Beiträge im Archiv Januar 2026

„Die Besten studieren künstlerisch“

11.
Jan..
2026

Den Musikschulen im Land droht ein eklatatanter Lehrermangel

Eigentlich ist Tübingen ja eine attraktive Stadt. Doch selbst die Tatsache, dass die Tübinger Musikschule unlängst in einen bestens ausgestatteten Neubau umziehen konnte, hat nicht dazu geführt, dass die ausgeschriebene Stelle als Blockflötenlehrer besetzt werden konnte. Eine Bewerbung habe es zwar gegeben, so der Musikschulleiter Ingo Sadewasser. Doch wäre diese wieder zurückgezogen worden.
Das ist kein Einzelfall. Immer mehr Musikschulen in Deutschland mangelt es an Fachpersonal, und das nicht nur im Fach Blockflöte. Auch bei Instrumenten wie Klarinette, Saxofon oder Gitarre, so Sadewasser, sei die Situation „sehr schwierig“. Zwar habe man in Tübingen bisher die meisten freiwerdenden Stellen wieder besetzen können. In ländlichen Regionen, so berichtet Sadewasser, der auch Vorsitzender des Landesverbands der Musikschulen Baden-Württemberg ist, sei die Situation noch viel schlimmer.„Da kämpfen die Musikschulleitungen, um überhaupt Leute zu finden“.
Das Problem existiert schon länger. Vor allem im Bereich der Elementaren Musikpädagogik, der an Musikschulen in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde, ist der Markt an Lehrkräften praktisch leergefegt. Nach der jüngst in Berlin vom Deutschen Musikrat vorgestellten „MiKADO-Musik“-Studie wird sich der Mangel bis zum Jahr 2035 derart verstärken, dass die Musikschularbeit insgesamt ernsthaft gefährdet ist. Im Zentrum der Studie steht eine Hochrechnung, nach der bis zum Jahr 2035 14.700 Musiklehrer in den Ruhestand gehen werden. Demgegenüber stehen aber nur ca. 4.000 Absolventen musikpädagogischer Studiengänge, was bedeuten würde, dass etwa drei Viertel der freiwerdenden Stellen nicht mehr besetzt werden könnten. Aktuell unterrichten rund 35.000 Musiklehrer etwa 1,5 Millionen Schüler – knapp eine halbe Million Schüler würden dann keinen Musikunterricht mehr erhalten.
Die Ursachen sind vielschichtig. Nach der Ansicht von Friedrich-Koh Dolge, der als Leiter der Stuttgarter Musikschule und Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen an der MiKADO-Studie beteiligt ist, liegt das nicht zuletzt am wenig attraktiven Berufsbild des Musikschullehrers, das sich in der tariflichen Einstufung ausdrückt. Zwar habe, so Dolge, sich der Anspruch an den Beruf in den letzten 25 Jahren massiv verändert. „Nicht zuletzt durch die vielen Bildungskooperationen haben wir vermehrt Gruppenunterricht mit teilweise sehr heterogenen Gruppen. Das Thema Inklusion kommt noch hinzu.“ Dennoch sei die Einstufung seit 37 Jahren nicht angepasst worden. Im TvöD sind Musiklehrer mit Hochschulabschluss in die Stufe 9b eingruppiert – andere pädagogische Fachkräfte, etwa angestellte Grundschullehrer, werden mindestens nach Stufe 12 bezahlt. In unseren Nachbarländern, so Dolge, sei das anders. In Österreich ständen die Musikschullehrer beim Gehalt zwischen Primar- und Sekundarschullehrern. Noch besser sei es in der Schweiz. „In Zürich verdient ein Musiker des Tonhallenorchesters genauso viel wie der Lehrer an der Musikschule.“
Das zeigt Wirkung. So gibt es in den südlichen Teilen von Baden-Württemberg eine Abwanderung in die Schweiz, in Bayern gehen viele Musiklehrer nach Österreich. Und da es auch an allgemeinbildenden Schulen an Musiklehrern mangelt, verlieren die Musikschulen auch in diese Richtung Lehrkräfte.
Die Vergütung ist aber nur ein Faktor. Ein anderer ist das Image der Musikpädagogik in vielen Bereichen der Musikhochschulen. „Die Besten, die wirklich was können, studieren künstlerisch, die nicht so gut sind, dann halt Instrumentalpädagogik“, so äußerte sich ein Musikstudent im Zusammmenhang mit der MiKADO-Studie.
Karolin Schmitt-Weidmann, die als Professorin für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Stuttgarter Musikhochschule auch Kooperationen mit Musikschulen leitet, bestätigt zwar diese unter Musikstudenten noch weit verbreitete Haltung, betont aber, dass diese nicht von den Professoren vermittelt würde. Freilich: auf der Seite „Preise, Auszeichnungen & Engagements“ der Musikhochschule findet man zwar reichlich Erfolgsmeldungen in Form ergatterter Orchesterstellen. Meldungen über Anstellungen an Musikschulen sucht man dort aber vergeblich.‘
Bis zur Gleichstellung künstlerischer und pädagogischer Studiengänge dürfte es also noch ein weiter Weg sein, auch wenn der Rektor der Stuttgarter Musikhochschule, Axel Köhler, großen Wert darauf legt, seine Studenten umfassend auszubilden: wer in Stuttgart künstlerisch studiere, so Köhler, könne selbstverständlich parallel einen pädagogischen Studiengang belegen. Möglicherweise wäre das für viele auch eine sinnvolle Option. Denn wie die MiKADO-Studie auch zeigt, werden bis zum Jahr 2035 ca. 3.000 Stellen in deutschen Orchestern frei. Die Absolventenzahl aus den künstlerischen Studiengängen der Musikhochschulen ist mehr als fünfmal so hoch.

Die „MiKADO-Musik“-Studie entstand auf Initiative der „Arbeitsgemeinschaft der Leitenden pädagogischer Studiengänge“ und des „Ausschusses Künstlerisch-Pädagogische Studiengänge“ der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen. Unter Mitwirkung zahlreicher Studieninstitutionen und mit Unterstützung des Deutschen Musikrats und des Verbands deutscher Musikschulen wurde in einem breit angelegten Crowd-Research-Projekt mit über 50 Forschungsgruppen untersucht, wo die Ursachen für den sich schon länger abzeichnenden Mangel an Musikpädagogen liegen und mit welchen Maßnahmen dem begegnet werden kann. Dabei liefert die im November 2025 veröffentlichte Untersuchung erstmals breit empirisch abgesicherte Daten zu Faktoren, die junge Menschen davon abhalten, ein musikpädagogisches Studium aufzunehmen.

Patricia Kopatchinskaja und das Rotterdam Philharmonisch Orkest

11.
Jan..
2026

Wenn es eine Musikerin gibt, die so gar nicht jenem Ideal der klassischen Premiumsolistin entspricht, wie es etwa in der Person von Anne Sophie Mutter verkörpert wird, dann ist es wohl Patricia Kopatchinskaja. Das fängt bei der Kleidung an, mit der sie, in der Regel barfüßig, auf die Bühne kommt – an diesem Abend war es eine Art roter Kimono in XXL- Format – und hört bei ihrer Spielweise, zum Glück, nicht auf. Faszinierend, wie die gebürtige Moldawierin nun am Montagabend beim Konzert mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest die ehrwürdige Meisterkonzertreihe zumindest teilweise gegen den Strich gebürstet hat.

Klischees auf die Spitze getrieben

Dabei war ihr Maurice Ravels Konzertrhapsodie „Tzigane“ die ideale Vorlage, bildet doch die Zigeunermusik den Urkern dieses facettenreichen Stücks, mit dem Ravel, nach eigener Aussage, das „Ungarn seiner Träume“ imaginiert hat. Traumhaft, gebrochen, irreal – das charakterisiert die Art und Weise gut, mit der Kopatchinskaja das klischeehaft Folkloristische derart auf die Spitze trieb, dass der ironische Subtext, das latente Als-Ob des Werks exemplarisch hörbar wurde. Manisch, wie eine wild gewordene Roma-Geigerin spielte sie die improvisatorische Soloeinleitung des Werks, nach der ihr das von ihrem Furor merklich animierte Orchester emphatisch folgte.

Der Beifall im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle war herzlich – und da es noch zeitig war an diesem Abend, gab Patricia Kopatchinskaja mit Musikern des Orchesters noch einige kammermusikalische Einlagen zu: Ravel, Bartók und Milhaud. Mitreißend auch das.

Lahav Shani bleibt hinter den Erwartungen zurück

So fesselnd das war, so konventionell geriet der Rest des von Lahav Shani dirigierten Programms. Begonnen hatten die Niederländer mit der Ouvertüre „Cyrano de Bergerac“ des hierzulande kaum bekannten niederländischen Komponisten Johan Wagenaar. Ein melodienreiches, farbig instrumentiertes Werk, das die technischen Qualitäten des Orchesters ins Licht rückte, ohne dass es einen nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Dramaturgisch stand es mit Ravel ebenso wenig in einem Zusammenhang wie die nach der Pause gespielte 3. Sinfonie Beethovens, die man auch schon spannender gehört hat.

Zwar hielt Lahav Shani die Musik immer im Fluss, phrasierte elegant und konnte sich dabei auf die Qualitäten seiner Bläsersolisten immer verlassen.

Insgesamt fehlte jedoch seiner domestizierten, streicherlastigen Interpretation jener revolutionäre Impetus, der die „Eroica“ in ihrer Brisanz tatsächlich begreifbar machen könnte.

Das Goldmund Quartett mit Mona Asuka in Stuttgart

11.
Jan..
2026

Ein schöner Klang, das ist klar, setzt gute Instrumente voraus. Das gilt besonders für Streichquartette, deren Gesamtklang im Idealfall mehr ist als die Summe seiner Teile – so haben berühmte Quartette meist eine spezifische, als Markenzeichen dienende Farbe.
Im Fall des Goldmund Quartetts nun spielt dieser Faktor eine besondere Rolle, musizieren die vier Herren doch seit 2019 auf dem sogenannten Paganini-Quartett, einer Sammlung von vier Instrumenten des legendären Antonio Stradivari aus dem Nachlass Niccolò Paganinis. Die sind zwar, angesichts der astronomischen Preise kaum anders denkbar, „nur“ eine Leihgabe – aber eben auch ein Alleinstellungsmerkmal für das seit 2009 in unveränderter Besetzung spielende Quartett, das nun mit der Pianistin Mona Asuka im Mozartsaal aufgetreten ist.
Und wie klingt es nun, das millionenschwere Streicherholz? Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 ist das erste Stück des Abends, und schon in den Eingangstakten frappiert diese ungemein edle klangliche Signatur: auf distinkte Weise dunkel gebeizt, dabei leuchtend und mit strahlender, aber niemals scharfer Höhe erscheint der Klang, dessen Spektrum enorm ist. Je nach gewünschtem Ausdruck lassen sich aus den Stradivaris sowohl betörend süße Kantilenen wie auch – speziell in der Bratsche – knorrige Knarzigkeit kitzeln.
Zu einem Erlebnis wird der Abend aber erst durch die technische Brillanz und die von Emphase befeuerte Gestaltungskunst, mit der sich das Goldmund Quartett in bester Übereinstimmung mit Mona Asuka die Werke zu eigen macht. Bei Schumanns Geniestreich halten sie klug die Balance zwischen Struktur und sinfonischer Dichte. Alles atmet romantischen Geist, Licht und Schatten halten sich die Waage, die Musik fließt, drängt sich nicht auf.
Bei Brahms gewaltigem Klavierquintett f-Moll op. 34 legen die Fünf dann nach der Pause eine satte Schippe drauf an Schwermut und glühendem Pathos. Mona Asuka am Steinway trägt pianistisch souverän das Ihre bei zu diesem Musizieren aus einem wohl abgestimmten Guss, das einem großen dramaturgischen Bogen folgt und sich im Prestofinale in eine regelrechte Ekstase hineinsteigert.
Das Publikum im gut besuchten Mozartsaal der Liederhalle, vom Durchlebten gleichermaßen beglückt wie erschöpft, feiert das Ensemble mit Ovationen, das noch eine Zugabe aus seiner aktuellen CD mit alpenländisch Folkloristischem gibt: „Augenstern“ von Herbert Pixner.