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1
Aug

Schöner Gruß aus Syrakus

 

Schreiben Sie noch Urlaubskarten? Solche mit malerischen Sonnenuntergängen, drallen Popos und pittoresken Stadtansichten mit Rotstich? Dann gehören sie zu einer aussterbenden Spezies. Wer modern ist, der hat nämlich schon längst vom analogen Beschriften, umständlichen Markenaufkleben und Im-Kasten-Versenken auf digitale Medien umgestellt. Man setzt sich halt kurz ins Internetcafé (die Dinger findet man zwischen Nordkap und Marrakesch mittlerweile in fast jeder Fußgängerzone) und schreibt ein paar Mails. Oder, noch einfacher, verschickt von seinem Handy SMS. Das geht schnell und man kann sicher sein, dass die Botschaften ankommen, bevor man wieder zu Hause ist. Man kennt ja schließlich die Post in südlichen Ländern.

Aber, mal ganz ehrlich: Kann das ein Ersatz sein? Es ist mit Urlaubskarten wie mit vielen Dingen: man merkt erst dann, dass sie einem wichtig sind, wenn sie plötzlich ausbleiben. Auch bei mir herrscht dieses Jahr Ebbe im Briefkasten. Die bislang einzige Ausbeute des Sommers stammt von zwei daheimgebliebenen Freunden. Sie schickten mir ein Foto ihres heimischen Gartens: aus „Jardinien“, wo es, wie sie versichern, mindestens so schön sei wie im Süden, halt ohne Meer. Das fand ich nett. Aber wahrscheinlich war bloß ihr Internetanschluss kaputt.

Noch schöner sind aber handgeschriebene Urlaubskarten, wenn sie aus fernen Ländern kommen. Mit netten Sprüchen wie “Strand ist schön, Wetter ebenso, und Susi ist schon so braun, dass man sie vom Bettlaken unterscheiden kann.“ Oder mit Hotelansichten und angekreuzten Fenstern („Hier wohnen wir!“) oder auch bloß hübsch gereimt: „Ein schöner Gruß aus Syrakus.“ Die kann man man anfassen (Sandreste?), daran riechen (Strand? Sonnenöl?), und wer weiß, vielleicht sind ja auch noch ein paar Rotweinflecken aus der Taverne drauf.

Mal ehrlich: Was sind dagegen E-mails?

Nun muß ich ja eines zugeben: Auch meine Kartenschreibfrequenz hat in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Doch nächstes Jahr wird alles anders. Ich werde nicht mehr mit Verachtung an den Andenkenläden mit ihren vollgepackten Ständern vorbeigehen, sondern dort die schönsten und originellsten Motive für meine Lieben daheim auswählen. Mir hübsche Formulierungen ausdenken, unter Mühen herausfinden, wo man in diesem Land Briefmarken kaufen kann und die Stapel im zuständigen Postkasten versenken. Dafür bleibt das Handy kalt. Und dann kann ich nur noch hoffen, dass mir im nächsten Sommer Selbiges widerfährt und mir die bunten Kärtchen wieder Tag für Tag aus dem Briefkasten entgegenlachen. So wie früher. Das wäre schön. (Stuttgarter Zeitung)