Beiträge mit ‘Lachenmann’ verschlagwortet

11
Feb

Eclat Festival Stuttgart 2013 Abschlusskonzert

Nichts geht über Lachenmann

Gerade setzten die Streicher des Arditti Quartetts zum finalen Unisono in Wolfgang Rihms neuem Streichquintett an, da tüdeldüdelte er herein, wie ein vorlauter Einwurf aus der klassisch-romantischen Gegenwelt: ein Peer-Gynt-Handyklingelton. Als Abschluss des diesjährigen Eclat-Festivals war das eine Pointe, wie sie wohl John Cage gefallen hätte: schwang doch für den Zen-Dialektiker im Yin ebenso immer das Yang mit wie im Zeitgenössischen die Tradition latent präsent ist. Auf diese bezieht sich auch Rihm in seinem Streichquintett „Epilog“: Es beginnt mit jenem C-Dur-Akkord, mit dem Schuberts großes Vorbild endet. In seiner Auftragskomposition für Eclat evoziert Rihm mit schillernden Akkordflächen zunächst eine traumhaft-surreale Atmosphäre. Alsbald aber wird die zarte Textur von jenen Pizzicati zerlöchert, die sich die beiden Cellisten – Jean Guihen Queyras ergänzte das Arditti Quartett als Gast – zuwerfen. Auf dem Höhepunkt expressiver Verdichtung nimmt das Stück den Gestus des Anfangs wieder auf. Ein solide gemachtes Werk und ein standesgemäßer Abschluss für die Ägide Hans-Peter Jahns, der nach 30 Jahren die Leitung des Eclat-Festivals an Björn Gottstein und Christine Fischer abgibt.

Den Höhepunkt des Abschlusstages bildete gleichwohl ein Werk von Rihms kompositorischem Antipoden: Helmut Lachenmann. „Concertini“, 2005 uraufgeführt, kann durchaus als eine Art opus summum des Altmeisters betrachtet werden. Zwei aus dem RSO gebildete, vom kurzfristig eingesprungenden Matthias Herrmann gut koordinierte Ensembles waren dazu auf der Bühne und hinter den Zuhörern im T1 des Theaterhauses platziert – Raumklangmöglichkeiten, die Lachenmann in diesem Werk ebenso konsequent nutzt wie das Klangpotential der Instrumente, das er wahrscheinlich eingehender erforscht hat als jeder andere Komponist. Dabei geht er für die „Concertini“ weit über jene negative Ästhetik hinaus, mit der er einst „affirmative“ Klänge weitgehend ausgeschlossen hat. Streicher dürfen das tun, was ihre Bezeichnung vorgibt, Bläser ebenso, und auch die in „Salut für Caudwell“ noch ausschließlich auf Schaben, Schnarren und Schlagen reduzierte Gitarre darf sich hier in einer nachgerade virtuosen Kadenz austoben. Gefällig sind die Concertini dennoch nicht. Zwar bezieht Lachenmann auch so etwas wie Tonhöhenstrukturen mit ein, von Melos aber ist das weit entfernt. Die Differenziertheit, mit der dieses gewaltige, allenfalls ein wenig zu lange Werk die Übergangszustände zwischen Geräusch und Ton ausleuchtet und dabei immer neue, überraschende Möglichkeiten klanglicher Kombinatorik eröffnet, ist trotzdem überwältigend.

In dem Konzert am Sonntagnachmittag konnte man zuvor ein Panorama zeitgenössischen Komponierens hören: etwas überambitioniert Josep Sanz´ Versuch einer Dekonstruktion des Musters Klavierkonzert, nachhaltig fesselnd dafür Natalia Gaviolas introspektives Duo für Cello und Akkordeon mit Jean-Guihen Queyras und Teodoro Anzellotti als kongenialen Interpreten. Dazu ein etwas altmeisterlich anmutendes Quasi-Cellokonzert von Manuel Hidalgo und – wie eine Insel der Kontemplation inmitten all der Klangwogen – Martin Smolkas Akkordeonstück „Lamento metodico“. Das klang fast wie Arvo Pärt. (StZ)

 

 

 

21
Feb

Helmut Lachenmanns „Got lost“ im Württembergischen Kunstverein

 

Es ist eine viel diskutierte Frage: sollte sich die Kunst auch dorthin bewegen,wo sich Menschen aufhalten, also auf öffentliche Plätze wie Fußgängerzonen und Bahnhöfe, oder muss, wer etwa Musik hören möchte, dazu deren angestammte Aufführungsorte aufsuchen? Nach Ausflügen in Straßenbahnen, Autohäuser und auf Verkehrskreuzungen hat sich die Zeitoper-Reihe der Stuttgarter Staatsoper, zu deren Selbstverständnis die Auseinandersetzung mit dieser Frage gehört, nun in einen originären Kunst-Raum begeben: dem Württembergischen Kunstverein nämlich, wo sie diesmal nicht die Begegnung mit dem Profanen, sondern mit dem Künstlerischen, in diesem Fall den Gemälden von Michael Borremans, gesucht hat. Dazu hat der Dramaturg Xavier Zuber das Stück „Got lost“ für Klavier und Sopran von Helmut Lachenmann szenisch eingerichtet. Borremans selbst war für die Kostüme verantwortlich, die Aufführung fand mitten in der Ausstellung, umgeben von Borremans Bildern statt. Die zeigen auf den ersten Blick ganz normale Motive – Körper, Gesichter, Tiere. Doch ist all diesen Darstellungen ein Moment der Irritation gemeinsam: mal fehlt ein Auge, mal ein Unterleib, oft sind die Konturen beunruhigend verwischt.Je länger man durch die Ausstellung geht, umso mehr baut sich ein subtiler Horror auf – nichts ist hier, was es zunächst scheint, und je länger man hinschaut, desto mehr verstörende Details offenbaren sich. In einem Film zeigt der Künstler ein einziges Foto von sitzenden Personen, aber wie auf alten Super-8-Streifen in schwankenden Belichtungen – das Moment der Zeitlichkeit dringt auf diese Weise subtil ein in die Statik bildnerischer Darstellung.

Ganz ähnlich verfährt Helmut Lachenmann, wenn er den Zeitcharakter der Musik etwa dadurch aufbricht, dass er die Sopranistin sekundenlang Konsonanten dehnen lässt oder Klavierakkorde wie Klangflächen im Raum stehen lässt. Gut möglich, dass es an solchen grundsätzlichen Analogien von Komponist und Künstler liegt, dass diese Aufführung eine derartige Faszination entwickelt – ja, man fast den Eindruck hat, als sei das Stück, in dem Lachenmann Texte von Nietzsche, Fernando Pessoa und die Notiz einer Waschfrau kombiniert, originär szenisch angelegt.

Wie Borremans die Bildwelt ins Kippen bringt, so spielt Lachenmann auf virtuoseste Weise mit den Kategorien der Klänge, setzt Klavier und Gesang, Geräusch und Töne in vielfältige Korrespondenzen. Die wunderbare Yuko Kakuta tiriliert, gurrt, schnalzt und schnauft, die Saiten des geöffneten Flügels bündeln ihre Töne zu Akkorden, auch der Pianist Stefan Schreiber beteiligt sich vokal an diesem schillernd-schrägen Gesamtkunstwerk, das nicht zuletzt durch seinen absurden Witz besticht. Denn Borremans hat die Akteure – neben Sängerin und Pianist noch drei stumme Darsteller – in eine Art Western-Ausgehuniform mit Cowboyhüten und -stiefeln gesteckt und lässt sie darin mehr oder weniger sinnfreie Aktionen ausführen. Man versteht wenig, im herkömmlichen Sinne, auch die Texte haben kaum mehr als lautmalerische Funktion. Fast scheint es, als sei man in eine andere Welt versetzt, in der die üblichen Normen keine Gültigkeit haben. Ein Karneval? Große Kunst auf jeden Fall. (Stuttgarter Zeitung)