Beiträge im Archiv April 2026

Grigory Sokolov spielte in der Meisterpianistenreihe der SKS Russ im Beethovensaal Stuttgart

16.
Apr..
2026

Es ist nur noch eine halbe Stunde bis zum Konzertbeginn. Doch die Türen zum Beethovensaal bleiben noch verschlossen, denn drinnen nimmt der Klavierstimmer letzte Korrekturen am dem Steinwayflügel vor, an den sich gleich der vielleicht bedeutendste Pianist der Gegenwart setzen wird: Grigory Sokolov.

Dessen Anspruch an das Instrument ist ebenso hoch wie der an sein Spiel. Denn wo es um die perfekte Durchformung des Klanges geht, muss auch der Flügel in perfektem Zustand sein.
Die totale klangliche Kontrolle ist nur eines der Markenzeichen, die Sokolov zu einem Solitär in der Musikwelt machen. Seine Auftritte haben in mancherlei Hinsicht etwas Ritualhaftes. Erst wird das Licht im Saal zu einem weihevollen Halbdunkel gedimmt, ehe der Meister forschen Schrittes, den Blick geradeaus, zum Flügel eilt und nach einer angedeuteten Verbeugung zu spielen beginnt.
Diesmal ist die erste Programmhälfte einem Komponisten gewidmet: Beethoven. Und zwar keinem der bekannteren Werke, sondern der eher selten gespielten frühen Sonate Nr. 4 Es-Dur op. 7, der Sokolov ohne Unterbrechung die Sechs Bagatellen op. 126 folgen lässt. Insgesamt eine knappe Stunde, in der man auch als Hörer durchaus gefordert ist – denn op. 7 ist nicht nur die zweitlängste Beethovensonate überhaupt, sie bietet auch relativ wenig prägnante Thematik. Ihre Qualitäten liegen in der Dichte der motivischen Arbeit und, vor allem im Largo, einer Größe und Ernsthaftigkeit des Ausdrucks, die über alles Äußerliche hinausreichen. Den Kopfsatz nimmt Sokolov moderat im Tempo, spielt dafür jede Phrase, jeden Übergang mit großer Deutlichkeit aus. Das Largo ist ein Mirakel an subtilster Gestaltungskunst, und in den Bagatellen legt Sokolov neben dem beethovenschen Witz auch die hier bruchstückhaft aufscheinenden Merkmale (Triller!) des Spätwerks frei.

Nach der Pause ein weiteres langes, völlig anders geartetes Werk: die B-Dur Sonate D 960, Schuberts pianistischer Schwanengesang, mit dem er sich endgültig von den

dialektischen, auf der Spannung zwischen Themen gebauten Gestaltungsprinzipien verabschiedet.
Dieses Gipfelwerk der Klaviermusik wird häufig als resignatives Drama gespielt, und auch bei Sokolov klingt es wie ein Weltabschied – allerdings ein tröstlicher und einer, in dem die herkömmlichen Zeitdimensionen aufgehoben erscheinen. Musik, angesiedelt irgendwo zwischen Erde und Himmel, die Sokolov in all ihren Stimmungswechseln ergreifend gestaltet.
Am Ende Ovationen und, wie immer, exakt sechs Zugaben: drei Mazurken von Chopin, je eine Ballade und eine Rhapsodie von Brahms und, als Schlusspunkt, ein Skrjabin-Prélude.

Rebekka Bakken im Theaterhaus Stuttgart

16.
Apr..
2026

Das Nordische hat für uns Mitteleuropäer eine spezielle Faszination. Man verbindet damit Fjorde, Berge und weite, kalte Landschaften, in denen wenige Menschen zusammen mit Trollen und Elfen leben. Oder nicht? Für die Sängerin Rebekka Bakken bedeutet der Norden Heimat – und das klingende Echo ihrer Kindheit in Norwegen hat die 56-Jährige nun im ausverkauften T1 des Theaterhauses im Rahmen der Jazztage präsentiert.
Dafür hat sie alte Lieder, mit denen sie aufgewachsen ist, in neue Gewänder gepackt. „Die Stimme meiner Mutter, das Echo der Kirche“ seien es gewesen, die sie in diesen Liedern vernommen habe, und so sind Kirchenhymnen, Volksweisen und Schlaflieder darunter, in denen die ewigen Themen der Menschheit verhandelt werden: Kindheit, Leben und Tod, Spiritualität und Religion, Heimat und Mystik.
„Møt Meg“ ist das Eingangsstück ihres aktuellen Albums „North“, und damit beginnt auch das Konzert im Theaterhaus. Der Song ist wie eine Einladung, die als Motto für den Abend stehen kann: „Begegne mir dort, wo ich bin“, lautet der Text übersetzt, „in der Stille, ohne Worte, Sieh mich,so, wie ich bin“, und Rebekka Bakken singt das ganz zurückgenommen, verletzlich fast, wie ein Angebot an das Publikum, ihr wirklich nahe zu kommen. Musikalisch ist das Lied, wie die meisten an diesem Abend, einfach gestrickt. Ein paar Harmonien, eine simple Melodie, die ihre Begleitmusiker an Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug vor keinerlei Herausforderungen stellt. Aber um die Demonstration instrumentaler Fertigkeiten geht es ja gerade nicht – stattdessen werden Wahrheit und Glück in der Einfachheit der traditionellen Hymnen gesucht. Und gefunden. Meistens zumindest, denn grundsätzlich ist es eine heikle Sache, Wiegen- oder Kirchenlieder mit einer Band zu spielen, nicht zuletzt weil sich die Finessen einer Studioproduktion – das Album „North“ ist sehr stimmig und vielschichtig produziert – bei einem Liveauftritt nur beschränkt umsetzen lassen.

In „So ro til meg selv“, einem norwegischen Wiegenlied, gelingt das freilich wunderbar. Stein Austrud an den Keyboards legt dezent einen Klangteppich aus, der vom Drummer Rune Arnesen stoisch rhythmisiert wird und über dem die in weiten weißen Gewändern gekleidete Rebekka Bakken ihre glockenklare Sopranstimme leuchten lässt. Der Song beginnt kontemplativ mit den Zeilen „So, wiege mich zur Ruhe/damit ich schlafen kann“, gewinnt dann aber durch den monoton sich steigernden, repetitiven Beat etwas Archaisch-Hypnotisches – als würde ein Herzschlag immer lauter und stärker, bevor er am Ende schlagartig verebbt.
Leiser Beginn und Steigerung bis zur Klimax: eine angesichts der wenig komplexen Faktur der meisten Lieder nachvollziehbare Dramaturgie, die an diesem Abend häufig eingesetzt wird – und damit auch ein wenig vorhersehbar. So passt es gut, dass sich Rebekka Bakken in dem meditativen „Gjendines bådnlåt“, ebenfalls einem norwegischen Wiegenlied, auch mal allein auf die faszinierende Ausdruckskraft ihrer Stimme verlässt.
Das Publikum, das wird deutlich, liebt Rebekka Bakken, die ja fast ein Stammgast ist im Theaterhaus. Jeder Song wird bejubelt, auch als sie das Nordische mal außen vor lässt und mit Peter Gabriels „Here comes the flood“ einen Song ihres vorherigen Albums „Always On My Mind“ singt. Denn ihr stilistisches Spektrum, das hat sie längst bewiesen, ist enorm. Jazz, Pop, Singer-Songwriter, sie hat alle Genres drauf, und als Schlusspunkt singt sie „Calling all angels“ aus ihrem Album „Winter Nights“, das in einem anderen Gewand ein Thema des Abends noch einmal aufnimmt: Ein Lied darüber, wie es ist, nicht weiter zu wissen und doch die Hoffnung nicht aufzugeben.

Damit könnte es gut sein und wäre es auch, doch das enthusiasmierte Publikum hat sich kollektiv erhoben, sodass die Band nach gefühlt minutenlangem Applaus nochmal auf die Bühne kommt. „Things you leave behind“ ist das allerletzte Stück. Am Ende, so sagt dieser Song, zählen nicht die Dinge, die du hattest. Sondern die Spuren, die du in anderen Menschen hinterlässt. STZ