Beiträge der Kategorie ‘Komik und Kabarett’

22
Mrz

Der 20. Stuttgarter Besen im Renitenz-Theater

Man hat´s nicht leicht als Lehrerkind. Immer wissen die Eltern alles besser, doch am schlimmsten ist es, wenn Papi an derselben Schule unterrichtet. „Ich hab´ne 5 in Mathe“, gesteht Bastian zuhause. „Ich weiß“, antwortet der Vater. Unter welchem Druck Lehrerkinder wie Bastian Bielendorfer stehen können, der nun beim 20. Stuttgarter Besen im Renitenz-Theater mit dem Hölzernen Besen ausgezeichnet wurde, erfuhr eine größere Öffentlichkeit im Jahr 2010 in der Sendung „Wer wird Millionär“, als Bielendorfer seinen Vater als Telefonjoker anrief, der ihn mit der Bemerkung abkanzelte „Wie kannst du nur die 8.000 Euro-Frage nicht wissen, das weiß doch jeder!“ und nach – selbstredend korrekter – Antwort kommentarlos auflegte. Bielendorfer jedenfalls schlug aus seinem Leid Kapital. Schrieb drei Bücher, die allesamt Bestseller wurden, wurde Assistent von Harald Schmidt in dessen Show auf Sky und ist mittlerweile regelmäßig im Fernsehen präsent. Den 3. Preis beim Besen wird er gerne mitnehmen – brauchen dürfte er ihn nicht, sein Terminkalender ist auch so prall gefüllt. Verdient hat er ihn gleichwohl, schon allein für seine Nummer mit den Waldorflehrern Cordula und Torben und deren Kind Ludger, das eine Mütze aus „Lama-Schamhaar“ trägt und beim Ausflug mit Bastian zu McDonalds bekennt, dass er Veganer ist. Worauf die Servicekraft hinter der Theke auf die Frage, was es für Veganer gibt, antwortet: „Servietten“.

Doch, Bielendorfer ist lustig, doch auch wenn man bei ihm einiges über die Befindlichkeiten einer bildungsorientierten Mittelschicht erfährt – die neben Lehrern durchaus auch andere Berufsgruppen einschließt – tendiert sein Programm in der Fixierung auf die schnelle Pointe stark in Richtung jener fernsehkompatiblen Comedy, die derzeit hoch im Kurs steht. Irritierendes, Gesellschaftskritisches gar ist seine Sache nicht, anders als bei Lisa Catena, die mit dem Silbernen Besen ausgezeichnet wurde. Auch die Schweizerin nimmt das Selbstverständnis jener Schicht ins Visier, die sich für aufgeklärt hält, schaut jedoch genauer hin – solange, bis sich Widersprüche auftun. So nimmt sie den Wunsch vieler Konsumenten nach jenen Unbedenklichkeitszertifikaten aufs Korn, die Genuss mit gutem Gewissen versprechen, etwa wenn wir Fisch kaufen, der aus „nachhaltiger“ Fischerei stammt. Bald, so vermutet Catena, würde auch bestätigt, dass der Fisch aus freiem Willen angebissen und der Verarbeitung seines Filets zu Fischstäbchen vorab zugestimmt habe. Da kommt man selber ins Grübeln – keine unerwünschte Begleiterscheinung bei einem Kabarettprogramm.

Nur ihre etwas steife Vortragsart dürfte Lisa Catena, die auch für Satiremagazine schreibt, den Sieg gekostet haben. Und wie sie ihre Herkunft, in diesem Fall ihre Nationalität als Schweizerin thematisiert, bildet auch für Martin Frank, den Gewinner des Goldenen Besens, die Biografie den Humus, aus dem er seine humoristischen Früchte zieht. „Junge vom Land zieht in die Großstadt und erlebt dort Überraschungen“ könnte man den Auftritt des im Bayerischen Wald auf einem Bauernhof aufgewachsenen Jungspunds überschreiben, der seinen Sieg letzlich der professionellen Art verdanken dürfte, mit der seine Pointen setzt. Ein echtes Bühnentalent – sehr bildhaft etwa die Szene, wo er mit einem gut gemeinten „Grüß Gott“ die U-Bahn entert, worauf ihn die Mitfahrenden als Kontrolleur missverstehen und sich flugs auf die Bänke verziehen. Aus dem erst 24-Jährigen könnte noch was werden, falls er an Bissigkeit und Relevanz zulegt. Vorbilder gibt es genug: wie Frank ist auch Sigi Zimmerschied in Passau geboren.

Auffällig insgesamt, wie harmlos und freundlich die meisten Auftritte daherkamen. Matthias Jung reihte im Stil eines Büttenredners („Neulich war ich mal…“) einen Witz an den anderen, überhaupt dominierte die Beschreibung von Alltäglichem mit kleinen Ausflügen in die aktuelle Politik. Wenigstens teilte der Deutschtürke Özgür Cebe, der den Gerhard Woyda-Publikumspreis gewann, einige Seitenhiebe auf Erdogan und Trump („Perücke des Grauens“) aus. Michael Elsener nahm, auch nicht unbedingt brandaktuell, die FIFA aufs Korn, während Roberto Capitoni vergeblich versuchte, aus abgehangenen Klischees über Deutsche und Italiener neue Funken zu schlagen. Zum Fremdschämen der Auftritt von „Suchtpotenzial“, zwei aufgedrehten Girlies, die spätpubertär auf das Provokationspotential des F-Wortes setzten: in „Ficken für das Vaterland“ warben sie, das Publikum zum Mitklatschen animierend, für Geschlechtsverkehr mit Diktatoren und Menschenschindern, um diese von ihrem üblen Tun abzubringen. Au weia.

Das Urteil der Juryvorsitzenden Lisa Fitz bei der Preisverleihung, man habe an dem Abend viel gelacht, was bedeute, dass das Niveau gut war, kann man so durchaus kritisch sehen. An Schlagfertigkeit, Esprit und Wortwitz war jedenfalls Florian Schroeder, der Moderator des Abends, allen Teilnehmern weit überlegen. Das kann schon nachdenklich stimmen.

4
Okt

„Männerabend 2 – Letzte Ausfahrt Bali“ im Theaterhaus

 

„Männerabend“ war Kult. Zehn Jahre lang spielten Martin Luding und Roland Baisch die schrille Revue über Tom, der sich, nachdem ihn seine Heike sitzengelassen hat, auf ins Reich männlicher Neurosen und Absonderlichkeiten begibt und dabei allerhand merkwürdigen Typen begegnet. Ein Dauerbrenner, den allein im Theaterhaus an die 200.000 Zuschauer gesehen haben. Nun hatte im ausverkauften T2 des Theaterhauses der Nachfolger „Männerabend 2 – Letzte Ausfahrt Bali“ seine heftig akklamierte Premiere – die Prognose dürfte nicht allzu gewagt sein, dass auch dem neuen Programm ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wird.

Wiederum beruht die Rahmenhandlung darauf, dass Heike weg ist – und Tom allein. Anders als im ersten „Männerabend“ ist Heike aber nicht mit ihrem Snowboardlehrer Giovanni durchgebrannt, sondern nimmt dank göttlicher Weisung eine Auszeit auf Bali. Wie es dazu kam? Nun ja, in einer Art Prolog fährt das Paar auf der Autobahn. Heike sitzt am Steuer, bei Tempo 240 passiert ein Crash, bei dem auch ein Hase dran glauben muss, und flugs findet sich Tom an der Himmelspforte wieder, wo er von einem rauschebärtigen Herrgott verkündet bekommt, dass er sechs Tage Zeit habe, „aus einer Beziehung eine Liebe zu machen“. In dieser Zeit habe er, offenbar als Strafe für sein Machotum, die Rolle von Heike zu übernehmen. Falls Tom scheitern sollte, werde er verbannt – nach Paderborn.

Das mag alles ein bisschen konstruiert klingen, doch Logik ist hier eher zweitrangig. Nachdem Tom jedenfalls realisiert hat, dass er von seiner Umgebung wirklich als Heike wahrgenommen wird, beginnt er sich mit seiner neuen Rolle zu arrangieren – ein dramaturgisch fruchtbarer Perspektivenwechsel, der im weiteren Verlauf zu allerhand heiteren Verwirrungen führt. So muss Heike alias Tom akzeptieren, dass ihre Karriere als Moderatorin der Sendung „Der grüne Daumen“ aus Altersgründen beendet ist und ihre Rolle von dem „französischen Starmoderator“ Jacques Le Dic (!) übernommen wird. Wer mutmaßt, mit dem Nachnamen könnten sexuelle Anspielungen verbunden sein, findet sich schnell bestätigt: französisch, so bekundet der baskenbemützte Schnösel, sei eben nicht nur gleichbedeutend mit la „grande nation“, sondern auch mit „die schönste Position“. Und ein formschönes Baguette, so erfährt man, muss nicht allein zum Essen dienen….

Es mag erstaunen, dass mit derlei Zoten immer noch Lachsalven provoziert werden können. Doch wer die Programme von Baisch und Luding kennt, weiß, dass das humoristische Spektrum zwischen feinsinnig und rustikal in jede Richtung ausgeschritten wird und auch derber Klamauk seinen Platz hat. Über abgestandene Wortwitze wie den vom Feuermeldergesicht („Einschlagen und wegrennen“) kann man müde lächeln, die Szene mit der versoffenen Mutter („Ich habe mein Jäckchen vergessen – Konjäckchen!“) hätte wohl auch Heinz Schenk im Blauen Bock gefallen. Doch in ihren besten Szenen entwickeln sie dann wieder eine anarchische Überdrehtheit, die an die legendäre britische Komikertruppe Monty Python erinnert, wobei sich gerade Roland Baisch als Knallcharge zu profilieren weiß. Etwa in der Rolle des balinesischen Hotelrezeptionisten Naggedei Goreng, wo er den zeitgeistigen Wellness- und Lifestylejargon grandios auf die Schippe nimmt. Oder als Maskenbildner Bruno, der eigentlich Eberhard heißt und so tun muss, als sei er schwul („Sonst kriegt man als Maskenbildner keinen Job“). Immer wieder schön auch Baischs Einlagen als Johnny Cash-Verschnitt in Goldsakko und Cowboyhut.

So geht der Abend dann doch sehr kurzweilig dahin. Am Ende hat Tom seine Prüfung, nicht zuletzt dank tatkräftiger Unterstützung des Erzengels Gunter Gabriel bestanden und darf nach Bali zu seiner Heike zum Wellnessen. What a good massage! Äh, message….

STZN

8
Mai

Das neue Programm der Fünf „5 Engel für Charlie“

Bratensoß´ auf den Lachs

Weiße Klamotten und ein bisschen Bling-Bling, fertig sind die Himmelsboten: „5 Engel für Charlie“ lautet der Titel des neuen Programms der A cappella-Gruppe Die Fünf, das am Samstagabend im rappelvollen T1 des Theaterhauses Premiere hatte. Nun kann man sich natürlich fragen, was das Engeloutfit mit der Krimiserie „3 Engel für Charlie“ aus den 70ern zu tun hat, in der drei scharfe Detektivinnen im Auftrag eines mysteriösen Chefs – der seine Mädels Engel nannte – abstruse Fälle lösten und was der Showtitel überhaupt soll. Aber es zählt ja gerade zu den bewährten Methoden der Fünf, aus der Umwandlung bekannter Muster absurd-komische Funken zu schlagen, ohne damit gleich sinnstiftend sein zu müssen. Da kann es schon genügen, das Wort „Love“ durch „Horst“ zu ersetzen und sich damit durch das einschlägige SWR1-Repertoire zu trällern. „Horst hurts“, „Stop in the name of Horst“ oder „I would do anything but Horst“, und das Publikum kriegt sich nicht mehr ein. Medleys wie dieses zählen zu den zuverlässig bejubelten Dauerbrennern im Repertoire der Fünf. Auch in ihrem neuen Programm hört man, dramaturgisch klug platziert, Klassiker wie „Mir im Süden“ oder das „Schuhsohlenleder“-Medley – das freilich mit einigen neuen Rezeptvorschlägen upgedatet wurde: Bratensoß´ auf den Lachs heißt es darin jetzt frei nach Helene Fischer.
Seit über 20 Jahren stellt das Ensemble etwa alle zwei Jahre ein neues Programm auf die Beine, überwiegend mit selbst komponierten Stücken. Das ist ihnen auch mit „5 Engel für Charlie“ wieder gut gelungen. Es gibt Lieder über Küchengeräte („Thermomix“) und Hautkrankheiten („Neurodermitis“), Parodien auf Cowboysongs und Boygroupschmonzetten. Nicht alle zünden gleichermaßen, aber manche haben das Zeug zum Hit. Das Plädoyer für Gebrauchsmusik mit dem rassig hingelegten „Tatort“- Jingle zählt dazu, aber auch die Neuinterpretation von Little Drummer Boy, die indische Musik mit indischer Küche auf brüllend komische Manier verquirlt. Und auch wenn sie in „Pipikakapopo“ mal ein klein bisschen über die Stränge schlagen (der Verzicht auf Zoten ist ein Grund dafür, dass die Fünf absolut familienkompatibel sind): unschuldiger und sympathischer kann man sexuelle Anspielungen, die auf Missinterpretationen bzw. – übersetzungen beruhen, nicht präsentieren: „Europäische Wasserscheide“, „Besame mucho“… Nein, weiter wollen wir da jetzt nicht ins Detail gehen.
Gelegentlich kann der Humor der Fünf auch sozialkritisch sein: mit „Wir wollen nur deutsche Mieter“ ist Ihnen das bei ihrem letzten Programm „Bock drauf“ prima gelungen. Das neue Lied über die sogenannten Wutbürger freilich, in dem sie Lügenpresse, Montagsdemo und Pegida zusammenwürfeln, ist weder lustig noch wird klar, was sie damit eigentlich sagen wollen. Und wenn wir schon beim Meckern sind: ob die Fünf von ihrem Sponsor, einem Bettenhersteller, derart abhängig sind, dass sie für ihn in ihrer Show werben und auch noch extra einen Song („Komm ins Bett“) komponieren müssen? Eine Vermischung von Kunst und Kommerz, mit der sie zu verlieren drohen, was einen Großteil ihrer Beliebtheit ausmacht: Authentizität und Glaubwürdigkeit. Und das wäre schade. (StZ)

23
Mrz

Die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater

Sprungbrett nach Mekka

 

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Fatih Cevikkollu

Für einen Moment kann man da schon ins Schwitzen kommen. Eben hat Fatih Cevikkollu noch deutsch gesprochen, da erhebt er die Stimme unvermittelt auf türkisch und nestelt dabei an dem Kabel unter seinem Sakko herum. Eine „Botschaft an seine Glaubensbrüder“ sei das eben gewesen, klärt er auf, während man sich langsam entkrampft, und diese Kabel am Körper – nun ja, man wisse eben nicht genau, wo die hinführten. Mit Provokationen dieser Art trifft der Kölner Kabarettist genau den wunden Punkt im aktuellen Verhältnis von Deutschen und Türken im Besonderen und Muslimen im Allgemeinen: mancher dürfte sich ja fragen, inwieweit man Selbstmordattentäter an ihrer Physiognomie erkennen kann. Dass dabei auch Türken unter Generalverdacht geraten, die zum Teil in Deutschland geboren sind, entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, zumal ja auch die Türkei von den Attentaten betroffen ist. Interessant auch, wie Cevikkollu unser Mitgefühl mit den Opfern analysiert. Mitgefühl setze nämlich Zugehörigkeit voraus – weswegen wir uns von den Anschlägen in Paris weitaus stärker betroffen zeigten als von jenen in Ankara.

Seit letztem Freitag läuft nun schon die Deutsch-Türkische Kabarettwoche im Renitenztheater, und gerade der Kölner Cevikkollu, der in Diktion und Körpersprache etwas an Dieter Nuhr erinnert, machte mit seinem Auftritt am Dienstagabend deutlich, dass sich das türkische Kabarett in Deutschland längst über die Ethnocomedy im Stil von Kaya Yanar oder Bülent Ceylan hinaus zu einer gesellschaftlich relevanten Form hinaus entwickelt hat. Zwar nimmt auch Cevikkollu Klischees aufs Korn, wie die Körperform türkischer Muttis, die er als „Hüpfburgen“ bezeichnet („mit buntem Kopftuch, damit man weiß wo oben ist“). Doch dringt er mit seinen Beobachtungen tief in unterbewusste Bereiche des deutsch-türkischen Selbstverständnisses vor. Deutsche, so meint er, fühlten sich einfach besser, wenn ihre türkischen Gemüsehändler schlechtes Deutsch sprächen, sie könnten sich dann leichter als Wohltäter fühlen, die Unterprivilegierte unterstützten. Das Gemüse könne man ja waschen…. Viele Türken könnten sich dagegen selber nicht leiden und würben für ihre Wohnanlage mit dem Argument, dass sie die einzigen Türken wären, die darin wohnten.

Neben Cevikkollu, der am Samstagabend im Rahmen des Festivals auch sein Soloprogramm „Emfatih“ präsentiert, traten an diesem Abend noch Özcan Cosar und Ozan Akhan auf, die eher in der Tradition klassischer Türk-Comedians stehen. Hinreißend Akhans Auftritt als Bademeister („Das Sprungbrett habe ich nach Mekka ausgerichtet“), während der in Stuttgart aufgewachsene Cosar seine Erfahrungen als Schwabentürke in lustige Szenen einband, sehr eindrucksvoll auch seine Ballett-Breakdanceperformance. Deutsche und Türken jedenfalls, das hat der Abend gezeigt, können noch allerhand lernen. Von- und übereinander.

(StZ)

8
Nov

Das neue Programm „Rosevue“ des Friedrichsbau Varietés

Olé, Stöckchen!

Auf dem Rücken liegend erst einen Sonnenschirm, und dann einen Esstisch auf den Füßen tanzen zu lassen, erst von links nach rechts und dann im Kreis, und gleichzeitig noch zwei Schirmchen mit den Händen zu jonglieren: wie kommt man bloß auf so eine Idee? Und braucht man sowas?
Unbedingt! Denn bei Auftritten wie diesem der Neuseeländerin Emma Phillips (sie nennt sich Antipodistin) steht die perfekte Körperbeherrschung im Dienste einer Art Verzauberung der Welt: einer poetischen Umdeutung von Alltagsdingen, die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch en passant deutlich macht, dass der Reiz des Lebens nicht in der Zweckmäßigkeit liegt. Klar, ein bisschen abgefahren sind solche Fertigkeiten schon – das gilt auch für Marcos Furtnero, der seine „Devilsticks“ mittels Antippen in der Luft halten und herumwirbeln lassen kann, als sei die Schwerkraft vorübergehend aufgehoben. Dass er sich dabei wie ein Torero aus Sevilla in Pose wirft, ist einerseits natürlich albern – rückt aber seine manuellen Kunstfertigkeiten in einen kulturellen Kontext, der dann im Kontrast wiederum sehr lustig ist: „Olé“-Rufe nicht angesichts des möglichen Aufgespießtwerdens durch wilde Stiere, sondern des Runterfallens eines Stöckchens!
Solche Auftritte, bei denen erstklassige Artistik mit Fantasie zusammengeht, machen die Qualität eines Varietéprogramms aus. Und davon gibt es im neuen Programm „Rosevue“ des Friedrichsbau Varietés Stuttgart einige. Dazu gehört auch die Handstandkünstlerin Margo Darbois, die sich, durch die Lichtregie apart in Szene gesetzt, quasi in Zeitlupe ein- und zweiarmig in die Luft schrauben und dabei ihre Wirbelsäule in orthopädisch bedenklichste Verwinkelungen biegen kann. Oder Tosca Rivola, die als lebende Radspeiche derart herumwirbelt, dass einem schon beim Zuschauen schwindlig werden kann.
Natürlich kann sich, wer will, solches auch im Internet anschauen. Doch es macht eben den Reiz und die Spannung einer Liveveranstaltung aus, dass hier auch mal was schiefgehen könnte. Weniger bei spektakulären Kraftnummern wie etwa der muskelstrotzenden Tatyana Lytvynova an der Vertikalstange oder von Sara Sparrow am Reck, wo ein Fehler Lebensgefahr bedeuten kann. Aber wenn Bertan Canbeldek bei seiner rasenden Balljonglage mal kurz nachfassen muss dann zeigt dies auch, in welchen Grenzbereichen der Körperbeherrschung sich die Artisten hier bewegen – eine kleine Unaufmerksamkeit, und die Sache wird zumindest peinlich. Passiert ist an dem Abend aber nichts.
Moderiert wird das Programm von der schwäbischen Komödiantin Rosemie. Nun kann man darüber streiten, ob der Archetypus der dümmlich-verklemmten schwäbischen Hausfrau im Faltenrock nicht schon zur Genüge, um im Idiom zu bleiben: ausgetappt worden ist. Auch Kehrwochenwitze hat man schon reichlich gehört, doch Rosemie bricht das Muster immerhin durch beachtliche Fertigkeiten auf. Dazu gehört das Alphornblasen wie das Tanzen auf Spitzenschuhen im Tutu, und wenn
sie im zweiten Teil in Lederdessous und Löwenpuschen „I feel good“ auf der Tuba bläst, dann ist das in seiner offensiven Peinlichkeit schon wieder ziemlich lustig. Und wer wissen will, wie man mit Bonbons im Mund Steptanzgeräusche machen kann, muss sich das Programm schon selber anschauen. (StZ)

 

www. friedrichsbau.de

26
Mrz

Ernst Mantel mit seinem neuen Soloprogramm im Renitenztheater

Mord mit Todesfolge

Darf man Witze über die Nazizeit machen? Kommt drauf an, ob sie gut sind. Ernst Mantels Wortspielereien über „Speisen und Volksgerichte“ jedenfalls sind saukomisch: Danach zählte zu den kulinarischen Errungenschaften des Dritten Reichs etwa die sogenannte „Reichspfanne“ (auch mit Heilbutt), die „Blut- und Bodenwurst“ oder das „Nasi Göring“. Beliebt waren auch Feldsalat und Gerichte aus der Gulaschkanone. Und weil Ernst Mantel beim Erzählen spüren lässt, dass solche Scherze eben doch einen kleinen Tabubruch darstellen – ohne, wie es andere tun, damit zu kokettieren – macht er dem Publikum im Renitenztheater das Mitlachen leicht.
Die Absonderlichkeiten der deutschen Sprache hat der Komiker Ernst Mantel für sein neues Soloprogramm „Improve your Deutsch – Rhetorik in höchster Vollstreckung“ unter die Lupe genommen – ein Thema, aus dem der Wortverdreher und Semantikjongleur schon oft überraschende Volten geschlagen hat. Die erste Hälfte seines Programms mutet dabei streckenweise wie eine Lehrstunde in Grammatik an – wenn auch eine unterhaltsame. Man hört Mantel gern zu, wenn er sich etwa über falsche Steigerungen lustig macht, und was für ein „größtmöglichster Blödsinn“ es ist, Adjektive wie „nackt“ oder „schwanger“ zu steigern. Doch auch wenn die solcherart im Dozierstil vorgetragene Sprachkritik erhellend ist – so richtig neu ist sie nicht. Von Bastian Sick etwa kennt man Ähnliches. Sie gewinnt aber dann mächtig an Unterhaltungswert, wenn Mantel sprachliche Fehlleistungen dramaturgisch aufbereitet und pointenreich zuspitzt: wie in der im kölschen Dialekt vorgetragenen Gerichtsszene mit Protagonisten wie (laut lesen!) Yvonne Imhaus, Isaac Nix oder Rudi Gutaus, die sich durch Redewendungen pflügen wie ein Traktor durchs Gemüsebeet. „Mord mit Todesfolge“ jedenfalls streitet der Angeklagte kategorisch ab!
Nach der Pause gibt Mantel einige Fundstücke aus seiner Sammlung absurder Gebrauchshinweise zum Besten. Dazu zählt der Hinweis auf einem Rowenta-Bügeleisen, man solle die „Kleidung nicht am Körper bügeln“ oder der auf einem Feuerlöscher, dass der Inhalt „nicht entflammbar“ sei. Darauf wäre man ebenso nicht gekommen wie auf die Aussage auf einer Sprudelflasche, das Getränk sei „auch für Vegetarier geeignet“.
Ab und zu flicht Mantel auch ein paar zum Thema passende ältere Nummern ein. Etwa die Suada eines hyperaktiven Ü-50-Schwaben („Haschda la vischda, Horschd!“), was dem Abend auch deshalb gut bekommt, weil Mantel die brandneuen Texte noch nicht so flüssig über die Lippen gehen. Ein paar Lieder gibt es auch: fies gut getroffen der Betroffenheitsjargon in einer Reinhard Mey-Parodie. Viel Applaus, zwei Zugaben, doch eines ist sicher: Mantel könnte noch ewig aus dem Nesthäkchen plaudern. (StZ)

31
Jul

Mnozil Brass beim Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele

Begnadete Spaßvögel

Auch der Ludwigsburger Festspielintendant war bei seiner kleinen Ansprache vor Beginn des Konzerts schon vom Humor-Virus angesteckt. Er bitte um Verständnis, ließ Thomas Wördehoff das Publikum wissen, dass störungsfreies Telefonieren aufgrund der zu erwartenden Lautstärke der Musik an diesem Abend leider nicht möglich sei. Leonhard Paul, der langhaarige Zottel unter den drei Mnozil Brass-Posaunisten, übersetzte Wördehoffs Rede parallel dazu in eine ziemlich lustige Gebärdensprache, was das Publikum im ausverkauften Theater im Forum gleich in die rechte Champagnerlaune brachte. Warming-up nennt man sowas im Showbiz.
Das Publikum liebt die schräge Bläsertruppe aus Wien. Ihre Konzerte sind regelmäßig ausverkauft und so lag der Gedanke nicht fern, auch das Abschlusskonzert mit Mnozil Brass zu gestalten – ein spektakulärerer Schlusspunkt lässt sich kaum setzen unter eine insgesamt ziemlich erfolgreiche Festspielsaison.
Doch auch wenn die Auftritte von Mnozil Brass in der Regel eine sichere Bank sind, so gab es diesmal einige Unwägbarkeiten – galt es doch, auch das Orchester der Ludwigsburger Festspiele mit zu beteiligen. Das hätte durchaus danebengehen können. Ging es aber nicht.
Das lag vor allem an der intelligenten Dramaturgie des Abends, die das Orchester humoristisch mit einband, ohne den Musikern Ungebührliches abzuverlangen. Zwar wurde die Dirigentin Julia Jones schon mal von Trompeter Robert Rother über die Schulter gelegt und strampelnd abtransportiert. Auch einer Geigerin wurde nachhaltig zum Verhängnis, dass sie bei Leonhard Pauls Orchesterbegehung im Weg saß. Ansonsten aber machte das Orchester, was es am besten kann, nämlich Musik – selbst wenn das an diesem Abend etwas anders ablief als sonst. Mit Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell begann das Programm zunächst ganz konventionell. Der Solocellist spielte ausdrucksvoll, molto vibrato, die Stimmung tendierte zur Besinnlichkeit. Doch alsbald waren erste Störtöne aus dem Off zu hören, ehe ein Mnozil Brassler nach dem anderen die Bühne enterte und sie im Kollektiv damit begannen, dem Orchester das Heft aus der Hand nehmen. Es ist wirklich so: wenn diese sieben Virtuosen, aufgereiht auf der Rampe, fortissimo in den Saal blasen, dann hat ein Orchester schon lautstärkemäßig kaum noch eine Chance.
Doch die fabelhaften Sieben sind eben auch begnadete Spaßvögel.
Manchmal sind ihre Nummern purer Slapstick: wie der Olympiawettkampf in slow motion mit der zwerchfellerschütternden Synchronschwimmeinlage zu den Klängen des Donauwalzers. Oder das Posaunenduell zwischen Zoltan Kiss als goldkettenbehängtem Macho und dem „braven“, von ihm in die Ecke geblasenen Gerhard Füssl. Doch wenn Leonhard Paul als Krönung eines großartig lakonischen Soloauftritts mit je einem Fuß einen Posaunenzug und je einer Hand die Trompetenventile seiner Kollegen bedient und ihm dann noch der Stuhl weggezogen wird, auf dass er, quasi freischwebend, mit jeder Extremität ein Instrument spielend, in der Luft hängt, dann hat das fast zirkusreife Qualitäten. Von den musikalischen Qualitäten ganz zu schweigen.
Denn da macht Mnozil Brass so schnell niemand was vor. Jeder ist ein Spitzenkönner auf seinem Instrument, und zusammen sind sie eine Wucht. Sensationell ihre Version von Zawinuls „Birdland“, in der auch das Orchester stimmig eingebunden ist, ein Kabinettstückchen das Arrangement des Queen-Klassikers „Bohemian Rhapsody“ mit den Falsett-Gesangseinlagen.
Klar, dass das Publikum am Ende aus dem Häuschen war. Und hoffentlich auch klar, dass Mnozil Brass im nächsten Jahr wieder verpflichtet wird. Gell, Herr Wördehoff?

(StZ)

26
Jul

Das Sommerprogramm von Wommy Wonder in der Spardabank

Einfach die Sau rauslassen

Es ist was los im Bankenviertel. Neben der Spardabank stehen Tischchen draußen, gut gelaunte Menschen trinken Apero und genießen den lauen Sommerabend. Drinnen, im sogenannten SpardaWelt EventCenter (muss es eigentlich immer gleich eine ganze Welt sein?), wird Michael Panzer alias Wommy Wonder an dem Abend sein neues Programm „Wonder-Bar 3D – jetzt auch mit Anfassen!“ vorstellen, wo es bis einschließlich 31. August täglich außer Montag zu sehen sein wird. Im Saal sitzt das Publikum an kleinen Tischen, ein bisschen wie im früheren Renitenztheater. Auf der Bühne steht ein Flügel für den Begleiter Tobias Becker, rechts ist die schillernde Wonder-Bar aufgebaut.
An der steht die meiste Zeit des Abends Fräulein Wommys Bühnenassistentin: Schwester Bärbel nennt sich die schrille Kunstfigur mit den schlechten Zähnen, hinter der sich Marcelo Pivoto verbirgt. Nach Angaben im Programmheft ist der ein ausgebildeter Artist – Fähigkeiten, von denen er im Wonder-Programm aber wenig zeigen kann, denn viel mehr als umherschlurfen und Grimassen schneiden darf er nicht. Dabei würde dem Programm ein bisschen handwerkliche Grundkompetenz ganz gut tun. Denn wer sich als Conférencier auf die Bühne stellt, sollte wenigstens gut sprechen können. Und schon damit hapert es bei Michael Panzer, der sich immer wieder im Redefluss verstolpert, nuschelig artikuliert und damit manchen Gag, sofern es einer ist, leichtfertig versenkt. Aber Panzer singt auch, und das ziemlich häufig. Nicht dass Travestiekünstler professionelle Sänger sein müssen (auch wenn es die gibt) – aber auch Sprechgesang sollte gelernt sein. Dass Tobias Becker beim Singen genauso selten die Töne trifft, macht es nicht besser. Wenigstens ist der aber ein zuverlässiger Pianist.
Nun weiß, wer zu Wommy Wonder geht, in der Regel, worauf er sich einlässt.
Umgangsformen und Kultur sind eine Frage von gesellschaftlich verbindlichen Vereinbarungen. Die Wonder-Show nun lebt davon, dass sie es dem Publikum erlaubt, für einen Abend über Kategorien wie guten Geschmack oder political correctness hinwegzusehen. Michael Panzer provoziert die Enthemmung sehr geschickt: man mag sich fragen, wo Panzer in seinem engen Paillettenkleid wohl sein primäres Geschlechtsteil versteckt hat. Indem Panzer diese Frage aber direkt ins Publikum richtet, signalisiert er mit einem verschwörerischen Zwinkern: Ich weiß, was Ihr denkt. Lasst sie einfach raus, die Sau.
Beim ersten anzüglichen Witz – und daraus besteht der Großteil des Programms – mögen sich einige noch genieren, beim dritten aber lachen dann die meisten mit. Und es wird immer zotiger: „Willst Du dass die Liebe glückt, suche jemand, der sich bückt“, sagt Panzer in so einer „Huch, ist mir jetzt rausgerutscht“-Attitüde. Als das Wort „französisch“ fällt, leckt er mit der Zunge, und was man bei „Eiern“ denken soll, wird auch schnell klar.
Da der Reiz der Tabuverletzung mit der Zeit nachlässt, erhöht Panzer nach der Pause die Dosis. Die Schwäbische-Hausfrau-Nummer als Elfriede Scheufele mit Morgenrock und einer nochmal drastisch aufgerüsteten Oberweite ist ein Dauerkokettieren um Sex, Aussehen und Gewicht, bei der die Ankündigung im Programmtitel („mit Anfassen“) denn auch tatkräftig umgesetzt wird.
Mit der Kunst der Travestie hat das alles wenig zu tun. Die spielt mit geschlechtlichen Rollen und Definitionen, lebt von der Irritation und davon, dass Männer – wie etwa Conchita Wurst – weiblich-erotische Anziehungskraft haben. Davon kann bei Wommy Wonder keine Rede sein. Die monströse Plastikfrisur, die sein Markenzeichen ist, die gigantisch ausgestopfte Oberweite – das bedient eher die Ästhetik des Rummelplatzes.
Doch wie immer lädt Michael Panzer sich zu seinem Sommerprogramm auch Gäste ein, an diesem Abend war es der Heidelberger Kabarettist Thomas Schreckenberger. Und der zeigte in seinem kurzen, aber mitreißenden Auftritt, wie Pointen zünden können, wenn sie auf Intelligenz, Sprachwitz und scharfer Beobachtung der Realität gegründet sind. Bis einschließlich Sonntag ist er noch im Wommy Wonder-Programm dabei. Am 10. August tritt er im Renitenztheater auf. (StZ)

24
Okt

Das neue Programm der Füenf im Theaterhaus Stuttgart

Bock drauf!

Die Füenf

Die Füenf

Wenn man mal überlegt, wer es schaffen könnte, einen großen Saal wie das T1 des Theaterhauses nicht nur bis auf den letzten Platz füllen, sondern dabei auch von Kindern bis zu Großeltern alle Generationen zu versammeln und diese dann auch noch derart in Hochstimmung zu versetzen, dass sie am Ende stehend applaudieren, dann fällt einem so schnell niemand ein. Doch genau das gelang am Mittwochabend dem Gesangsquintett „Die Füenf“.
Seit nunmehr 17 Jahren gibt es die Vokalhumoristen aus dem Ländle und in dieser Zeit haben sich Justice, Pelvis, Memphis, Little Joe und Dottore Basso – wie sich sie sich mit Künstlernamen nennen – einen treuen Fankreis ersungen, der wohl auch bei der Premiere ihres neuen Programms „Bock drauf“ zum Großteil anwesend war. Nun war ihre letze CD „Phase 6“ ja schon ziemlich stark, sodass man sich fragen konnte, ob die Jungs für ihr neues Programm auch wieder genug zündendes Material gefunden haben? Haben sie.
Zwar gibt es im Verlauf des Abends auch die ein oder andere schwächere Nummer  – etwa „Bitch“ -, dafür aber auch einige Kracher, die das Zeug zum Klassiker haben: wie etwa die Werbeclip-Persiflage „Tsing Tao“, ein zwerchfellerschütternder vokaler Slapstick, oder die bissige Össi-Schelte „Weil ich ein Piefke bin“. Es gibt aber auch Stücke, die witzig sind und gleichwohl einen durchaus ernsten Hintergrund haben, die Mietproblematik für Ausländer zum Beispiel. Dafür haben die Füenf Ryan Paris´ “We´re living like in a Dolce Vita“ in „Wir nehmen leider nur deutsche Mieter“ umgetextet – ein bei den Füenf beliebtes Verfahren, mit dem sie an diesem Abend auch eine Auswahl bekannter Gassenhauer in ein Medley zum Lobe des Alkohols verwandeln. Umgekehrt geht’s freilich auch: man nimmt die Titel von Patrick-Lindner-Schlagern, mixt sie zusammen und hat flugs einen neuen Text zu einem volkstümlichen Schlager, der genauso sinnfrei ist wie die Originale. Dazu singt das Publikum den Refrain mit, der ausgedruckt auf den Sitzen bereitliegt: „Ein kleines Feuer, das dich wärmt…“ Was für ein Spaß! (StZ)

17
Aug

Robert Kreis im Renitenztheater Stuttgart

Früher war alles besser

Man freut sich ja immer, wenn Robert Kreis wieder mal nach Stuttgart kommt. Denn der smarte Holländer ist vermutlich der einzige Entertainer, der uns die Chanson-Schätze der 20er Jahre mit ihren wunderbar kalauernden Endreimen und frivolen Anspielungen mit solch souveräner Nonchalance servieren kann. Stuttgart zählt seit vielen Jahren zu seinen bevorzugten Auftrittsorten, hier hat er ein treues Stammpublikum. Vor drei Jahren war Robert Kreis im Stuttgarter Varieté zu Gast, hinterließ mit seinem damaligen Programm „Ach du liebe Zeit“ aber einen eher zwiespältigen Eindruck: zum einen, weil man das meiste man schon von früheren Auftritten kannte, zum anderen, weil sich Kreis offenbar mehr als Witzeerzähler und Kabarettist denn als Sänger zu verstehen schien. Und beileibe nicht jede Pointe zündete.
„Immer im Kreis“ heißt das Programm, mit dem Robert Kreis nun bis einschließlich 18. August im Renitenztheater gastiert, und man kann diesen Titel vor diesem Hintergrund auch ein wenig sarkastisch deuten: Denn auch dieses Programm ist nichts anderes als ein Recycling von alten Liedern, Geschichten, Sprüchen und Witzen, garniert mit ein paar aktuellen Anspielungen. Kreis, so hat man den Eindruck, dreht sich programmatisch ein wenig im Kreis.
Man kennt sie halt fast alle schon, die 20er-Jahre-Witze über Samy und Moshe, die klischeesatten Zoten über Ehefrauen und Schwiegermütter, die beim wiederholten Hören auch zunehmend verstaubter wirken. Doch bleibt Robert Kreis damit wenigstens dem humoristischen Genre treu. Was ihm aber nicht gut ansteht, ist weltanschauliches Lamentieren nach dem Motto „Früher war alles besser“. Dass die Schlager besser waren, mag ja noch stimmen. Aber ob man Cindy aus Marzahn stellvertretend für den ganzen Berufsstand der Komödianten nehmen darf? Auch dass die privaten Fernsehsender nicht immer die Ansprüche des Bildungsbürgers befriedigen, hat man irgendwo schon mal gehört. Er muss es ja nicht gucken, denkt man dann, genauso wie die Telefonsexwerbung, über die er sich so mokiert. Denn schlüpfrig ist er selber auch: Silvio Berlusconis Künstlername, so Kreis, wäre wohl „Enrico Bordello“. Politiker sind sowieso „alle Pfeifen“. Und auch wenn man Kreis´ Abneigung gegen klerikale Hardliner wie Kardinal Meisner teilt: lustig will seine Fantasie, ihn auf eine „Einzelfahrt zum Mond ohne Sauerstoff“ zu schicken, nicht so recht sein.
Aber ab und zu singt er auch, und das kann er immer noch sehr gut, selbst wenn man die Lieder schon kennt. Der Lachfox ist immer noch ein Brüller, genauso wie „Wo, wo, wo, ham wir uns schon gesehn?“. Aber dann steht Kreis auch schon wieder auf und erzählt von früher, wie es damals war mit Johannes Heesters und Margot Werner, und man hat den Eindruck, er wünsche sich wieder zurück in jene guten alten Zeiten, als seine Auftritte noch monatelang ausverkauft waren. Kann man verstehen.(StZ)

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