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4
Dez

Marc-André Hamelin spielte in Stuttgart

Mit kaltem Feuer

Foto: Fran Kaufmann

Mit „Unspielbarem“ von Komponisten wie Leopold Godowsky oder Charles Alkan ist der franko-kanadische Pianist Marc-André Hamelin bekannt geworden, seither begleitet den äußerlich bescheiden auftretenden Pianisten der Ruf des Hypervirtuosen. Hamelin ist freilich klug genug, diese Erwartungen auch gelegentlich zu unterlaufen. Als erste Zugabe seines Recitals in der Meisterpianistenreihe etwa spielt Hamelin das Allegro aus Mozarts Sonate C-Dur „facile“ KV 545. Hamelin musiziert diesen Ohrwurm mit leicht ironischem Unterton, nicht rasend schnell, dafür mit einem ungeheuren Reichtum an Artikulationsfinessen – Virtuosität, nach innen gewendet. Humor beweist Hamelin auch in der zweiten Zugabe mit einer eigenen Version des Chopin´schen Minutenwalzers, dem er in der Wiederholung ein paar Sekundreibungen untergejubelt hat, sehr zum Pläsier des Publikums. In der dritten und letzte Zugabe wird er dafür wieder ganz ernst: mit einer wunderbar innig ausgespielten Bearbeitung Liszts von Chopins Chant polonaise „Meine Freuden“ op. 74.
Liszts Klaviermusik ist eine Konstante in Hamelins Repertoire. Auf der im letzten Jahr erschienen CD hat er unter anderem die h-Moll-Sonate aufgenommen, die auch den Abschluss seines Programms im Beethovensaal bildet. Davor spielt er aber noch eines jener  Spätwerke, mit denen Lizst schon die Tür zur Moderne einen Spalt aufgestoßen hat: das grüblerische Stimmungsbild „Nuages gris“. Dessen verdichtete Faktur zeichnet Hamelin mit feinstem Pinsel nach, jeden Ton auf die Goldwaage legend. Hier ist nichts dem Zufall oder der Stimmung überlassen, und wenn man bei Hamelins souveräner Interpretation der h-Moll-Sonate irgend etwas kritisieren könnte, dann vielleicht, dass dieser Pianist – nicht zuletzt dank seiner schwerelosen Technik – immer auf der sicheren Seite musiziert. Entäußerung ist seine Sache nicht – Hamelins Feuer bleibt auch in den  virtuosesten Auftürmungen ein eher kaltes. Im Gegensatz etwa zur großen Elisabeth Leonskaja, die vor einigen Jahren an gleicher Stelle die h-Moll-Sonate spielte und sich dabei mit Haut und Haaren verzehrte. Man war als Hörer danach ebenso aufgewühlt wie die Pianistin selbst.
Ein idealer Interpret ist Hamelin aber für Werke Debussys. Die „Images“ und „L´Isle Joyeuse“, bei denen allzuviel Subjektivität stören würde, spielt Hamelin mit einer Nuancierungs- und Klangkunst, die vollendet wirkt. Der bei Liszt gelegentlich hart und bedeckt klingende Fazioliflügel blüht in den „Reflets dans l´eau“ auf, die Obertöne leuchten, in der „Hommage à Rameau“ scheint der Flügel gar ein kleines Orchester zu evozieren.
Ganz aus der Idiomatik des Klaviers dagegen hat Busoni seine Sonatina seconda entwickelt, die Hamelin in ihrer intrikaten Klanglichkeit minutiös auffächert. Und ob ein  Flügel wie eine Orgel klingen kann? Mit Bachs Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 hat es Hamelin zumindest versucht. (StZ)

25
Jan

Marc-André Hamelin in der Meisterpianistenreihe

 

Die meisten Pianisten dürften sich glücklich schätzen, sie könnten mit zehn Fingern so gut spielen wie dieser Marc-André Hamelin mit fünf. Hätte man es nicht gesehen, wäre man kaum auf die Idee gekommen, dass dessen erste Zugabe, eine selbst geschriebene Etude nach einem Wiegenlied Tschaikowskys, allein mit der linken Hand gespielt wurde, derart vollständig erschien die musikalische Faktur: ein kantables Thema, begleitet von einem weit ausgreifenden akkordischen Satz, klanglich perfekt abgetönt. Unfassbar.

Dass viele den Franko-Kanadier für den besten Pianisten unserer Zeit halten, liegt allerdings nicht allein an dessen zirzensischen technischen Fähigkeiten. Denn Hamelin ist eben auch ein blitzgescheiter, hochsensibler Musiker, der sein immenses Talent immer in den Dienst einer musikalischen Idee stellt. Das Auftaktstück etwa, Haydns Sonate e-Moll Hob. XVI:34, fasste er als Spielmusik auf: aus einer klassischen Distanz heraus beleuchtete er das Stück von allen Seiten, klopfte es ab auf metrische Verschiebungen und spielte mit allen denkbaren Artikulationsarten zwischen Staccato und Legato. Vor allem das gedankenverlorene Adagio verströmte dabei eine fast rokokohaft verspielte Grazie, wozu auch die celestahaft funkelnden Töne beitrugen, die er dem Fazioliflügel entlockte. Künstlich, aber nicht kühl.

Hatte Hamelin den Flügel hier dynamisch im Zaum gehalten, so zeigte er in Schumanns Carnaval op. 9 eine geradezu orchestrale Fülle. Das Stück ist eine tönende Weltbühne, auf der Schumann neben den Figuren der Comedia dell´arte auch musikalische Protagonisten der Zeit wie Paganini oder Chopin auftreten lässt. Die blitzartigen Verwandlungen in diesem Maskenspiel erfordern pianistische Charakterisierungskunst, gleichermaßen kühlen Kopf und heißes Herz. Über beides verfügt Hamelin: Brillanz und Intimität, Pathos und Naivität stellt er dicht an dicht und spannt einen großen Bogen über die tönenden Skizzen, begreift sie als Kapitel einer Erzählung.

Das Werk des in Berlin geborenen jüdischen Komponisten Stefan Wolpe, der vor den Nazis in die USA emigrieren musste, ist bis heute in Deutschland wenig bekannt. So erscheint Hamelins Interpretation von dessen Passacaglia op. 23 wie eine Rehabilitation: großartige Musik von expressionistischer Kraft ist das, die derart fulminant gespielt einen regelrechten Sog entwickeln kann. Eine pianistische Exaltation, nach der Faurés Barcarole Nr. 3 Ges-Dur wie eine Traumvision wirkte: eine Skizze aus den Kanälen Venedigs, das Schillern des Wassers gedämpft durch einen Gazeschleier aus Nebel.

Mit Franz Liszts Opernparaphrase „Réminiscences de Norma“ bewies Hamelin schließlich noch einmal seine Führungsrolle unter den Tastenvirtuosen unserer Zeit: bezwingender, souveräner, leichthändiger meistert diese Höchstschwierigkeiten zurzeit keiner. Jubel und stehende Ovationen im gut besetzten Beethovensaal.(Stuttgarter Zeitung)