9
Feb

Die King´s Singers im Theaterhaus

Den Markenkern bewahrt

 

Die King´s Singers luden zum Jubiläumskonzert, und viele waren gekommen: annähernd ausverkauft war das T1 des Theaterhauses, als die sechs smarten Herren anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens ihr Programm „Gold“ präsentierten. Keines der jetzigen Mitglieder war geboren, als das Ensemble 1968 von ehemaligen Chorstudenten des King’s College der Universität Cambridge gegründet wurde. Es gab zahreiche Umbesetzungen, zuletzt trat der Countertenor Patrick Dunachie vor 2 Jahren dem Ensemble bei, das sich seinen Markenkern bis heute bewahrt hat: die enorme stilistische Bandbreite von Renaissancemusik bis zu Pop, gesungen auf einem Niveau nahe der Perfektionsgrenze. Das zeigten die in feinem Zwirn und Krawatten gekleideten King´s Singers auch im Theaterhaus, wobei gerade bei Renaissancemusik von Juan Vasquez oder Ludwig Senfl der Umstand schmerzlich ins Gewicht fiel, dass sie nicht in einem Kirchenraum, sondern in der trockenen Akustik des Theaterhauses dargeboten und dazu noch durch Mikrofone verstärkt wurde. Das nahm dem ansonsten hochklassigen Konzert viel von seinem Reiz, ist es doch der betörende, durch die ungewöhnliche Besetzung mit zwei Baritonen dunkel grundierte Stimmklang, der die King´s Singers auszeichnet. Auch die Verblendung der Stimmen litt unter dem nicht vorhandenen Raumklang, gerade auch bei romantischen Gesängen wie denen von Max Reger oder Saint-Saens, wo die Einzelstimmen in den Hörfokus rückten.
Weniger ins Gewicht fiel dies nach der Pause, als es ans populäre Genre ging. Bei raffinierten Arrangements von Jazz- und Popstandards wie Cole Porters „Night and Day“ oder dem Beatlessong „I follow the sun“ zeigten die Sechs ihre ganze vokale Exzellenz, speziell in puncto Intonation: sauberer geht’s kaum. Und unterhaltsamer auch nicht, denn auch was britischen Humor anbelangt, bleiben die neuen King´s Singers der Tradition ihrer Vorgänger treu. Die Schlussovationen nach einer hinreißend zelebrierten Version von Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre fielen entsprechend aus.

30
Jan

Das Stuttgarter Kammerorchester mit Albrecht Mayer

Manchmal ist es an der Zeit, dass Missstände angesprochen werden. Dies war der Fall beim Konzert des von Peter Ruzicka geleiteten Stuttgarter Kammerorchesters im Beethovensaal, und es war der berühmte Oboist Albrecht Mayer, der diese Aufgabe übernahm. Es ging dabei um das Verhalten eines zwar kleinen, aber doch insofern relevanten Teils des Publikums, als dessen fortgesetztes Husten und Räuspern Peter Ruzickas …INS OFFENE… vor allem in dessen letztem, sich in Pianissimobereichen entlangtastenden Abschnitt den Garaus gemacht hatte und auch die folgende Bearbeitung von Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“, in der Mayer die Solooboenstimme blies, immer wieder durch bronchitische Lautäußerungen massiv gestört wurde. Mayer, der seine Ansprache nicht als Belehrung, sondern als Anregung verstanden wissen wollte, nahm dabei vor allem den Umstand aufs Korn, dass manche offenbar der Meinung sind, gerade dann loshusten zu müssen, wenn die Musik besonders leise ist, sich aber um eine Limitierung der eigenen Lautstärke offenbar nicht zu kümmern brauchen. Dezent in die Armbeuge husten – das war Mayers Ratschlag. Genützt hat es wenig.
Schon in der Zugabe nahm das Unheil wieder seinen Lauf, einer Bearbeitung aus Bachs Kantate BWV 21, deren Titel auf sarkastische Weise passend war: Ich hatte viel Bekümmernis.
Das war insofern schade, als dieses Konzert insgesamt auf extrem hohen Niveau war. Ruzickas Stück wirkte in seiner aufgerauten, herb-sinnlichen Textur zunächst wie ein Putzer für die Ohren, die danach mit dem edel gerundeten, bis in höchste Lagen gleichsam entgrateten Oboenton Albrecht Mayers in Ravels fein gesponnener Musik aufs Luxuriöseste verwöhnt wurden. Das runderneuerte SKO erwies sich dabei als so flexibler wie präziser Klangkörper, der seine Klasse nach der Pause in der Orchesterfassung von Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ nachdrücklich unter Beweis stellte: klanglich erlesener und packender kann man diese Nervenmusik kaum spielen. (STZN)

30
Jan

Portrait Kai Kluge

Kai Kluge singt den Tamino in Mozarts „Die Zauberflöte“

Manchmal sind es Zufälle, die den Lebensweg bestimmen. Wer weiß, ob Kai Kluge eine professionelle Sängerlaufbahn eingeschlagen hätte, wären seine Eltern damals, als sie von Argentinien ausgewandert sind, nicht ausgerechnet in die Nähe von Calw gezogen. In dem Schwarzwaldstädtchen ist nämlich nicht nur Hermann Hesse geboren, dort sind auch die Aurelius Sängerknaben beheimatet, bei denen Kai Kluge mit sechs Jahren eingetreten ist – was wiederum kein Zufall war, trat er damit doch in die Fußstapfen seines acht Jahre älteren Bruders Daniel, der Kais großes Vorbild und schon lange Mitglied bei den Aurelius Sängerknaben war. Die sind hierarchisch straff organisiert. Nur die besten der Buben singen im Konzertchor, aus dem wiederum wenige Solisten rekrutiert werden. Die werden dann von internationalen Opernhäusern gebucht, speziell wenn es um die Besetzung der drei Knaben in Mozarts „Die Zauberflöte“ geht. Kai Kluge gehörte dazu. Und so war er schon als Schüler ziemlich viel unterwegs. Amsterdam, Edinborough, sogar nach Madrid ging einmal die Reise, wo er insgesamt sieben Wochen weilte. Ein Stimmbildner war dabei ebenso mitgereist wie ein Privatlehrer, schließlich durfte die Schule wegen des Singens nicht auf der Strecke bleiben. Bezahlt wurde der Aufwand vom Madrider Opernhaus, etwas Geld gab es für die Familie obendrein. „Die Eltern bekommen eine Pauschale für jede Aufführung,“ sagt Kluge, „die meisten legen es für die Kinder auf einem Konto an.“ Und das kann sich läppern, wenn man so viel unterwegs ist wie er. „Davon habe ich später meinen Führerschein bezahlt.“
An die achtzig Mal hat Kai Kluge den Knaben in der Zauberflöte gesungen. Mit 13, kurz vor seinem Stimmbruch, war er sogar bei der Uraufführung jener Inszenierung von Peter Konwitschny mit von der Partie, die am vergangenen Montag am Stuttgarter Opernhaus wiederaufgenommen wurde. Aber anstatt des Knaben singt der mittlerweile 28-Jährige Kai Kluge – dessen sängerisches Vorbild übrigens Fritz Wunderlich ist – darin jetzt den Tamino, eine der Hauptrollen der Oper. Für ihn geht damit ein Traum in Erfüllung. „Tamino ist eine der ersten großen Rollen, die als Ziel vor Augen hatte.“ Gelernt hat er seine Partie ziemlich rasch, was angesichts seiner Erfahrung kein Wunder ist. „Irgendwann habe ich die Oper komplett auswendig gekonnt. Alle Rollen, alle Dialoge, auch die Frauenpartien“. Konwitschnys Inszenierung mag er sehr. Dass es darin nie langweilig wird und auch der Humor nicht zu kurz kommt, das passt, findet Kai Kluge. Auch Mozart und Schikaneder seien schließlich keine Kinder von Traurigkeit gewesen.
Was auch für Kai Kluge gilt, der sich durchaus bewusst ist, dass seine Sängerkarriere bisher außergewöhnlich glatt verlaufen ist. Studium in Karlsruhe, dann ein Jahr Opernschule in Stuttgart und jetzt Ensemblemitglied. Davon können andere nur träumen. „Ich kann mich sehr glücklich schätzen“. Wobei die Zeit nach dem Stimmbruch erst mal hart war. „Man hat plötzlich eine komplett andere Stimme. Die Gesangstechnik musste ich wieder neu erlernen“.
Was die Erfahrungen aus seiner Zeit als Aurelianer anbelangt, so sind sie für Kai Kluge vor allem deshalb enorm wichtig, als der Umgang mit der Bühnensituation, anders als für viele andere junge Sänger, für ihn nie ein Problem war. Wer
schon als Knirps über hundert Mal auf einer großen Opernbühne gestanden hat, den kann später wenig schrecken.
Auch den Entschluss Profisänger zu werden hatte er noch in seiner Zeit als Sängerknabe gefasst. In Frankfurt sang er den Hirtenknaben in Puccinis „Tosca“. Danach war er sich sicher: das will er sein Leben lang machen. Seitdem ist Cavaradossi seine Traumrolle als Tenor. „Ein Mann, der sich hinstellt, vor nichts Angst hat. Es dauert noch ´ne Weile, aber irgendwann möchte ich den singen.“
Den Umstand, dass sein Bruder Daniel ebenfalls als Tenor an der Oper Stuttgart engagiert ist – seit 2010 ist er Ensemblemitglied – hält Kai Kluge für „einen Riesenzufall und ein Riesenglück“. Äußerlich sind sich beide recht ähnlich – Kai trägt die Haare etwas wuscheliger als Daniel – stimmlich hat der Ältere etwas mehr Metall und Kraft in der Stimme als Kai, der eine eher lyrische Stimmfarbe besitzt, die damit ideal für Mozart ist. Was die Rollenbesetzung anbelangt, dürften sie sich so kaum in die Quere kommen, und auch sonst hat ihr Verhältnis nicht
dadurch gelitten, dass sie nun denselben Arbeitgeber haben. Ganz leicht ist Kai Kluge die Entscheidung dennoch nicht gefallen, an dasselbe Haus wie sein Bruder zu gehen, zumal er auch ein Angebot der Karlsruher Oper hatte. Aber sein Gesangsprofessor habe ihm zugeraten. „Kai“, habe er gesagt. „Türen gehen auf und wieder zu. Wenn Du jetzt nicht durchgehst und es läuft später nicht gut, denkst Du vielleicht: Ich bin da nicht hin, weil mein Bruder da war. Und ich hab mich geopfert für ihn.“ (STZN)

22
Jan

Das Staatsorchester Stuttgart beim vierten Sinfoniekonzert

Aus einem Guss

Vier Jahre arbeitete Lutoslawski an seinem „Konzert für Orchester“, dessen triumphale Uraufführung 1954 eine späte Genugtuung war für den im stalinistischen Polen der Nachkriegszeit verfemten Komponisten. Das Stück ist ein singuläres Meisterwerk, das auf grandiose Manier einen Bogen zwischen Tradition und Moderne schlägt, wobei der Titel „Konzert“ auf die quasi solistischen Passagen anspielt, die speziell von den Bläsern und dem Schlagzeug höchste Virtuosität fordern. Seine Programmierung in einer Abokonzertreihe stellt also eine Herausforderung dar – umso höher ist zu schätzen, mit welcher Bravour und Brillanz das Staatsorchester Stuttgart unter Leitung von Alexander Liebreich dieses Werk beim 4. Sinfoniekonzert gespielt hat. Nun darf Liebreich insofern als Kenner des Werks gelten, als er es zusammen mit dem Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks (dessen Chefdirigent er ist) 2014 aufgenommen hat. Kompetenz, die Folgen hatte: seine stringente Dramaturgie bildete die Basis für das konturenscharfe und auch klanglich strukturierte Spiel des Staatsorchesters, das man lange nicht derart homogen gehört hat.
Begonnen hatte der Abend mit Beethovens erster Sinfonie. Auch diese gründet auf der Tradition, schlägt aber einen euphorischen, in die Zukunft weisenden Ton an, den Liebreich und das Staatsorchester gleich mit dem Beginn des Allegro etablierten. Ein rundum überzeugender Beethoven: kammermusikalisch durchgearbeitet speziell im Andante, mit durchgängig sinnfälliger, klarer Artikulation.
Im Spannungsfeld zweier solcher Meisterwerke hat es ein Stück wie Hugo Hermanns Violinkonzert schwer. Das Werk des 1896 in Ravensburg geborenen Schreker-Schülers atmet den Geist der 20er-Jahre, ohne dabei an die Originalität jener Komponisten wie Weill und Strawinsky heranzureichen, deren Einflüsse es verrät. Eine interessante Begegnung war seine Aufführung gleichwohl, zumal der Geiger Kolja Lessing, der es aus der Versenkung geholt hat, mit spürbarem Ausdruckswillen auch technisch profund musiziert hat. (STZN)

12
Jan

Das Trio Midori/Biss/Lederlin musizierte im Mozartsaal

Das wird man in Zukunft wohl häufiger sehen, dass Musiker nicht mehr ihre Noten vor sich aufschlagen, sondern stattdessen einen Bildschirm aufs Pult stellen, bei dem sich die Seiten per Fußpedal „umblättern“ lassen – sofern man diesen altmodischen Begriff für diesen Vorgang noch verwenden möchte. Beim Kammermusikkonzert im Mozartsaal bediente sich der Pianist Jonathan Biss ebenso dieser Technik wie der Cellist Antoine Lederlin, nur Midori an der Geige blieb dem altmodischen Papier treu. Zumindest um Akkulaufzeiten muss sie sich da keine Gedanken machen…
Das Stuttgarter Konzert war die zweite Station einer kleinen Tournee, die das Trio am kommenden Dienstag mit einem Auftritt in der Londoner Wigmore Hall abschließen wird – und ein nachhaltiger Beleg dafür, dass man nicht unbedingt feste Ensembles braucht, um erstklassige Aufführungen von Klaviertrios erleben zu können. Das Programm bestand aus drei Gipfelwerken der Gattung, die gleichzeitig drei musikalische Haltungen repäsentieren: Beethovens Trio G-Dur op.1/2 steht für musikalischen Intellekt und Esprit, Schumanns Fantasiestücke op. 88 verströmen romantischen Zauber und Phantastik, und Dvoráks groß angelegtes Klaviertrio f-Moll op.65 lotet das Spektrum menschlicher Gefühlszustände zwischen tiefster Niedergeschlagenheit und Optimismus in allen Facetten aus. Nun sind alle drei Musiker ausgewiesene Solisten, die sich hier zu einem Triospiel zusammenfanden, das von Konzentration, Stilbewusstsein und dem spürbaren Willen zu Expressivität gekennzeichnet war. Großartig, wie sie jedem Werk mit einer dezidierten Klanglichkeit entsprachen: Strukturell klar durchgezeichnet bei Beethoven, atmosphärisch fein gewirkt bei Schumann und mit fast sinfonischer Fülle bei Dvorák. Einziger Wermutstropfen an diesem Abend war die Dominanz des Pianisten Jonathan Biss, der Midoris feines Geigenspiel mitunter überdeckte. Klangbalance – da sind feste Klaviertrios dann doch im Vorteil.

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8
Jan

Preziosen mit Stil

Vilde Frang zählt sicher zu den interessantesten unter den jungen Geigerinnen. Einige der großen Violinkonzerte und Sonaten hat die 31-jährige Norwegerin bereits formidabel eingespielt, auf ihrer neuen CD „Homage“ nun widmet sie sich den Preziosen des Repertoires – Zugabenstücke, wie sie große Geiger wie Jascha Heifetz oder Fritz Kreisler geliebt haben, von denen auch einige Bearbeitungen auf dieser CD stammen. Dazu zählen Dvoráks „Slawischer Tanz“ op. 46/2, „Sevilla“ von Isaac Albéniz` oder Manuel Ponces zuckersüße „Estrellita“, ergänzt durch virtuose Kabinettstückchen von Wieniawksi oder Bazzini. Bewunderungswürdig, mit welcher Stilsicherheit Vilde Frang jede dieser Petitessen in ihrem Charakter trifft, ohne sie übermäßig mit Bedeutung aufzuladen. Leichtigkeit, Anmut und Farbigkeit zeichnen dabei ihr Spiel vor allem aus, Virtuosität drängt sich nie in den Vordergrund, sondern bleibt Mittel zum Zweck. José Gallardo am Flügel entspricht ihrem einfühlsamen Musizieren ideal. Eine der schönsten Violinplatten der letzten Zeit.

Homage. Vilde Frang, José Gallardo. Warner Classic 0190295805326.

18
Dez

Chopin Evocations mit Daniil Trifonov

Berückende Klangfantasie

Frédéric Chopin gilt als der Klaviermusikkomponist par excellence. Keiner hat die Grenzen des Klaviers derart geistreich ausgelotet, und dass ihn (fast) alle Pianisten lieben liegt mit daran, dass auch kniffligste Passagen nie gegen das Instrument geschrieben sind: Chopins Musik ist immer eminent pianistisch. Daniil Trifonov begibt sich auf seiner neuen CD auf Spurensuche, indem er chopinsche Originalwerke solche anderer Komponisten an die Seite gestellt hat, die sich direkt oder indirekt auf Chopin beziehen. Dazu zählen Griegs flirrende Etüde „Hommage à Chopin“, Tschaikowskys „Un poco di Chopin“, vor allem aber die Variationen des hierzulande wenig bekannten katalanischen Komponisten Federico Mompou über Chopins Prélude No. 7 A-Dur. Welch subtile Facetten Mompou dem schlichten Stück abgewinnt ist dabei ebenso berückend wie Trifonovs Klangfantasie und sein überlegenes Formbewusstsein. Das Spiel des hypersensiblen Russen ist von ungeheurer Leichtigkeit und Delikatesse, wobei er Extreme nicht scheut. In der Introduktion zu Chopins Variationen über „La ci darem la mano“ treibt er die Rubati auf die Spitze, ohne je geschmacklos oder gar sentimental zu werden, in den folgenden Variationen brennt er ein pianistisches Feuerwerk nach dem anderen ab. Nur vordergründig überraschend, dass er in den beiden von Mikhail Pletnev dezent neu orchestrierten und auch dirigierten Klavierkonzerten keine Temporekorde aufstellt: das mögen andere schneller spielen – belebter, sprechender, inspirierter als Trifonov und das Mahler Chamber Orchestra aber nicht.

 

Chopin Evocations 
Daniil Trifonov. Mahler Chamber Orchestra, Ltg. Mikhail Pletnev.
Deutsche Grammophon028947975182. 2 CDs.

10
Dez

Das 3. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart

Jeder wie er kann

Wir sind ja heute daran gewöhnt, in Konzerten nur noch jene Meisterwerke zu hören, die die Zeitläufte überdauert haben. In vielen Museen ist das anders, wo auch Bilder jener zahlreichen Kleinmeister zu sehen sind, die gleichwohl repräsentativ waren für die Kunst ihrer Zeit. Insofern darf man die Idee begrüßen, für die Jubiläumsspielzeit des Staatsorchesters Stuttgart – 425 Jahre existiert es nun – ein Werk von Friedrich Wilhelm Kücken, dem einstigen Kapellmeisters der Württembergischen Hofkapelle, aufs Programm gesetzt zu haben. „Waldleben“ ist Kückens Konzertouvertüre betitelt, ein so effekt- wie wirkungsvoll mit den Topoi des Forsts spielendes Stück, dessen rasante Figurationen sogar die eloquenten Holzbläser des Staatsorchesters in Bedrängnis bringen konnten.
Hart war danach der Bruch zu Toshio Hosokawas Mozart-Hommage „Lotus under the Moonlight“ mit Nicolas Hodges als überlegen disponierendem Solisten am Flügel: ein zwischen meditativer Versenkung und oszillierenden Klangballungen changierendes Stück, das die Symbiose zwischen japanischer Reduziertheit und der Komplexität neuer Musik zumindest sucht – und vielleicht noch überzeugender in seiner Wirkung gewesen wäre, hätte Dirigent Sylvain Cambreling sich mehr um klangliche Differenzierung gekümmert. Der Eindruck eines klanglichen Laissez-faire verfestigte sich dann bei Dvoráks neunter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, dem die Dramaturgie aus unerfindlichen Gründen Charles Ives´ berühmtes „The Unanswered Question“ quasi als Präludium voranstellte.
Nicht nur herrschte bei Dvorák in Fortissimopassagen offenbar die Devise: „Jeder so laut wie er kann!“. Gravierender noch wirkte sich die Absenz einer dramaturgischen Konzeption aus. Anstatt den Anfang vom Ende her zu denken, die Teile der Sinfonie in Beziehung zum Ganzen zu setzen, zerfiel Cambreling das Werk in lauter heterogene, unverbundene Teile. Hektisch die Ecksätze, bar jeder Innenspannung das Largo. Das Staatsorchester bleibt da weiter unter seinen Möglichkeiten. (STZN)

4
Dez

Cherubinis „Medea“ an der Staatsoper Stuttgart

Der Mythos und der Müll

Gegenüber den Schrecken, die in antiken Mythen ausgebreitet werden, wirken selbst Krimischocker harmlos. Da werden Köpfe und Gliedmaßen abgeschnitten, Menschen zerstückelt und gekocht und auch die letzten moralischen Tabus gebrochen, wobei Eros und Gewalt die dominierenden Antriebe sind. Mit der eigenen Mutter zu schlafen und den Vater zu töten wie Ödipus, oder – Gipfel des Horrors – aus Rache am Ehepartner die eigenen Kinder umzubringen, wie Medea in Euripides´ gleichnamiger Tragödie. Auf der wiederum beruht Cherubinis Oper Medea, die nun in einer Neuinszenierung von Peter Konwitschny im Stuttgarter Opernhaus Premiere hatte.
Grundsätzlich erzählen uns diese Mythen mehr über die Menschen als über die Götter. Das Grauen, das uns beim Lesen oder Zuschauen erfasst, ist ja zugleich das Grauen über uns selbst und über das, wozu Menschen fähig sind – dass Eltern ihre Kinder töten, kommt ja in der Realität hin und wieder vor. Gleichwohl ist in unserer von humanistischen Idealen und konsumistischer Befriedung gleichermaßen geprägten Zeit die Existenz solch atavistischer Triebe schwer auszuhalten, und so hat sich Konwitschny für seine Inszenierung den naheliegendsten Verdächtigen ausgesucht, dem das ganze Übel zugeschrieben werden kann: den Kapitalismus.

Mit den Seelen der Menschen hat dieser auch gleich die Umwelt zerstört, und so sehen wir auf der Bühne der Staatsoper eine Art schwimmende WG-Wohnküche innerhalb eines Meers aus Plastikmüll. Ein Floß der moralisch Depravierten, auf dem es überwiegend lustig zugeht, denn die Protagonisten sind meist leicht angeschickert – immer wenn es ernst zu werden droht, machen sie eine Bierdose auf. Das gilt für den Korintherkönig Kreon, einem Vorstadtplayboy im Elvis Presley-Look, wie für Medeas Noch-Gatten Iason. Der ist froh, nach dem Argonautenabenteuer seine Ruhe und mit Kreons Tochter Kreusa eine neue, weniger problematische Frau zu haben, wofür er Kreon das mit Medeas Hilfe erbeutete Goldene Vlies – hier ein Schalenkoffer mit nicht näher beschriebenem Inhalt: Diamanten, Drogen? – überlassen hat. Das Volk ist partymäßig aufgebrezelt und ansonsten leicht zufriedenzustellen. Aufkommende Konflikte werden mit Alkohol, Geld oder Geschenken aller Art im Zaum gehalten. Im ersten Akt bringen Boten immer neue Hochzeitspräsente, deren Verpackungen aufgerissen und ins eh schon vermüllte Meer geworfen werden – Spielzeug, einen Babysitz fürs Auto und – eine Kaffeemaschine! Konsumkritik, klar, allerdings auf derart plakative Weise, dass man sich nicht nur an dieser Stelle fragt, ob wirklich Peter Konwitschny dahintersteckt. Der gilt als Dialektiker, der in vielen seiner Inszenierungen jene Widersprüche aufgedeckt hat, in die sich moderne Gesellschaften verstricken. Dass dabei das Sein das Bewusstsein bestimmt, die Verhältnisse den Menschen formen und deformieren, ist ein immer wiederkehrendes Motiv in seinen Arbeiten, und wie im Programmbuch zu lesen ist, hoffen er und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker, der Zuschauer möge eine Verbindung herstellen zwischen dem Müllhaufen auf der Bühne und seinem eigenen Lebensumfeld. Das, so Konwitschny, könne doch nicht so weitergehen. An dieser Stelle könnte man die Frage nach dem Sinn von Kunst stellen. Ob sie wirklich dazu dienen soll, unser Konsum- und Recyclingverhalten zu optimieren? Oper mit Ökosiegel? Dann freilich wäre der Etat für eine solche Produktion wohl besser in eine Müllverbrennungsanlage in einem Schwellenland investiert worden.

Vielleicht aber auch in ein anderes Stück, denn nicht ohne Grund ist Cherubinis Medea selten auf Spielplänen anzutreffen. Ästhetisch kaum zu kitten erscheint der Bruch zwischen den gesprochenen und den gesungenen Passagen. Sänger sind nun mal keine Schauspieler, und angesichts des gestelzt-pathetischen Tonfalls, mit dem sie in Stuttgart deklamieren, war ihnen offenbar auch die Dramaturgie keine große Hilfe. Auch die Entscheidung, das französische Libretto übersetzen zu lassen, wirft Probleme auf. Übersetzungen von Opernlibretti sind ja nicht zuletzt deshalb aus der Mode gekommen, weil für einen Komponisten die Phonetik eines Textes bei der Wahl seiner musikalischen Mittel durchaus eine Rolle spielt. Dazu konnten sich die Übersetzer wohl nicht so recht auf einen Stil einigen. Formulierungen wie „Diese edle Tat wird Ihnen sicher reich vergolten“ stehen da neben Umgangssprachlichem wie „Der Abschied ist hart“. Das ist es auch für den Zuhörer.

Vielleicht wäre Cherubinis Medea heute längst in den Archiven verschwunden, hätte nicht in den 50er Jahren Maria Callas für eine kleine Renaissance gesorgt, jene Tragödin, die wie keine andere Frauen im Grenzzustand zwischen Hysterie und Wahnsinn auf der Bühne verkörpern konnte. Und auch wenn Cornelia Ptassek nicht über die Rasierklingenstimme der Callas verfügt, so lässt ihr wandlungsfähiger Sopran doch etwas von dem dramatischen Furor anklingen, den Cherubini den Arien seiner Protagonistin eingeschrieben hat. Ihrem hohen vokalen Niveau entsprechen auch Iason (geschmeidig und mit Metall in der Stimme: Sebastian Kohlhepp), Kreon (bassmächtig: Shigeo Ishino), Kreusa (fein: Josefin Feiler) und Neris (anrührend: Helene Schneiderman), wie der Abend musikalisch insgesamt auf gutem Niveau ist. Alejo Pérez setzt das Staatsorchester gleich in der Ouvertüre mächtig unter Strom, und beim Gewittergrollen im Vorspiel zum dritten Akt kann man für kurze Zeit etwas spüren von jenem dumpfen Grauen, das die Regie in ihrem Weltverbesserungsethos szenisch so erfolgreich getilgt hat.

(STN)

20
Nov

Menahem Pressler spielt Mozartsonaten

Es ist kein Mangel an exzellenten Gesamteinspielungen der Klaviersonaten Mozarts. Man sollte also schon einen guten Grund haben, die Diskografie um eine weitere Aufnahme zu bereichern, und da darf man die Unternehmung des jetzt 93-jährigen Menahem Pressler schon tollkühn nennen. Vor zweieinhalb Jahren hat der Pianist die erste CD mit drei Mozartsonaten herausgebracht, nun folgt mit den Sonaten KV 333 und KV 457 sowie der Fantasie KV 475 die zweite. Aber abgesehen davon, dass Pressler, falls er in dem Tempo weitermacht, bei der letzten Veröffentlichung schon die Hundert überschritten haben dürfte und bei allem Respekt, den man dem Hochbetagten für seine Lebensleistung zollen muss: konkurrenzfähig ist diese Aufnahme nicht. Beim Konzert mag die Aura des Künstlers manches kompensieren, auf der CD kommen die pianistischen Defizite schonungslos ans Licht. Holprige Tonleitern, verhuschte Triller, trotz bedächtiger Tempi werfen ihn schon die Sechzehntel im 3. Satz von KV 333 fast aus der Spur, von klanglicher Gestaltung ganz zu schweigen. Alfred Brendel wäre das nicht passiert.

Menahem Pressler. Mozart Sonaten KV 333 und KV 457, Fantasie KV 475. La dolce volta 34 (Vertrieb Harmonia Mundi).

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