von den „Goyescas“ über die „Danzas Espanolas“ bis zu weniger bekannten Sammlungen wie den „Escenas romanticas“ oder „Bocetos“, dem spanischen Pendant zu Schumanns „Kinderszenen“. Die 2009 verstorbene Pianistin bringt sowohl die technische Kompetenz für die zum Teil hoch virtuosen Stücke mit, vor allem aber besitzt sie das Gespür für das typisch spanische, auf einer Balance zwischen Strenge und Sentiment beruhende Idiom. Auf einer weiteren CD ist die junge Montserrat Caballé mit Granados´Orchesterliedern zu hören.

Enrique Granados. The Collection. RCA/Sony. 88985396972. 7 CDs.

1
Jun

Michael Korstick spielt Ginastera

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unseres Musikbetriebs, dass der 62-jährige Kölner Pianist Michael Korstick trotz erstklassiger, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Aufnahmen – vor allem die Gesamtaufnahme der Beethovensonaten machte Furore – immer noch ein Geheimtipp ist. Korstick beherrscht das Klavier wie wenig andere und meistert nicht nur das klassische Repertoire, sondern wird auch immer wieder an dessen Rändern fündig – wie auf dieser sensationellen CD mit dem Klavierwerk von Alberto Ginastera. Der 1982 gestorbene Ginastera gilt als Doyen der argentinischen Musik. Weit davon entfernt, ein bloßer Folkloreveredler zu sein, bildet für Ginastera die Volksmusik seines Landes ähnlich wie bei Béla Bartòk nur den Humus für Kompositionen, die sich künstlerisch auf der Höhe ihrer Zeit befinden. Viele dieser Werke, die Einflüsse von Prokofjew, Ravel und Debussy zeigen, sind pianistisch überaus anspruchsvoll – doch Korstick kommt dank überlegener Technik und Gestaltungskraft nirgendwo an seine Grenzen. Preisverdächtig!

Michael Korstick plays Ginastera. cpo 555 069-2.

22
Mai

Mikko Franck dirigiert Werke von Ravel und Debussy

Zauberoper und verlorener Sohn

Selbst wenn beide Werke auf dieser Doppel-CD „Enfant“, also „Kind“ im Titel haben, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Debussy komponierte „L´Enfant prodigue“ als 22-jähriger Student des Pariser Conservatoire, um damit ím zweiten Anlauf den Prix de Rome zu gewinnen. Wer es nicht weiß, würde allerdings kaum Debussy als Komponisten vermuten. Denn der pathossatte Ton der gut halbstündigen Kantate über das Thema des verlorenen Sohns erinnert mehr an Massenet, wenngleich Mikko Franck am Pult des fabelhaften Orchestre Philharmonique de Radio France das ansatzweise vorhandene debussysche Parfum im Orchestersatz herauszuarbeiten weiß. Interessant ist das Stück aber gleichwohl, nicht zuletzt wegen der exzellenten Vokalsolisten.
Demgegenüber ist die Märchenoper „L´Enfant et les Sortilèges“ eines von Ravels Meisterwerken, in dem der Komponist die Welt der Kindheit auf eine höchst artifizielle Art beschwört: Tiere können sprechen, Gegenstände erwachen zum Leben, Spuk, Traum und Albtraum durchdringen sich auf poetische Weise, wobei es die Musik ist, die dies alles ausdrückt – szenisch wird das Stück deshalb selten aufgeführt. Der Finne Mikko Franck, sicher einer der interessantesten Dirigenten seiner Generation, entwirft auf dieser Neueinspielung Ravels Zauberwelt mit enormer Imaginationskraft und zeigt, wieviel Skurrilität, Witz und Finesse in Ravels Musik stecken. Und da auch seine Sängergarde, allen voran Nathalie Stutzman und Sabine Devieilhe, höchsten Ansprüchen gerecht wird, kann man diese Neuaufnahme allen Ravel-Liebhabern nur empfehlen.

 

Debussy. L´Enfant Prodigue, Ravel. `L´Enfant et les Sortilèges. Orchestre Philharmonique de Radio France, Ltg. Mikko Franck. Erato 9029 58969-2.

14
Mai

Anne Sophie Mutter spielte mit der Philharmonia Zürich

Aus flüssigem Gold

Heute würde man sagen, es war ein klassischer One-Hit-Wonder. Sein erstes Violinkonzert, das Max Bruch mit 28 Jahren schrieb, avancierte nach einer Revision durch den Geiger Joseph Joachim zu einem der beliebtesten romantischen Werke überhaupt – kaum eine Best-of-Classics-Sammlung, die nicht zumindest den zweiten Satz enthielte. Freilich überstrahlte der Erfolg des Werks auch alles, was Bruch danach komponierte, sehr zum Ärger des Komponisten, der Jahre später in einem Brief an seinen Verleger Simrock klagte: „Ich kann dies Concert nicht mehr hören – habe ich vielleicht bloß dies eine Concert geschrieben? Gehen Sie hin und spielen Sie endlich einmal die andern Concerte, die ebenso gut, wenn nicht besser sind!'“
Sein Wunsch bliebt unerhört. Das erste Konzert blieb ein Dauerbrenner und verspricht Veranstaltern bis heute gut gefüllte Konzertsäle – zumal wenn die Solistin Anne Sophie Mutter heißt, die es nun zusammen mit der Philharmonia Zürich im prall gefüllten Beethovensaal gespielt hat. Mit Karajan und den Berliner Philharmonikern hat die damals 18-jährige Mutter das Konzert 1981 erstmals aufgenommen, schon damals formidabel zupackend. An Temperament hat die heute 53-Jährige nichts eingebüßt, doch ist mit den Jahren eine Souveränität dazugekommen, die ihr Spiel zu einem Mirakel an gelassener Perfektion macht, ohne dass sie dem Stück an Ausdruck und Tiefe etwas schuldig bliebe: weder mangelt es dem ersten Satz an Hingabe noch dem Adagio an erhabener Schwermut. Doch sie übertreibt es nicht mit den Rubati, bleibt auf überlegene Art dezent. Stattdessen setzt sie auf die klangliche Exzellenz ihrer „Lord Dunn-Raven“- Stradivari, die im Vergleich mit der dunkler klingenden „Emiliani“, die sie früher spielte, vor allem in hohen Lagen eine unglaubliche Strahlkraft besitzt. Wie Linien aus flüssigem Gold schimmern ihre Kantilenen, irisierend, schwerelos – schönere Töne kann man auf einer Geige schwerlich produzieren, zumal Fabio Luisi mit dem fabelhaft fein spielenden Orchester die Solistin gerade im Adagio sozusagen auf Daunen bettet.
Mit diesem Konzert wurde dann auch an Pathos nachgeliefert, was manche vermutlich beim Auftaktstück, Toru Takemitsus „Nostalghia“ für Violine und Streichorchester vermisst hatten. Die Inspiration für Takemitsus Stück war Andrej Tarkowskis gleichnamiger Film, und dessen Langsamkeit und rätselhafter Ikonografie entspricht die Musik durch immer wieder neu ansetzende, quasi der Stille abgerungene Dialoge zwischen Geige und Orchester, die sich gegen Ende zu einem schmerzerfüllten Cluster verdichten. Ein auratisches Stück, mit dem die Philharmonia Zürich jene Qualitäten andeutete, die sich nach der Pause mit Brahms´ vierter Sinfonie in grandioser Manier bestätigten. Technisch auf höchstem Niveau – berückend die Homogenität der Streicher, die Delikatesse der Holzbläser, das niemals derbe Blech – zeigte das Orchester, welche Spannung ein bekanntes Werk vermitteln kann, wenn es nur derart schlüssig durchgearbeitet ist wie hier von Fabio Luisi und mit entsprechender Emphase umgesetzt wird. Ein würdiger Abschluss der Meisterkonzertreihe. (STZN)

Nächste Seite »