Beiträge der Kategorie ‘E-Musik’

13
Apr

Das SWR Symphonieorchester unter Thomas Søndergård

Ahnung des Schreckens

Ist Kunst in der Lage, die Schrecken des Krieges adäquat auszudrücken? Oder bleibt ein Bild wie Picassos „Guernica“ trotz des darauf dargestellten Leids nicht doch auf eine bestimmte Art schön, Objekt ästhetischen Genusses? Und ist, aufs Musikalische bezogen, Prokofjews sechste Sinfonie trotz schneidender Holzbläsereinwürfe, grellem Blech und den dumpfen Schlägen der großen Trommel, die an Bombeneinschläge denken lassen, nicht letztlich doch ein grandioses, goutierbares Stück Sinfonik? Die kluge Programmatik des Konzerts mit dem SWR Symphonieorchester im Stuttgarter Beethovensaal gab den Anstoß, über derlei ästhetische Fragen nachzudenken, indem es drei Werke kombinierte, die auf unterschiedliche Weise die Lebensumstände ihrer Komponisten reflektieren.
Dabei weist der Titel von Thomas Adès´ sinfonischem Erstling „…But all shall be Well“ auf den begründeten Optimismus eines im England der Nachkriegszeit aufgewachsenen Künstlers, dessen Talent in diesem Stück sehr eindrücklich zum Ausdruck kommt. Melodie ist nicht wichtig, auf Klang kommt es an! – so lautet die Botschaft des Stücks, das nicht mehr sein will als eine brillante Etüde.
Anders als Benjamin Brittens Violinkonzert. Britten schrieb es kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, doch sind die kompositorischen Mittel, mit denen er das kommende Unheil andeutet, subtil – eine unterschwellig spürbare Unruhe wie vor einem Gewitter zeichnet das Werk aus, das von der famosen Julia Fischer in all seinen atmosphärischen Facetten ausgeleuchtet und von Thomas Søndergård am Pult des SWR Orchesters einfühlsam gestaltet wurde.
Nach der Pause dann Prokofjews Sechste. Es-Moll, sechs B. Hier bricht sich der Schrecken klanglich Bahn. Schon der erste Satz etabliert einen Trauermarsch, das Largo ist ein großes Lamento, das finale Vivace dann kulminiert in zwei schaurigen Clustern, fortissimo, mit einem Totentanz als Coda.
Das ist großartig gespielt, und – ganz klar, Kunst, kein Krieg. Doch ist der gar nicht soweit weg.

26
Mrz

Holger Falk singt Lieder von Hanns Eisler

Im Dienst der Revolution

 

Selbst musikalisch Interessierten fällt zu Hanns Eisler auf die Schnelle meist nur das „Solidaritätslied“ ein, das dieser Ende der 20er Jahre für den Film „Kuhle Wampe“ komponiert hatte. Dabei hat der 1962 in Ostberlin gestorbene Eisler ein umfangreiches Werk hinterlassen, Klavier- und Orchesterwerke, Kammermusik, vor allem aber: Lieder. Fast so viele wie Schubert hat Eisler geschrieben – über 500 insgesamt – wobei er ein ziemlich einzigartiges Talent für hymnentaugliche Melodien besaß. Kein Zufall, dass neben dem Solidaritätslied und der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ jene „Kinderhymne“ besonders bekannt geworden ist, die nach der deutschen Wiedervereinigung als gesamtdeutsche Nationalhymne immerhin diskutiert wurde.
Was es aber alles zu entdecken gibt in Eislers reichem Liedschaffen, das zeigten nun der Bariton Holger Falk und der Pianist Steffen Schleiermacher mit ihrem von der Hugo-Wolf-Akademie veranstalteten Konzert im Hospitalhof, bei dem ihnen von der FAZ-Musikredakteurin Eleonore Büning der Preis der Deutschen Schallplattenkritik für die erste CD ihrer Gesamtaufnahme von Eislers Liedern überreicht wurde.
Dabei war der von Schleiermacher launig moderierte Abend nicht nur musikalisch insofern ein Genuss, da Holger Falk mit seiner wandlungsfähigen Stimme souverän zwischen den Modi Moritatensprechgesang, Balladenton und Kunstlied changierte. Die aus verschiedenen Schaffensphasen Eislers gewählten Liedblöcke erlaubten auch erhellende Einblicke in Eislers Biografie: Zeit seines Lebens verstand sich Eisler als politischer Komponist, der in den frühen, meist in Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht entstandenen proletarischen Kampfliedern und Theaterliedern die Revolution befördern wollte und sich dann in den „Neuen Deutschen Volkslieder“ nach Texten des DDR-Staatsdichters Johannes R. Becher auf fragwürdige Art staatstragend gab. Schleiermachers Verdikt, Eisler sei eine „unbekannte Berühmtheit“ – am Ende des Konzerts galt es zumindest für das Publikum nicht mehr.

 

7
Mrz

Rudolf Buchbinder spielte Beethovens späte Sonaten

Unbeteiligt

Es zählt zu den Mysterien der Musik, dass das, worauf es ankommt, nicht ganz leicht zu haben ist. „Das Wichtigste in der Musik steht nicht in den Noten“, wusste Gustav Mahler, und so kann der Notentext als Chiffre gelten: eine Hilfe für den Interpreten bei der Suche nach jenem Ausdruck, den der Komponist im Sinn hatte. Auch wenn das Ergebnis naturgemäß unterschiedlich ausfällt, so bedarf es dazu vor allem: Einfühlung. Ohne die Fähigkeit des Musikers zur Imagination bleibt auch beschlagenstes Virtuosentum bloßes Handwerk. Die späten Klaviersonaten Beethovens verlangen gar noch mehr – hier sollte der Musiker in der Lage ist, das Manuelle gleichsam zu transzendieren, und das nicht erst in der sphärischen Trillerapotheose, mit der Beethovens seine letzte Sonate op.111 beschließt. Auf jeden Fall verlangt diese Musik ein fühlendes Herz – im Finale der E-Dur Sonate op. 109 weist schon die Satzüberschrift auf die geforderte Haltung hin: „Gesangvoll, mit innigster Empfindung.“
Wenn alles passt, kann der Eindruck gerade dieser Werke gewaltig sein. Man erinnert sich an Abende mit Alfred Brendel oder Grigory Sokolov, nach denen man beglückt, bewegt, nach Hause ging. Umso ernüchternder erschien am Dienstagabend im schwach besetzten Beethovensaal die mechanistisch-kalte Manier, mit der Rudolf Buchbinder Beethovens letzte drei Klaviersonaten herunterspulte. Auch wenn er nie als Charismatiker galt, so hat man ihn doch kaum einmal derart uninspiriert gehört wie an diesem Abend. Ohne spürbare innere Beteiligung absolvierte Buchbinder, der als Beethovenspezialist gilt, diese Gipfelwerke der Klavierliteratur. Keine Aura, nirgends nur ein Hauch von Poesie, Entrücktheit gar. Nicht in den Variationen von op. 109, wo das Thema am Ende profan wiederkehrte, als sei dazwischen nichts passiert, nicht in der grandiosen Fuge von op.110, die etüdenhaft dahinschnurrte und schon gar nicht in den Arietta-Variationen von op.111, die endeten, als würde das Licht ausgeknipst. Der Beifall war höflich, aber endenwollend.

9
Feb

Die King´s Singers im Theaterhaus

Den Markenkern bewahrt

 

Die King´s Singers luden zum Jubiläumskonzert, und viele waren gekommen: annähernd ausverkauft war das T1 des Theaterhauses, als die sechs smarten Herren anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens ihr Programm „Gold“ präsentierten. Keines der jetzigen Mitglieder war geboren, als das Ensemble 1968 von ehemaligen Chorstudenten des King’s College der Universität Cambridge gegründet wurde. Es gab zahreiche Umbesetzungen, zuletzt trat der Countertenor Patrick Dunachie vor 2 Jahren dem Ensemble bei, das sich seinen Markenkern bis heute bewahrt hat: die enorme stilistische Bandbreite von Renaissancemusik bis zu Pop, gesungen auf einem Niveau nahe der Perfektionsgrenze. Das zeigten die in feinem Zwirn und Krawatten gekleideten King´s Singers auch im Theaterhaus, wobei gerade bei Renaissancemusik von Juan Vasquez oder Ludwig Senfl der Umstand schmerzlich ins Gewicht fiel, dass sie nicht in einem Kirchenraum, sondern in der trockenen Akustik des Theaterhauses dargeboten und dazu noch durch Mikrofone verstärkt wurde. Das nahm dem ansonsten hochklassigen Konzert viel von seinem Reiz, ist es doch der betörende, durch die ungewöhnliche Besetzung mit zwei Baritonen dunkel grundierte Stimmklang, der die King´s Singers auszeichnet. Auch die Verblendung der Stimmen litt unter dem nicht vorhandenen Raumklang, gerade auch bei romantischen Gesängen wie denen von Max Reger oder Saint-Saens, wo die Einzelstimmen in den Hörfokus rückten.
Weniger ins Gewicht fiel dies nach der Pause, als es ans populäre Genre ging. Bei raffinierten Arrangements von Jazz- und Popstandards wie Cole Porters „Night and Day“ oder dem Beatlessong „I follow the sun“ zeigten die Sechs ihre ganze vokale Exzellenz, speziell in puncto Intonation: sauberer geht’s kaum. Und unterhaltsamer auch nicht, denn auch was britischen Humor anbelangt, bleiben die neuen King´s Singers der Tradition ihrer Vorgänger treu. Die Schlussovationen nach einer hinreißend zelebrierten Version von Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre fielen entsprechend aus.

30
Jan

Das Stuttgarter Kammerorchester mit Albrecht Mayer

Manchmal ist es an der Zeit, dass Missstände angesprochen werden. Dies war der Fall beim Konzert des von Peter Ruzicka geleiteten Stuttgarter Kammerorchesters im Beethovensaal, und es war der berühmte Oboist Albrecht Mayer, der diese Aufgabe übernahm. Es ging dabei um das Verhalten eines zwar kleinen, aber doch insofern relevanten Teils des Publikums, als dessen fortgesetztes Husten und Räuspern Peter Ruzickas …INS OFFENE… vor allem in dessen letztem, sich in Pianissimobereichen entlangtastenden Abschnitt den Garaus gemacht hatte und auch die folgende Bearbeitung von Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“, in der Mayer die Solooboenstimme blies, immer wieder durch bronchitische Lautäußerungen massiv gestört wurde. Mayer, der seine Ansprache nicht als Belehrung, sondern als Anregung verstanden wissen wollte, nahm dabei vor allem den Umstand aufs Korn, dass manche offenbar der Meinung sind, gerade dann loshusten zu müssen, wenn die Musik besonders leise ist, sich aber um eine Limitierung der eigenen Lautstärke offenbar nicht zu kümmern brauchen. Dezent in die Armbeuge husten – das war Mayers Ratschlag. Genützt hat es wenig.
Schon in der Zugabe nahm das Unheil wieder seinen Lauf, einer Bearbeitung aus Bachs Kantate BWV 21, deren Titel auf sarkastische Weise passend war: Ich hatte viel Bekümmernis.
Das war insofern schade, als dieses Konzert insgesamt auf extrem hohen Niveau war. Ruzickas Stück wirkte in seiner aufgerauten, herb-sinnlichen Textur zunächst wie ein Putzer für die Ohren, die danach mit dem edel gerundeten, bis in höchste Lagen gleichsam entgrateten Oboenton Albrecht Mayers in Ravels fein gesponnener Musik aufs Luxuriöseste verwöhnt wurden. Das runderneuerte SKO erwies sich dabei als so flexibler wie präziser Klangkörper, der seine Klasse nach der Pause in der Orchesterfassung von Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ nachdrücklich unter Beweis stellte: klanglich erlesener und packender kann man diese Nervenmusik kaum spielen. (STZN)

22
Jan

Das Staatsorchester Stuttgart beim vierten Sinfoniekonzert

Aus einem Guss

Vier Jahre arbeitete Lutoslawski an seinem „Konzert für Orchester“, dessen triumphale Uraufführung 1954 eine späte Genugtuung war für den im stalinistischen Polen der Nachkriegszeit verfemten Komponisten. Das Stück ist ein singuläres Meisterwerk, das auf grandiose Manier einen Bogen zwischen Tradition und Moderne schlägt, wobei der Titel „Konzert“ auf die quasi solistischen Passagen anspielt, die speziell von den Bläsern und dem Schlagzeug höchste Virtuosität fordern. Seine Programmierung in einer Abokonzertreihe stellt also eine Herausforderung dar – umso höher ist zu schätzen, mit welcher Bravour und Brillanz das Staatsorchester Stuttgart unter Leitung von Alexander Liebreich dieses Werk beim 4. Sinfoniekonzert gespielt hat. Nun darf Liebreich insofern als Kenner des Werks gelten, als er es zusammen mit dem Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks (dessen Chefdirigent er ist) 2014 aufgenommen hat. Kompetenz, die Folgen hatte: seine stringente Dramaturgie bildete die Basis für das konturenscharfe und auch klanglich strukturierte Spiel des Staatsorchesters, das man lange nicht derart homogen gehört hat.
Begonnen hatte der Abend mit Beethovens erster Sinfonie. Auch diese gründet auf der Tradition, schlägt aber einen euphorischen, in die Zukunft weisenden Ton an, den Liebreich und das Staatsorchester gleich mit dem Beginn des Allegro etablierten. Ein rundum überzeugender Beethoven: kammermusikalisch durchgearbeitet speziell im Andante, mit durchgängig sinnfälliger, klarer Artikulation.
Im Spannungsfeld zweier solcher Meisterwerke hat es ein Stück wie Hugo Hermanns Violinkonzert schwer. Das Werk des 1896 in Ravensburg geborenen Schreker-Schülers atmet den Geist der 20er-Jahre, ohne dabei an die Originalität jener Komponisten wie Weill und Strawinsky heranzureichen, deren Einflüsse es verrät. Eine interessante Begegnung war seine Aufführung gleichwohl, zumal der Geiger Kolja Lessing, der es aus der Versenkung geholt hat, mit spürbarem Ausdruckswillen auch technisch profund musiziert hat. (STZN)

12
Jan

Das Trio Midori/Biss/Lederlin musizierte im Mozartsaal

Das wird man in Zukunft wohl häufiger sehen, dass Musiker nicht mehr ihre Noten vor sich aufschlagen, sondern stattdessen einen Bildschirm aufs Pult stellen, bei dem sich die Seiten per Fußpedal „umblättern“ lassen – sofern man diesen altmodischen Begriff für diesen Vorgang noch verwenden möchte. Beim Kammermusikkonzert im Mozartsaal bediente sich der Pianist Jonathan Biss ebenso dieser Technik wie der Cellist Antoine Lederlin, nur Midori an der Geige blieb dem altmodischen Papier treu. Zumindest um Akkulaufzeiten muss sie sich da keine Gedanken machen…
Das Stuttgarter Konzert war die zweite Station einer kleinen Tournee, die das Trio am kommenden Dienstag mit einem Auftritt in der Londoner Wigmore Hall abschließen wird – und ein nachhaltiger Beleg dafür, dass man nicht unbedingt feste Ensembles braucht, um erstklassige Aufführungen von Klaviertrios erleben zu können. Das Programm bestand aus drei Gipfelwerken der Gattung, die gleichzeitig drei musikalische Haltungen repäsentieren: Beethovens Trio G-Dur op.1/2 steht für musikalischen Intellekt und Esprit, Schumanns Fantasiestücke op. 88 verströmen romantischen Zauber und Phantastik, und Dvoráks groß angelegtes Klaviertrio f-Moll op.65 lotet das Spektrum menschlicher Gefühlszustände zwischen tiefster Niedergeschlagenheit und Optimismus in allen Facetten aus. Nun sind alle drei Musiker ausgewiesene Solisten, die sich hier zu einem Triospiel zusammenfanden, das von Konzentration, Stilbewusstsein und dem spürbaren Willen zu Expressivität gekennzeichnet war. Großartig, wie sie jedem Werk mit einer dezidierten Klanglichkeit entsprachen: Strukturell klar durchgezeichnet bei Beethoven, atmosphärisch fein gewirkt bei Schumann und mit fast sinfonischer Fülle bei Dvorák. Einziger Wermutstropfen an diesem Abend war die Dominanz des Pianisten Jonathan Biss, der Midoris feines Geigenspiel mitunter überdeckte. Klangbalance – da sind feste Klaviertrios dann doch im Vorteil.

--
10
Dez

Das 3. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart

Jeder wie er kann

Wir sind ja heute daran gewöhnt, in Konzerten nur noch jene Meisterwerke zu hören, die die Zeitläufte überdauert haben. In vielen Museen ist das anders, wo auch Bilder jener zahlreichen Kleinmeister zu sehen sind, die gleichwohl repräsentativ waren für die Kunst ihrer Zeit. Insofern darf man die Idee begrüßen, für die Jubiläumsspielzeit des Staatsorchesters Stuttgart – 425 Jahre existiert es nun – ein Werk von Friedrich Wilhelm Kücken, dem einstigen Kapellmeisters der Württembergischen Hofkapelle, aufs Programm gesetzt zu haben. „Waldleben“ ist Kückens Konzertouvertüre betitelt, ein so effekt- wie wirkungsvoll mit den Topoi des Forsts spielendes Stück, dessen rasante Figurationen sogar die eloquenten Holzbläser des Staatsorchesters in Bedrängnis bringen konnten.
Hart war danach der Bruch zu Toshio Hosokawas Mozart-Hommage „Lotus under the Moonlight“ mit Nicolas Hodges als überlegen disponierendem Solisten am Flügel: ein zwischen meditativer Versenkung und oszillierenden Klangballungen changierendes Stück, das die Symbiose zwischen japanischer Reduziertheit und der Komplexität neuer Musik zumindest sucht – und vielleicht noch überzeugender in seiner Wirkung gewesen wäre, hätte Dirigent Sylvain Cambreling sich mehr um klangliche Differenzierung gekümmert. Der Eindruck eines klanglichen Laissez-faire verfestigte sich dann bei Dvoráks neunter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, dem die Dramaturgie aus unerfindlichen Gründen Charles Ives´ berühmtes „The Unanswered Question“ quasi als Präludium voranstellte.
Nicht nur herrschte bei Dvorák in Fortissimopassagen offenbar die Devise: „Jeder so laut wie er kann!“. Gravierender noch wirkte sich die Absenz einer dramaturgischen Konzeption aus. Anstatt den Anfang vom Ende her zu denken, die Teile der Sinfonie in Beziehung zum Ganzen zu setzen, zerfiel Cambreling das Werk in lauter heterogene, unverbundene Teile. Hektisch die Ecksätze, bar jeder Innenspannung das Largo. Das Staatsorchester bleibt da weiter unter seinen Möglichkeiten. (STZN)

20
Nov

Menahem Pressler spielt Mozartsonaten

Es ist kein Mangel an exzellenten Gesamteinspielungen der Klaviersonaten Mozarts. Man sollte also schon einen guten Grund haben, die Diskografie um eine weitere Aufnahme zu bereichern, und da darf man die Unternehmung des jetzt 93-jährigen Menahem Pressler schon tollkühn nennen. Vor zweieinhalb Jahren hat der Pianist die erste CD mit drei Mozartsonaten herausgebracht, nun folgt mit den Sonaten KV 333 und KV 457 sowie der Fantasie KV 475 die zweite. Aber abgesehen davon, dass Pressler, falls er in dem Tempo weitermacht, bei der letzten Veröffentlichung schon die Hundert überschritten haben dürfte und bei allem Respekt, den man dem Hochbetagten für seine Lebensleistung zollen muss: konkurrenzfähig ist diese Aufnahme nicht. Beim Konzert mag die Aura des Künstlers manches kompensieren, auf der CD kommen die pianistischen Defizite schonungslos ans Licht. Holprige Tonleitern, verhuschte Triller, trotz bedächtiger Tempi werfen ihn schon die Sechzehntel im 3. Satz von KV 333 fast aus der Spur, von klanglicher Gestaltung ganz zu schweigen. Alfred Brendel wäre das nicht passiert.

Menahem Pressler. Mozart Sonaten KV 333 und KV 457, Fantasie KV 475. La dolce volta 34 (Vertrieb Harmonia Mundi).

17
Nov

Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis spielten im Beethovensaal

Saft und Kraft

Als Anne-Sophie Mutter ankündigte, dass sie ihre erste Zugabe, den elegischen dritten Satz aus Tschaikowskis „Souvenir d´un Lieu Cher“, Lothar Späth widmen würde, dürfte wohl nur wenigen im Beethovensaal bewusst gewesen sein, dass dieser 16. November der Geburtstag des im März dieses Jahres verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten ist.
Wie die Geigerin mit Späth (nicht nur) Erinnerungen an liebgewonnene Orte verbindet, teilt sie auch eine lange Zusammenarbeit mit Krzysztof Penderecki. Mehrfach schon hat die Geigerin bei dem polnischen Komponisten – am 23. November wird er 83 – Werke in Auftrag gegeben, darunter das „Duo concertante“, für das Lambert Orkis kurzzeitig dem Kontrabassisten Roman Patkoló Platz machen musste. Der ist wie Mutter ein ausgewiesener Virtuose – durchaus wichtig, lässt das Stück doch die alte Tradition des „concertare“, des instrumentalen Wettstreitens, wieder aufleben. Kurzweilig treten dabei die Instrumente in einen Dialog, mal mit einer Stimme sprechend, mal vernehmlich streitend. Neue Musik, die man gut hören kann, wie Pendereckis Werke ohnehin meist die erfreuliche Eigenschaft besitzen, dass das kompositorische Material nicht die Expression dominiert – was Anne-Sophie Mutter insofern entgegenkommt, als sie eine Ausdrucksmusikerin par excellence ist. In Verbindung mit ihrer technischen Perfektion und dem Luxusklang ihrer Stradivari kann das unwiderstehlich sein: bei welchen anderen Musikern wäre ein Kammermusikabend im Beethovensaal ausverkauft?
So goutierte das Publikum auch ein Stück wie Pendereckis 2. Violinsonate, das beiden Instrumentalisten technisch einiges abverlangt und mit seinen vielfältigen thematischen Querbezügen und seiner emotionalen Dringlichkeit wie ein Kompendium menschlicher Seelenzustände wirkt: Hoffnung, Verzweiflung, Glück – alles hat hier seinen Platz. Nicht nur hier merkte man, was ein in jahrzehntelanger gemeinsamer Arbeit gewachsenes, „blindes“ Verständnis bedeuten kann: Lambert Orkis scheint im Voraus schon zu wissen, was seine berühmte Partnerin musikalisch beabsichtigt, die dabei eindeutig die Führungsrolle besetzt hält. Eine Arbeitsteilung, die der Qualität keinen Abbruch tut, eint doch beide ein gesunder Schuss musikantischer Spielfreude. Das wurde schon beim Eingangsstück, Brahms´ Scherzo aus der „F-A-E“-Sonate deutlich, das sie mit Saft und Kraft und souverän-virtuosem Aplomb lässig hingelegt hatten.
Ein perfekter Abend also, wäre da nicht Anne-Sophie Mutters anfechtbares Bachspiel. Die zweite Partita mit der berühmten Chaconne hatte sie sich ausgesucht, doch nicht erst in diesem (Schluss-)satz wurden Mutters Schwierigkeiten mit Musik offenbar, in der Form und Architektur eine maßgebliche Rolle spielen. Wo artikulatorische und klangliche Differenzierung nötig wäre, setzte Mutter auf Eloquenz: etüdenhaft, mitnichten tänzerisch huschte da nicht nur die Gigue vorüber, die Chaconne zerfiel ihr nicht nur aufgrund seltsamer Tempowechsel in Einzelteile. Drei brahmssche „Ungarische Tänze“ gab´s dafür als Zuckerl am Ende – gewaltig im Anschluss der Enthusiasmus im Saal, sodass der eingangs genannten Zugabe mit „Jamaican Rhumba“ und Musik aus „Schindlers Liste“ zwei weitere folgten.

Nächste Seite »