Beiträge der Kategorie ‘U-Musik’

PUR in der Porsche-Arena

05.
März.
2011

Halt mich fest und drück mich!

Pur spielte zum 30-jährigen Bühnenjubiläum in der Porsche-Arena

Pur hat gerufen, wieder einmal, und alle sind gekommen. Restlos ausverkauft war die Porsche-Arena am Cannstatter Wasen, viereinhalbtausend Menschen, die mit Hartmut Engler und seinen Mannen das 30-jährige Bühnenjubiläum der Band feiern wollten. Zu diesem Anlass haben die Musiker „unplugged“ gespielt: auf ihre elektrisch verstärkten Instrumente verzichtet, statt der E-Gitarre die Westerngitarren und statt dem Keyboard einen Stutzflügel auf die Bühne gebracht, was allerdings nur an wenigen Stellen wirklich auffiel.

Dass eine  Band überhaupt solange existiert wie Pur (und nach wie vor großen Erfolg hat), ist ja alles andere als selbstverständlich, dürfte aber wohl daran liegen, dass sie ein Genre begründet hat, das es vor ihnen in dieser Form noch nicht gab: den Befindlichkeitspop. Der ist mehrheitsfähig, zur Distinktion absolut ungeeignet und beruht auf verschiedenen Elementen: einer Lightversion des Rock mit eingängigen, leicht mitsingbaren Melodien, verbunden mit Texten, die in ihren besten Momenten die Menschen da abholen, wo sie mit ihren Alltagsproblemen stehen: Liebe, Altern, Freundschaft und Kinder statt Sex, Drugs and Rock´n´Roll.

Der Song „Graues Haar“ ist so ein Beispiel für ein Thema, dem sich jeder einmal stellen muss. Man mag die textliche Umsetzung banal finden und ertappt sich doch bei der Zeile „wieder geht ein Jahr“ dabei, dass man für einen Moment nachdenklich wird: stimmt, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Oder „Ruhe“, eine auch musikalisch starke Ballade, in denen Engler schöne Bilder findet für die Sehnsüchte vieler Menschen nach Nähe und Zärtlichkeit.

In seinen schwächeren Momenten können Englers Texte aber auch wie Lebenshilfe  aus dem Poesiealbum klingen. „Wir sind sterblich, sterblich und vergänglich“ heißt es in einem neueren Lied, wer möchte ihm da widersprechen? Doch „der Trick dabei“ sei, „hier und jetzt lebendig den Augenblick auszukosten“. Nun ja.

Die Stimmung im Saal jedenfall ist nach einigen Songs regelrecht aufgekratzt und treibt auf den Höhepunkt zu, als in der zweiten Hälfte die großen Hits angestimmt werden: „Abenteuerland“, „Funkelperlenaugen“, „Lena“. Da singt dann der ganze Saal mit, die Stimmung ist irgendwie wie beim Kirchentag, man hat sich gern oder es zumindest vor. Engler ist Seelsorger und Unterhalter zugleich, spielt mit dem Publikum Armehochwerfen und lässt es einige Strophen alleine singen: auch die Textsicherheit ist frappierend.

Alles wäre gut gewesen, wäre da nicht das Video, in dem die weltgeschichtlichen Höhepunkte der letzten dreißig Jahre zwischen Mauerfall und 9/11 mit den Stationen der Bandgeschichte zusammengeschnitten sind. Immer wieder Engler, in einer Reihe mit Bush, Clinton und Boris Becker. Ob er sich so wirklich sieht? (Stuttgarter Zeitung)

 

Helen Schneider, Götz Alsmann und die SWR-Bigband

09.
Jan..
2011

Ach du lieber Gott, was ist denn das? „Ich hab mich so an Dich gewöhnt“ singt Götz Alsmann, schreitet durch die Stuhlreihen des gut besuchten Beethovensaals und wirft den Damen dabei kesse Blicke zu wie einst Bully Buhlan in den 60er Jahren in Heinz Schenks Blauem Bock, begleitet von der SWR-Bigband und präsentiert vom Hausfrauensender SWR 4 („Da sind wir daheim“). Muss das nicht die Höchststrafe sein für jeden ambitionierten Jazzer, zumal wenn es sich um solch hochkarätige Instrumentalisten handelt wie die der SWR-Bigband?

Freilich: Die SWR-Bigband, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert, durfte auch einige originäre Bigbandnummern spielen, bei denen sie zeigen konnte, was ihn ihr steckt. Im Übrigen hieß sie einst Südfunk-Tanzorchester und spielte damals alles, was ihr langjähriger Leiter Erwin Lehn auf die Notenpulte legte. Und in den 50er- und 60er-Jahren machte man hierzulande noch nicht viel Unterschied zwischen Schlager, Jazz und Tanzmusik: wer gut war, konnte (und musste, wenn er davon leben wollte) alles spielen, egal ob er Paul Kuhn oder Erwin Lehn hieß (der für seinen Freund Bully Buhlan Hits komponierte wie „Gib mir einen Kuss durchs Telefon“).

Vor diesem Hintergrund gesehen setzt die SWR-Bigband also nur ihre eigene Tradition fort – und man muss, bei Lichte betrachtet, froh sein, dass es überhaupt noch Ensembles wie diese gibt, die an jene Zeit erinnern, als auch Unterhaltungsmusik noch von Könnern gemacht wurde.

Wer von dieser Band begleitet wird, darf sich also glücklich schätzen, und das ist an diesem Abend nicht nur Götz Alsmann, der auch durch das „Beswingt ins neue Jahr“ titulierte Programm führt, sondern vor allem Helen Schneider. Die 58-jährige Sängerin hat unlängst zusammen mit derSWR- Bigband eine Bert Kaempfert gewidmete CD aufgenommen, aus der sie einige Stücke präsentiert. Nun sind Klassiker wie „It´s only a Paper Moon“ (das Kaempfert allerdings nur arrangiert hat) oder „Strangers in the night“ bereits unzählige Male gecovert worden, was die Aufgabe nicht leichter macht. Doch Helen Schneider gelingt es, auch solchen Nummern noch neue Facetten abzutrotzen, selbst wenn ihre Stimme zu Beginn des Abends noch wenig präsent ist. Bei Kaempferts „L.O.V.E.“ sucht sie noch etwas den richtigen Sitz in der Höhe, doch nach der Pause ist der typische Schneider-Sound dann wieder da: die irisierende Höhe, das volle Brustregister und das ausgeprägte Tremolieren.

Da darf man Götz Alsmann schon Mut attestieren, mit ihr im Duett zu singen. Der fernseherfahrene Westfale mit der Geltolle ist ein smarter Conferencier und eloquenter Plauderer, aber ein Sänger ist er nicht. Für „Danke schön“ reicht sein Sprechgesang grade noch, aber schon durch die Schlager von Buhlan oder Eddie Constantine mogelt er sich mehr oder weniger durch. Ziemlich charmant, immerhin. (Stuttgarter Zeitung)

Michael Bublé in der Porsche-Arena Stuttgart

19.
Okt..
2007

Ironie ist nicht seine Stärke. „I´m a seller“, gesteht Michael Bublé gegen Ende seines Konzerts in der mit 4500 Besuchern gut gefüllten Porsche-Arena – was angesichts von mehreren Millionen verkaufter CDs ja so falsch nicht ist – und schaut dabei betont verwegen. Außerdem sei er gar nicht nett, eher ein Kotzbrocken, und singe ohnehin nur für die Mädels. Die jedenfalls kommen nach Michaels Bemerkung, dass zwei Stunden auf dem Hintern sitzen wohl reichen würde, in Scharen nach vorne an die Bühne gestürmt, um bei Klassikern wie „That´s life“ kollektiv ihre Fotohandys zu zücken.

Man kann sich fragen, was die Renaissance des Swing ausgelöst hat, der – siehe Roger Cicero – mittlerweile sogar Popdomänen wie die des Grand Prix d´ Eurovision erreicht hat. Ob es die Sehnsucht nach den goldenen Zeiten ist, als die Entertainer noch Stil und Charisma hatten?

Michael Bublé jedenfalls hat sie alle studiert, die Frank Sinatras und Bobby Darins. Jede Geste ist perfekt antrainiert, und sein kerniger Bariton sorgt im Verbund mit der glänzenden Big-Band dafür, dass Titel wie „ I´m your man“ oder „Me and Mrs. Jones“ tatsächlich fast so klingen wie die Originale. Der Sound in der Halle ist akzeptabel, Bublé schlittert elegant über den polierten Boden und singt überwiegend Titel aus seinem aktuellen Album „Call me irresponsible“, darunter auch seinen selbst komponierten Hit „Lost“. Der hat zwar mit Swing wenig zu tun, zeigt aber gerade deshalb einen authentischeren Michael Bublé als jenen, der sich sonst mitunter etwas aufgesetzt bemüht, ein cooler, großer Entertainer zu sein. „My English is not so good!“. Ironie ist nicht seine Stärke. (Stuttgarter Zeitung)